
Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) sind eine Gruppe synthetischer Chemikalien, die seit den 1940er-Jahren in Industrie und Konsumgütern eingesetzt werden. Aufgrund ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften finden sie sich in Produkten wie Anti-Haft-Beschichtungen, wasserabweisender Kleidung, Lebensmittelverpackungen, Löschschäumen und Kosmetika. Die hohe chemische Stabilität führt dazu, dass PFAS in der Umwelt und im menschlichen Körper extrem persistent sind – sie werden daher als „ewige Chemikalien“ bezeichnet. Weltweit sind Millionen Menschen exponiert, und Studien zeigen messbare Konzentrationen in nahezu 99 % der untersuchten Blutproben.
Eine PFAS-Vergiftung im klassischen Sinne – also eine akute, lebensbedrohliche Intoxikation – ist extrem selten. Viel häufiger treten chronische, niedrig dosierte Expositionen auf, die über Jahre gesundheitliche Folgen haben können. Dieser Ratgeber erklärt evidenzbasiert, wie man eine mögliche PFAS-Belastung erkennt, welche Symptome auftreten können, wie Diagnosen gestellt werden und was Betroffene tun sollten. Alle Angaben stützen sich auf peer-reviewed Studien, Berichte von Gesundheitsbehörden wie der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA), dem US-Umweltbundesamt (EPA) und der Agency for Toxic Substances and Disease Registry (ATSDR) sowie auf systematische Reviews.
1. Was sind PFAS und wie gelangen sie in den Körper?
PFAS umfassen über 4.700 verschiedene Verbindungen, von denen Perfluoroctansäure (PFOA), Perfluoroctansulfonsäure (PFOS), Perfluornonansäure (PFNA) und Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS) am besten untersucht sind. Sie reichern sich in der Nahrungskette an, insbesondere in Fischen, Wild und Trinkwasser in belasteten Regionen.
Expositionswege:
- Trinkwasser: In Gebieten mit industrieller Produktion oder Löschschaum-Einsatz (z. B. Flughäfen, Militärstützpunkte) können PFAS-Konzentrationen im Grundwasser die Grenzwerte überschreiten. Die EU-Trinkwasserrichtlinie 2020/2184 legt seit 2021 einen Summengrenzwert von 0,1 µg/L für 20 PFAS fest.
- Nahrung: Fettreiche Lebensmittel wie Fisch, Leber, Eier aus belasteten Regionen oder mit PFAS-haltigen Verpackungen kontaminierte Produkte.
- Luft und Staub: In Fabriken oder bei der Verbrennung PFAS-haltiger Materialien.
- Konsumgüter: Migration aus beschichteten Pfannen, Textilien oder Kosmetika in die Haut oder den Mund.
Die Halbwertszeiten im menschlichen Körper betragen bei PFOA etwa 3,8 Jahre, bei PFOS 5,4 Jahre. Das bedeutet: Selbst nach Expositionsende sinkt die Körperbelastung nur langsam.
2. Akute vs. chronische Exposition – Was ist realistisch?
Akute Vergiftung
Eine akute PFAS-Intoxikation durch extrem hohe Dosen (z. B. bei Arbeitsunfällen mit konzentrierten Chemikalien) führt zu unspezifischen Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen oder Leberenzymanstiegen. Solche Fälle sind dokumentiert, aber extrem selten und betreffen fast ausschließlich Beschäftigte in der chemischen Industrie. Für die Allgemeinbevölkerung ist dies irrelevant.
