Klimawandel: BTV-8-Ausbruch in Deutschland durch milde Herbsttemperaturen

Durch | November 10, 2025

Der Ausbruch der Blauzungenkrankheit durch den Serotyp 8 (BTV-8) in Deutschland im Herbst 2025 markiert einen alarmierenden Wendepunkt in der Tiergesundheit. Die Erkrankung, die vor allem Rinder, Schafe und Ziegen betrifft, wurde Ende Oktober in Grenzregionen nachgewiesen und breitet sich rasch aus. Experten sehen im Klimawandel den entscheidenden Auslöser: Mildere Temperaturen verlängern die Aktivität der übertragenden Gnitzen und ermöglichen eine Überwinterung des Virus, die früher undenkbar war. Dieser Bericht beleuchtet den Zusammenhang zwischen den ungewöhnlich warmen Bedingungen, der Epidemiologie der Seuche und den Folgen für die Landwirtschaft. Er analysiert, wie der Klimawandel die Verteilung vektorgeborener Krankheiten verändert und welche Maßnahmen notwendig sind, um zukünftige Eskalationen zu verhindern.

Hintergrund: Die Blauzungenkrankheit und ihre Anpassung an veränderte Klimabedingungen

Die Blauzungenkrankheit entsteht durch ein Orbivirus, das über 25 Serotypen umfasst und ausschließlich Wiederkäuer infiziert. BTV-8, der Serotyp des aktuellen Ausbruchs, zeichnet sich durch hohe Ansteckungsfähigkeit und Virulenz aus, insbesondere bei Schafen. Die Übertragung erfolgt nicht direkt zwischen Tieren, sondern durch Culicoides-Gnitzen, kleine blutsaugende Insekten, die bei Temperaturen über 15 Grad Celsius besonders aktiv sind. Historisch war die Krankheit auf tropische und subtropische Regionen beschränkt, wo konstante Wärme und Feuchtigkeit die Vektoren begünstigen. In Europa traten vereinzelte Fälle auf, doch massive Epidemien blieben aus, bis der Klimawandel die Bedingungen veränderte.

Seit den 1990er Jahren hat sich die globale Erwärmung auf die Verbreitung vektorgeborener Erkrankungen ausgewirkt. Steigende Durchschnittstemperaturen – in Europa um etwa 1,2 Grad seit 1980 – verlängern die Übertragungszeitfenster und erweitern das Habitat der Gnitzen nach Norden. Studien zeigen, dass Culicoides-Arten wie C. obsoletus und C. pulicaris, die in gemäßigten Zonen heimisch sind, durch mildere Winterpopulationen aufbauen können. Das Virus überwintert in diesen Insekten oder latent in infizierten Tieren, was bei früheren Kältephasen unmöglich war. Der Klimawandel fördert zudem Winddrift: Warme Luftströmungen transportieren Gnitzen über Hunderte Kilometer, wie es 2006 bei der ersten BTV-8-Welle in Nordeuropa geschah.

In Deutschland führte der Ausbruch von 2006 bis 2009 zu über 24.000 Infektionen und wirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe. Damals profitierten die Vektoren von einem heißen Sommer mit Temperaturen über 30 Grad, die die Reproduktionsrate der Gnitzen verdoppelten. Nach Impfkampagnen erlangte das Land 2012 den Seuchenfrei-Status, doch isolierte Rückkehrer in den Jahren 2018 bis 2021 deuteten auf anhaltende Vulnerabilität hin. Der Klimawandel verstärkt dies: Modelle prognostizieren eine Verlängerung der Gnitzen-Saison von vier auf bis zu acht Monate bis 2050. BTV-8 passt sich an, indem es in milden Klimazonen persistierter wird, und interagiert mit anderen Serotypen wie BTV-3, das seit 2023 in Nordeuropa zirkuliert. Diese Synergien erhöhen das Risiko hybrider Ausbrüche, die Impfungen erschweren.

