
EDITORIAL. Wer am Dienstag zur Wahl geht, entscheidet nicht nur über die Mehrheitsverhältnisse im Kongress. Es geht um die Frage, ob die Vereinigten Staaten weiterhin systematisch ihre eigenen Umweltgesetze demontieren – oder ob es eine Chance gibt, diesen Kurs zu korrigieren. Die Bilanz der vergangenen zwei Jahre ist verheerend: Die Trump-Regierung hat die wissenschaftliche Grundlage des amerikanischen Klimaschutzes abgeschafft, den Ausbau erneuerbarer Energien ausgebremst und die Fossilindustrie von regulatorischen Fesseln befreit. Die Midterms sind die letzte Gelegenheit, diesen Kurs zu stoppen.
Der Angriff auf die Wissenschaft
Am 12. Februar 2026 verkündete Präsident Trump die Aufhebung der sogenannten „Endangerment Finding“ der Umweltbehörde EPA . Diese 2009 unter Barack Obama erlassene Feststellung, dass sechs Treibhausgase die öffentliche Gesundheit und das Wohl der Amerikaner gefährden, war die rechtliche Grundlage für nahezu alle bundesstaatlichen Klimaregulierungen der vergangenen anderthalb Jahrzehnte . Ohne sie können Vorschriften für Fahrzeugemissionen, Kraftwerke und Methanlecks faktisch aufgehoben werden. EPA-Administrator Lee Zeldin bezeichnete die Aufhebung als „den größten Deregulierungsschritt in der Geschichte der Vereinigten Staaten“ . Trump selbst sprach von der Beseitigung einer „katastrophalen Obama-Ära-Politik“ .
Die Folgen sind absehbar. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom warnte, die Aufhebung werde „zu mehr tödlichen Waldbränden, mehr Hitzetoten, mehr klimabedingten Überschwemmungen und Dürren führen“ . Umweltorganisationen kündigten Klagen an. Doch der politische Wille der aktuellen Regierung ist eindeutig: Wissenschaft, die fossile Profite gefährdet, wird nicht geduldet.
Erneuerbare als Feindbild
Parallel dazu hat die Regierung den Ausbau sauberer Energien massiv behindert. Nach Angaben von swissinfo/EFE wurden Fördermittel in Höhe von mehr als 7,5 Milliarden Dollar für über 220 Energieprojekte in 16 Bundesstaaten gestrichen – die meisten davon im Bereich erneuerbarer Energien . Offshore-Windprojekte an der Ostküste wurden unter dem Vorwand „nationaler Sicherheit“ ausgesetzt, darunter der teilweise fertiggestellte Park Vineyard Wind 1 vor Massachusetts, der rund eine halbe Million Haushalte hätte versorgen sollen . Trump bezeichnete Windräder als landschaftsverschandelnd und vogeltötend. Stattdessen setzt er auf „saubere und wunderschöne Kohle“ und unterzeichnete Anordnungen, wonach das Verteidigungsministerium Strom aus Kohlekraftwerken beziehen soll .
Diese Politik hat einen Preis. Eine von Umweltorganisationen in Auftrag gegebene Umfrage von Hart Research ergab im Oktober 2026, dass die Energiekosten in umkämpften Kongresswahlbezirken zu den wichtigsten Wahlthemen gehören – und dass die Wähler die Republikaner dafür verantwortlich machen . Die oppositionelle Umweltorganisation EDF Action wirbt damit, dass Kandidaten, die Trumps Agenda unterstützt haben, für die steigenden Strom- und Spritpreise haften .
Was eine Opposition bewirken könnte
Die Erwartungen an einen möglichen Wahlsieg der Demokraten sind gedämpft. Solange Trump im Weißen Haus sitzt, kann der Kongress die USA nicht wieder dem Pariser Abkommen anschließen lassen, und eigene Klimagesetze wird er nicht unterzeichnen . Doch eine demokratische Mehrheit könnte andere Hebel in Bewegung setzen: Untersuchungsausschüsse, Haushaltszusätze, die die schlimmsten Deregulierungen blockieren, und personelle Kontrolle über Behörden . Senator Sheldon Whitehouse und Abgeordneter Sean Casten haben bereits den „Environmental Health Restoration Act“ eingebracht, der die vor Trump geltenden Umweltschutzstandards wiederherstellen und die EPA zu wissenschaftsbasierter Arbeit verpflichten soll . Realistisch ist ein solches Gesetz unter Trump nicht – aber es zeigt, wohin die Reise gehen könnte.
Die Wähler sind gespalten, aber nicht gleichgültig. Eine Yale-Umfrage von Ende 2025 ergab, dass 59 Prozent der registrierten Wähler Kandidaten bevorzugen, die Klimaschutz unterstützen; 74 Prozent befürworten die Regulierung von Kohlendioxid als Schadstoff – darunter 45 Prozent der konservativen Republikaner . Eine Mehrheit von 65 Prozent gibt an, der Klimawandel wirke sich auf ihre Lebenshaltungskosten aus . Das Thema ist also nicht nur moralisch, sondern handfest ökonomisch.
Die Wahl als Zäsur
Die Midterms werden Trumps Umweltpolitik nicht rückgängig machen. Aber sie können sie bremsen, untersuchen und delegitimieren. Wer Klimaschutz für eine Ideologie hält, die man per Dekret abschaffen kann, irrt: Die physikalischen Gesetze lassen sich nicht per Executive Order außer Kraft setzen. Was sich ändern lässt, ist die politische Zusammensetzung des Kongresses. Die Amerikaner haben am Dienstag die Wahl, ob sie weitere zwei Jahre der wissenschaftsfeindlichen Deregulierung wollen – oder ob sie den Anfang vom Ende dieser Ära einleiten.