Chronische Exposition
Die gesundheitlich relevante Belastung entsteht durch jahrzehntelange niedrige Dosen. Epidemiologische Studien (z. B. die C8 Health Project-Studie mit über 69.000 Teilnehmern in den USA) zeigen Zusammenhänge zwischen erhöhten PFAS-Blutwerten und folgenden Effekten:
| Gesundheitseffekt | Evidenzstärke (nach EFSA 2020) | Blutspiegel (typisch) |
|---|---|---|
| Erhöhtes Cholesterin | stark | > 20 ng/mL PFOA |
| Leberwerterhöhung (ALT) | stark | > 15 ng/mL PFOS |
| Nierenkrebs | moderat | > 50 ng/mL PFOA |
| Hodenkrebs | moderat | > 40 ng/mL PFOA |
| Schilddrüsenfunktionsstörung | moderat | > 10 ng/mL PFHxS |
| Reduzierte Impfantwort | stark | > 5 ng/mL PFOA |
| Geringeres Geburtsgewicht | stark | > 10 ng/mL PFOS |
3. Symptome – Warum sie so schwer zuzuordnen sind
PFAS verursachen keine spezifischen Symptome, die sofort auf eine Vergiftung hinweisen. Stattdessen treten unspezifische Beschwerden auf, die auch bei vielen anderen Erkrankungen vorkommen:
- Müdigkeit, Abgeschlagenheit – oft bei Leberbelastung
- Gewichtszunahme trotz unveränderter Ernährung – möglicherweise durch Schilddrüsenstörung
- Häufige Infekte – durch geschwächtes Immunsystem
- Erhöhte Blutfette – ohne familiäre Vorbelastung
- Unklare Oberbauchbeschwerden – bei Leberwerterhöhung
Wichtig: Kein einzelnes Symptom beweist eine PFAS-Belastung. Erst das Zusammenspiel aus Expositionsanamnese, Laborbefunden und gesundheitlichen Auffälligkeiten erlaubt eine fundierte Verdachtsdiagnose.
4. Wer sollte sich testen lassen? – Risikogruppen
Ein PFAS-Bluttest ist keine Routinediagnostik, sondern nur bei begründetem Verdacht sinnvoll. Folgende Personen sollten eine Untersuchung in Erwägung ziehen:
- Anwohner belasteter Regionen
- Z. B. Umkreis von Chemieparks (3M in Antwerpen, DuPont in Parkersburg), Flughäfen mit AFFF-Löschschaum, Militärbasen.
- In Deutschland: Rastatt/Mörfelden (PFOA-Belastung durch Papierfabrik), Altötting (PFOS durch Löschschaum).
- Beruflich Exponierte
- Mitarbeiter in PFAS-produzierenden oder -verarbeitenden Betrieben, Feuerwehrleute mit AFFF-Einsatz.
- Personen mit auffälligen Laborwerten ohne andere Ursache
- Erhöhtes Cholesterin trotz Lebensstiländerung
- Transaminasen-Anstieg ohne Alkohol oder Hepatitis
- Kinder mit reduzierter Impfantwort trotz vollständiger Impfung.
- Schwangere oder Stillende in Risikogebieten
- PFAS passieren die Plazenta und reichern sich in Muttermilch an.
5. Diagnostik – Wie wird PFAS im Körper nachgewiesen?
5.1 Blutuntersuchung (Serum)
Die einzige valide Methode zur Bestimmung der inneren Belastung ist die Messung von PFAS im Serum mittels Hochleistungs-Flüssigkeitschromatographie mit Massenspektrometrie (HPLC-MS/MS).
Referenzwerte (95. Perzentil, Deutschland, Umweltbundesamt 2021):
- PFOA: 2,0 µg/L
- PFOS: 4,5 µg/L
- PFHxS: 1,0 µg/L
Werte darüber gelten als erhöht. In stark belasteten Regionen (z. B. Arnsberg 2006) lagen PFOA-Werte bei Anwohnern bei > 40 µg/L.
Kosten: 150–300 € pro Substanz, meist Selbstzahlerleistung.
5.2 Trinkwasser- und Lebensmittelanalyse
Wird bei Verdacht auf lokale Kontamination durchgeführt. Die Landesuntersuchungsämter bieten kostenfreie Tests für Privatbrunnen in Risikogebieten an.
5.3 Bildgebung und Funktionstests
- Leber: Ultraschall, FibroScan bei erhöhten Transaminasen
- Schilddrüse: TSH, fT3, fT4, Sonografie
- Nieren: Kreatinin, eGFR, Urinstatus
6. Fallbeispiel: Erkennung in der Praxis
Eine 42-jährige Frau aus einer Gemeinde mit bekannter PFAS-Belastung des Trinkwassers klagt seit zwei Jahren über Müdigkeit, Gewichtszunahme (+12 kg) und wiederkehrende Infekte. Labor: Gesamtcholesterin 280 mg/dL, ALT 68 U/L, TSH 5,8 mIU/L (oberer Normbereich). Kein Alkohol, keine Medikamente, keine familiäre Vorbelastung.
