Ein Gletscher auf der Antarktischen Halbinsel hat sich in nur zwei Monaten um acht Kilometer zurückgezogen und dabei fast 50 Prozent seiner Eisfläche verloren. Der Hektoria-Gletscher erlebte damit den schnellsten dokumentierten Rückzug in der modernen Geschichte. Ursache ist ein flacher Felsuntergrund, der das Eis nach starker Ausdünnung aufschwimmen ließ und einen massiven Kalbungsprozess auslöste. Die Ergebnisse einer von der University of Colorado Boulder geleiteten Studie, die am Montag in Nature Geoscience erschienen ist (DOI: 10.1038/s41561-025-01802-4), warnen vor ähnlichen Szenarien bei größeren Gletschern und beschleunigtem Meeresspiegelanstieg.
Der Hektoria-Gletscher, etwa 115 Quadratkilometer groß und vergleichbar mit der Fläche Philadelphias, liegt auf der Ostseite der Antarktischen Halbinsel. Zwischen Ende 2022 und Anfang 2023 brach er innerhalb von 60 Tagen zusammen. Satellitendaten zeigen, dass an manchen Tagen bis zu 2,5 Kilometer Eis abgekalbt wurden. „Hätten wir nur vierteljährliche Aufnahmen, wäre die Geschwindigkeit nicht erkennbar“, erklärt Hauptautorin Naomi Ochwat, Postdoktorandin am Cooperative Institute for Research in Environmental Sciences (CIRES) der University of Colorado. Durch die Kombination von Bildern verschiedener Satelliten – darunter Landsat, Sentinel und hochauflösende kommerzielle Systeme – konnte das Team den Prozess lückenlos rekonstruieren.
Flacher Untergrund als Auslöser
Gezeitengletscher wie Hektoria ruhen teilweise auf dem Meeresboden und enden im Ozean, wo sie Eisberge kalben. Der entscheidende Faktor war hier eine sogenannte Eisebene: ein flacher Felsuntergrund unterhalb des Meeresspiegels. Nach jahrelanger Ausdünnung durch warmes Ozeanwasser verlor das Eis den Kontakt zum Boden und begann zu schwimmen. An mehreren Aufsetzlinien – den Punkten, an denen das Eis den Meeresgrund berührt – löste sich der Gletscher. Ozeankräfte öffneten Risse von unten, die auf oberflächliche Spalten trafen und den Gletscher zerrissen.
Seismische Messungen bestätigten, dass das Eis vor dem Kollaps fest auf dem Fels auflag. Die dabei freigesetzte Energie trug direkt zum globalen Meeresspiegel bei, ohne dass Schmelzwasser zwischengespeichert wurde. „Der Rückzug war ein Schock“, sagt CIRES-Wissenschaftler Ted Scambos, Koautor der Studie. „Er verändert die Risikobewertung für andere Gletscher grundlegend.“
Historischer Kontext und Warnung
Paläoklimatische Daten zeigen, dass antarktische Gletscher vor 15.000 bis 19.000 Jahren während der letzten Eiszeitdeglaziation ähnlich schnell – bis zu mehrere Hundert Meter pro Tag – zurückwichen. Der aktuelle Fall ist jedoch der erste in der Satellitenära, der solche Dynamiken in Echtzeit dokumentiert. Eisebenen sind auf zahlreichen antarktischen Gletschern nachgewiesen, darunter potenziell instabile Riesen wie Thwaites oder Pine Island.
„Ein vergleichbarer Kollaps größerer Systeme könnte den Meeresspiegelanstieg dramatisch beschleunigen“, warnt Scambos. Die Forscher empfehlen, Gletscher mit flachem Untergrund priorisiert zu überwachen. Ochwat, die das Gebiet im Januar 2024 per Flugzeug inspizierte, beschreibt den Anblick als „tief erschütternd“: „Der Fjord und die freigelegten Bergformationen waren auf Satellitenbildern schon sichtbar, aber vor Ort wird die Dimension greifbar.“
Die Studie entstand im Rahmen einer Untersuchung zum Meereisverlust nach dem Kollaps eines Schelfeises im Jahr 2002. Zufällig stießen die Wissenschaftler auf die Anomalie bei Hektoria und vertieften die Analyse. Finanzierung kam unter anderem von NASA und NSF.
Nature Geoscience

