
Zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren entsorgten zahlreiche Staaten radioaktive Abfälle im Nordatlantik, indem sie diese in Fässern auf den Meeresboden versenkten. Diese Praxis, die damals als einfache Lösung galt, wurde erst 1993 international verboten. Nun hat ein internationales Forschungsteam im Rahmen des Projekts NODSSUM (Nuclear Ocean Dump Site Survey Monitoring) mehr als 3.000 dieser Atommüllfässer in einer Tiefe von 3.000 bis 5.000 Metern im Westeuropäischen Becken des Atlantiks lokalisiert. Die Entdeckung wirft neue Fragen über die langfristigen Auswirkungen auf das marine Ökosystem und die Sicherheit der Entsorgungsmethoden vergangener Jahrzehnte auf.
Die Expedition, die Mitte Juni 2025 vom französischen Hafen Brest mit dem Forschungsschiff „L’Atalante“ startete, nutzte modernste Technologie, darunter den autonomen Tauchroboter „Ulyx“. Dieser ist mit 3D-Kameras und Sonarsystemen ausgestattet, die es ermöglichten, den Meeresboden systematisch zu kartieren und die Fässer zu identifizieren. Das Team, bestehend aus 21 Wissenschaftlern, darunter ein Experte vom Thünen-Institut für Fischereiökologie in Bremerhaven, untersuchte ein Gebiet, in dem etwa die Hälfte der geschätzten 200.000 im Nordatlantik versenkten Fässer vermutet wird. Ziel war es, die genauen Positionen der Fässer zu dokumentieren und ihren Zustand zu bewerten, um mögliche Auswirkungen auf das marine Ökosystem zu analysieren.
Die Fässer, die hauptsächlich schwach- und mittelradioaktive Abfälle wie kontaminierte Laborausrüstung enthalten, wurden damals so konstruiert, dass sie dem hohen Druck der Tiefsee standhalten. Allerdings waren sie nicht darauf ausgelegt, die Radioaktivität dauerhaft einzuschließen. Erste Untersuchungen zeigen, dass einige Behälter beschädigt sind – verrostet, verformt oder sogar aufgerissen. Aus manchen Fässern tritt vermutlich Bitumen, ein Bindemittel, aus. Bisher wurden jedoch keine erhöhten Radioaktivitätswerte im Vergleich zum natürlichen Hintergrundrauschen festgestellt. Dennoch erfordern die genauen Auswirkungen auf Wasser, Meeresboden und Tiere weitere Laboranalysen, die mehrere Monate dauern werden.
Die Entsorgung von Atommüll im Meer war in den Anfängen der zivilen Nutzung der Kernenergie eine gängige Praxis, da das Wissen über die Tiefsee und ihre Ökosysteme begrenzt war. Die Fässer wurden oft ohne genaue Dokumentation ihrer Positionen versenkt, was die heutige Suche erschwert. Experten schätzen, dass die Radioaktivität der meisten Abfälle nach 300 bis 400 Jahren weitgehend abgeklungen sein dürfte. Dennoch besteht die Gefahr, dass austretende Radionuklide von Meeresorganismen aufgenommen und in der Nahrungskette angereichert werden könnten. Tonminerale im Meeresboden könnten zwar einen Teil der radioaktiven Stoffe binden, doch die langfristigen Folgen bleiben unklar.
Die Bergung der Fässer gilt als technisch äußerst komplex und kostspielig. Zudem könnte sie größere Umweltrisiken bergen als eine fortlaufende Überwachung. Das Forschungsteam plant daher, die Fundorte in einer Karte zu erfassen und durch regelmäßige Probenentnahmen Veränderungen der radioaktiven Belastung zu überwachen. Diese Daten sollen helfen, die Auswirkungen auf das Ökosystem besser zu verstehen und langfristige Strategien zu entwickeln.
Die Entdeckung der beschädigten Fässer unterstreicht die Notwendigkeit einer verantwortungsvollen Atommüllentsorgung. Während Länder wie Finnland Fortschritte bei der Einlagerung in geologischen Endlagern machen, steht Deutschland weiterhin vor Herausforderungen bei der Suche nach einem sicheren Endlager. Die Tiefsee, einst als ideale Lösung betrachtet, erweist sich heute als Mahnung für die langfristigen Konsequenzen unüberlegter Entsorgungspraktiken.