Vorgehen:
- Expositionsanamnese: 20 Jahre Trinkwasser aus lokalem Brunnen ? belastet mit 0,8 µg/L PFOA (Grenzwertüberschreitung).
- PFAS-Serum: PFOA 38 µg/L, PFOS 12 µg/L ? stark erhöht.
- Ausschlussdiagnostik: Hepatitis-Serologie negativ, Autoimmunmarker negativ.
- Diagnose: Chronische PFAS-Exposition mit Leber-, Schilddrüsen- und Immunmodulation.
- Maßnahmen: Anschluss an gefiltertes Wasser, Ernährungsberatung, Schilddrüsenmedikation, jährliche Tumorkontrollen.
7. Was tun bei erhöhten Werten?
7.1 Expositionsminimierung (primäre Maßnahme)
- Trinkwasser: Aktivkohlefilter (zertifiziert für PFAS) oder Flaschenwasser.
- Lebensmittel: Weniger fetten Seefisch aus belasteten Gewässern, keine Mikrowellenpopcorn-Verpackungen.
- Konsumgüter: Keine PFAS-haltigen Imprägniersprays, keine beschichteten Pfannen bei Kratzern.
7.2 Medizinische Betreuung
- Leberwerte: Regelmäßige Kontrolle, ggf. Ursodeoxycholsäure bei Steatosis.
- Cholesterin: Statintherapie bei kardiovaskulärem Risiko.
- Impfungen: Auffrischung bei nachgewiesener reduzierter Antikörperantwort.
7.3 Keine Entgiftungstherapien
Es gibt keine evidenzbasierte Methode, PFAS aus dem Körper zu entfernen. Plasmapherese, Chelat-Therapie oder „Detox-Kuren“ sind wirkungslos und potenziell schädlich.
8. Rechtliche Aspekte und Entschädigung
In Deutschland können Betroffene in belasteten Regionen über Verwaltungsakt oder Zivilklage Schadensersatz fordern. Beispiele:
- Rastatt 2018: Land Baden-Württemberg zahlte 12 Mio. € an Anwohner.
- 3M Belgien 2022: 571 Mio. € Entschädigungsfonds.
Voraussetzung: Nachweis der Exposition und gesundheitlicher Schäden durch Gutachten.
9. Prävention – Was jeder tun kann
- Trinkwasser: Jährliche Analyse bei Privatbrunnen (kostenfrei über Gesundheitsamt in Risikogebieten).
- Produktwahl: Siegel wie „PFAS-frei“ (z. B. bei Outdoorbekleidung) beachten.
- Politik: Unterstützung von Verboten (EU plant PFAS-Restrictionsvorschlag 2025).
10. Fazit
Eine PFAS-Vergiftung ist keine akute Intoxikation mit dramatischen Symptomen, sondern eine schleichende Belastung mit unspezifischen gesundheitlichen Folgen. Die Erkennung erfordert drei Schritte:
- Expositionsanamnese – Leben oder Arbeiten in Risikogebieten?
- Labordiagnostik – PFAS im Serum messen lassen.
- Ausschlussdiagnostik – Andere Ursachen für Symptome ausschließen.
Nur bei erhöhten Blutwerten und entsprechender Vorgeschichte ist eine PFAS-bedingte Gesundheitsstörung plausibel. Betroffene sollten sich an Umweltmediziner oder Toxikologen wenden – nicht an Esoterik-Anbieter. Die wichtigste Maßnahme bleibt die Vermeidung weiterer Exposition.
Quellen (Auswahl):
- EFSA CONTAM Panel (2020). Risk to human health related to PFAS in food.
- ATSDR (2021). Toxicological Profile for Perfluoroalkyls.
- Umweltbundesamt Deutschland (2021). PFAS im Blut der Bevölkerung.
- C8 Science Panel (2011–2012). Probable Link Reports.
- EU-Trinkwasserrichtlinie 2020/2184.

