
Der Schweizer Nahrungsmittelriese Nestlé hat seinen Ausstieg aus der Dairy Methane Action Alliance bestätigt, einer globalen Initiative zur Reduktion von Methanemissionen in der Milchproduktion. Diese Entscheidung, die bereits im September durch das Verschwinden des Nestlé-Logos auf der Allianz-Website auffiel, stößt auf gemischte Reaktionen: Während das Unternehmen seine Klimaziele als unerschütterlich darstellt, sehen Umweltexperten darin ein Alarmsignal für die Zerbrechlichkeit freiwilliger Brancheninitiativen. Der Schritt fällt in eine Zeit, in der politische Rückschläge – insbesondere in den USA unter Präsident Donald Trump – den Druck auf Unternehmen erhöhen, sich von umfassenden Klimaverpflichtungen zu distanzieren.
Die Dairy Methane Action Alliance, 2023 von der US-Umweltorganisation Environmental Defense Fund (EDF) ins Leben gerufen, zielt darauf ab, Methanemissionen aus Milchlieferketten messbar zu machen, offenzulegen und schrittweise zu senken. Methan, das in der Milchwirtschaft vor allem durch die Verdauung von Rindern und die Lagerung von Gülle entsteht, ist etwa 30-mal klimaschädlicher als Kohlendioxid und trägt zu rund 40 Prozent der anthropogenen Methanemissionen bei, hauptsächlich aus der Landwirtschaft. Die Allianz vereint derzeit noch zehn Mitglieder wie Danone, Kraft Heinz, Starbucks und General Mills, die sich verpflichten, detaillierte Emissionsdaten zu veröffentlichen und Reduktionspläne bis Ende 2025 vorzulegen – eine Frist, die bereits einmal verschoben wurde.
Nestlé, als Gründungsmitglied und weltgrößter Milchkäufer, hatte sich anfangs engagiert. Doch der Konzern umgeht nun die Allianz-Vorgaben, indem er in seinem jüngsten Nachhaltigkeitsbericht nur aggregierte Methanreduktionen angibt: Bis Ende 2024 sanken die Emissionen um 21 Prozent im Vergleich zu 2018, ohne spezifische Angaben zur Milchproduktion, die 30 Prozent der gesamten Scope-3-Emissionen ausmacht. Stattdessen verweist Nestlé auf seinen internen Dairy Climate Plan und die Net-Zero-Roadmap, die eine Halbierung der Treibhausgasemissionen bis 2030 und Klimaneutralität bis 2050 vorsehen. Ergänzend kündigte das Unternehmen eine Partnerschaft mit der World Farmers’ Organisation an, um die Resilienz von Lebensmittelsystemen gegenüber Klimawandel zu stärken – ein Move, der als Ablenkungsmanöver wirken könnte.

Kritiker sehen in diesem Verhalten eine kalkulierte Strategie, um Transparenz zu umgehen. Die Allianz fordert branchenweite Standardisierung, die Nestlé offenbar als zu restriktiv empfindet. „Der stille Abgang wirkt besorgniserregend, gerade wenn Wissenschaftler betonen, dass Methanreduktionen der schnellste Hebel gegen die Erderwärmung sind“, urteilt eine Vertreterin der Non-Profit-Organisation Changing Markets Foundation. Tatsächlich passt der Austritt in einen breiteren Trend: Ähnlich wie die kürzliche Auflösung der Net-Zero Banking Alliance, aus der auch die Schweizer UBS ausstieg, signalisiert er wachsende Skepsis gegenüber multilateralen Klimakoalitionen. In den USA, wo Trump zahlreiche Umweltschutzmaßnahmen rückgängig macht, spüren globale Konzerne wie Nestlé den Sog regulatorischer Lockerungen – ein Kontext, der den Druck auf europäische Unternehmen verstärkt, sich anzupassen, ohne Wettbewerbsnachteile zu riskieren.
Für die Milchindustrie birgt der Nestlé-Austritt weitreichende Konsequenzen. Als einer der größten Abnehmer von Milch könnte der Konzern Lieferanten unter Druck setzen, kostengünstigere, weniger transparente Produktionsmethoden zu wählen, was die Branche insgesamt von einheitlichen Emissionsstandards abbringt. Bisher haben sieben Allianz-Mitglieder ihre Milch-Methan-Daten offengelegt und vier Reduktionspläne präsentiert; Nestlés Rückzug könnte andere entmutigen, insbesondere da die Initiative ohnehin langsam vorankommt. In Ländern wie Neuseeland, wo die ACT-Partei den Schritt als Beleg für den Kollaps „unerschwinglicher internationaler Abkommen“ feiert, wird er als Aufruf interpretiert, nationale Klimaziele zu überdenken. Dies könnte zu einer Fragmentierung führen: Statt globaler Harmonie entstehen regionale Ansätze, die den Übergang zu klimafreundlicher Milchproduktion erschweren und letztlich Verbraucher mit höheren Preisen belasten.
Nestlé betont, dass der Austritt Teil einer routinemäßigen Überprüfung externer Mitgliedschaften sei und keine Abkehr vom Klimaschutz darstelle. Dennoch bleibt die Glaubwürdigkeit fraglich: Ohne die Allianz-Durchsetzungskraft fehlt es an unabhängiger Überwachung, was Investoren und NGOs skeptisch macht. Der Konzern, der in der Schweiz und weltweit für Nachhaltigkeit wirbt, riskiert Imageverluste – gerade da Verbraucher zunehmend nach transparenten Lieferketten verlangen. Langfristig könnte dies die gesamte Lebensmittelbranche vor die Wahl stellen: Entweder stärkere interne Initiativen oder der Verlust an Glaubwürdigkeit in einem zunehmend klimabewussten Markt.
Ob dieser Schritt Nestlé strategisch nutzt, um flexibler auf geopolitische Veränderungen zu reagieren, oder ob er die Branche nachhaltig schwächt, wird sich in den kommenden Quartalen zeigen. Bislang bleibt die Allianz resilient, doch der Verlust eines Schwergewichts wie Nestlé unterstreicht: Klimaschutz ist kein Freiwilligenprojekt mehr, sondern ein Schlachtfeld zwischen Profit und Planeten.
Quellen
- Reuters: Nestle quits global alliance on reducing dairy methane emissions
- Bloomberg: Nestle Bows Out of Initiative to Reduce Dairy’s Climate Impact
- FoodNavigator: Nestlé exits Dairy Methane Action Alliance
- The Grocer: Nestlé defends exit from dairy methane reduction alliance
- ESM Magazine: Nestlé Quits Global Alliance On Reducing Dairy Methane Emissions
- Nestlé Global: Our Net Zero roadmap
- ESG News: Nestlé Withdraws from Global Dairy Methane Alliance
- Farm Progress: Nestle bows out of initiative to reduce dairy’s impact
- Swissinfo: Nestlé exits global alliance to reduce methane emissions
- EDairy News: Methane Mission Retreat: Nestlé Quits Dairy Climate Alliance
- X (Twitter): Diskussionen zu Nestlé-Austritt

