Forscher des norwegischen Instituts SINTEF haben eine innovative Sensortechnologie entwickelt, die das Verhalten von Bienen in Echtzeit überwacht und so frühzeitige Warnsignale für Gesundheitsprobleme und Umweltveränderungen liefert. In einem Projekt, das künstliche Intelligenz mit akustischen und visuellen Aufzeichnungen verbindet, dienen Bienenvölker als natürliche Sensoren für Ökosysteme. Diese Entwicklung gewinnt an Dringlichkeit, da der Rückgang der Bestäuberpopulationen weltweit die Nahrungssicherheit bedroht und landwirtschaftliche Praktiken zunehmend auf den Prüfstand gestellt werden.
Die Technologie basiert auf einer Plattform, die unter konventionellen Bienenstöcken angebracht wird und mit Kameras, Mikrofonen, Waagen sowie Sensoren für Feuchtigkeit und Temperatur ausgestattet ist. Dadurch entsteht ein ununterbrochener Datenfluss, der Veränderungen im Bienenverhalten aufdeckt – von reduzierter Honigproduktion über ungewöhnliche Bewegungen bis hin zu veränderten Geräuschen. Solche Signale deuten auf Störungen hin, wie Parasitenbefall durch die Varroamilbe oder das Fehlen einer Königin, die die Kolonieeffizienz beeinträchtigen. Die künstliche Intelligenz analysiert diese Massendaten und ermöglicht Interventionen, bevor irreversible Schäden entstehen, etwa durch Stabilisierung der Stocktemperatur auf dem Optimum von 35 Grad Celsius.
Bienen erfüllen in diesem Ansatz eine doppelte Rolle: Als Bestäuber sorgen sie für die Fruchtbarkeit von Kulturen wie Äpfeln, Birnen und Pflaumen, die in der Landwirtschaft eine zentrale Stellung einnehmen. Gleichzeitig fungieren sie als Indikatoren für Umweltbelastungen, da ihre täglichen Flugbahnen bis zu 700 Hektar abdecken und Millionen von Datenpunkten generieren. Die Sensoren erfassen nicht nur interne Stockdynamiken, sondern auch externe Einflüsse wie Klimaveränderungen, menschliche Aktivitäten oder invasive Arten in der Umgebung. Jeder Bienenstock wird so zu einer dezentralen Überwachungsstation, die mit Solarenergie und Mobilfunknetzen autark Daten an zentrale Systeme überträgt.
Das Projekt HoBBIT, das für Honey Bee monitoring with Bioacoustics and Imaging Technology steht, läuft bis 2029 und entstand aus einer Kooperation zwischen SINTEF, dem norwegischen Institut für Naturschutzforschung NINA und dem Startup Beefutures. Letzteres, mit Sitz im Osloer Wissenschaftspark, bringt über 20 Jahre Erfahrung in der digitalen Bienenzucht ein und betont, dass herkömmliche Überwachungsmethoden den fortschreitenden Bienenverlust nicht aufhalten konnten. Stattdessen zielt HoBBIT darauf ab, die Ursachen des Schwunds zu ergründen, insbesondere die ungewollten Auswirkungen von Chemikalien wie Fungiziden, die zwar gegen Fäulnis eingesetzt werden, aber potenziell die Bienengesundheit schädigen.
Die Implikationen reichen weit über die Imkerei hinaus. In der Landwirtschaft, die auf domestizierte Honigbienen angewiesen ist, um gezielt Pflanzen zu bestäuben, könnte die Technologie zu angepassten Praktiken führen – etwa durch Vermeidung von Pestiziden während aktiver Bienenphasen. Umweltwissenschaftler sehen in den Bienen ein sensibles Frühwarnsystem für Ökosystemstörungen, das Klimafolgen oder Biodiversitätsverluste aufzeigt. Norwegen, mit seiner starken Forschungslandschaft, positioniert sich hier als Vorreiter: Der Forschungsrat des Landes finanziert das Vorhaben, das nahtlos in globale Initiativen zur Biodiversitätserhaltung einfließt.
Diese Fortschritte unterstreichen die Notwendigkeit interdisziplinärer Ansätze, die Digitalisierung mit Ökologie verknüpfen. Während der Bienenrückgang in Europa und Nordamerika anhält, bietet die Sensorik einen pragmatischen Weg, um nicht nur die Tiere zu schützen, sondern auch nachhaltige Landwirtschaft zu fördern. Die Ergebnisse von HoBBIT könnten zukünftig in kommerzielle Systeme münden und Imker weltweit unterstützen, ihre Völker resilienter zu machen.