Grüne Weiden statt Schnee im Winter Symbolbild Credits Unsplash

Der Ausbruch 2025: Chronologie und der Rolle milder Temperaturen

Der aktuelle BTV-8-Ausbruch begann am 8. Oktober 2025 in Berghaupten im baden-württembergischen Ortenaukreis, nahe der französischen Grenze. Ein Rind testete positiv, was auf eine Übertragung aus endemischen Gebieten in Frankreich hindeutet. Bis zum 20. Oktober folgte ein Fall im bayerischen Landkreis Berchtesgadener Land an der österreichischen Grenze, und am 30. Oktober infizierte ein Schafbestand im Landkreis Traunstein. Bis Mitte November 2025 wurden weitere Nachweise im Saarland (Saarpfalz-Kreis) und in Hessen (Kreise Bergstraße, Odenwald und Darmstadt-Dieburg) gemeldet. Die Fallzahlen kletterten auf über zehn bestätigte Betriebe, mit Ausbreitung auf Teile von Rheinland-Pfalz und Niedersachsen.

Diese rasche Expansion hängt direkt mit den milden Temperaturen zusammen. Der Oktober 2025 verzeichnete bundesweit eine Durchschnittstemperatur von 9,9 Grad Celsius, 0,5 Grad über dem langjährigen Mittel von 1991 bis 2020. In Süddeutschland, dem Epizentrum, lagen die Höchstwerte oft bei 18 bis 22 Grad, was eine Verlängerung der Gnitzen-Aktivität ermöglichte. Normalerweise endet die Saison im September mit sinkenden Temperaturen unter 15 Grad, doch 2025 hielt die Wärme an, begünstigt durch eine persistente Hochdrucklage. Prognosen zeigten, dass der Herbst 2025 insgesamt 2 Grad über dem Durchschnitt lag, mit Trockenperioden, die Feuchtigkeit in Wiesen und Flüssen konservierten – ideale Bedingungen für Culicoides-Bruten.

Im November setzt sich der milde Trend fort: Bis Mitte des Monats rechnen Modelle mit Abweichungen von bis zu 3,7 Grad über dem Schnitt, was die Vektoren weiter aktiv hält. In Grenzregionen wie Bayern und Baden-Württemberg, wo Flüsse und Feuchtgebiete Vorkommen, explodierte die Gnitzen-Population durch diese Bedingungen. Wind aus dem Süden trug infizierte Insekten über Grenzen, verstärkt durch den Klimawandel-induzierten Jetstream-Verschiebungen. Bislang sind Rinder stärker betroffen, doch Schafe zeigen in Bayern schwere Symptome, was auf eine temperaturbedingte Erhöhung der Viruslast hindeutet. Ohne den milden Herbst wäre der Ausbruch wahrscheinlich auf isolierte Importfälle beschränkt geblieben.

Epidemiologische Analyse: Klimawandel als Katalysator für die Ausbreitung

Der Klimawandel ist der zentrale Treiber dieses Ausbruchs. Globale Erwärmung führt zu einer Nordwärtsverschiebung der BTV-Verbreitungszone um bis zu 700 Kilometer pro Jahrzehnt. In Europa hat die Erhöhung der Wintertemperaturen die Überwinterungschancen des Virus in Vektoren von nahe null auf über 20 Prozent gesteigert. Mildere Herbsttemperaturen wie 2025 verlängern die Transmission-Saison, da Gnitzen bei 15 bis 25 Grad optimal replizieren. Studien modellieren, dass jede Grad Erwärmung die Übertragungsrate um 10 bis 20 Prozent steigert, durch schnellere Virusvermehrung in den Insekten.

In Deutschland begünstigt die dichte Viehdichte in Süden – über 12 Millionen Rinder – die Kettenübertragung. Der internationale Handel importiert infizierte Tiere aus Risikogebieten, doch der Klimawandel macht lokale Vektoren zum Hauptfaktor. Seit 2023 zirkuliert BTV-3 parallel, und die milde Witterung 2025 könnte zu Co-Infektionen führen, die Symptome verschärfen. Das Friedrich-Loeffler-Institut warnt, dass anhaltende Wärme die Inzidenz bis Jahresende verdoppeln könnte. Risikofaktoren umfassen fehlende Herdenimmunität nach dem Freistatus 2023 und reduzierte Impfungen. Klimamodelle prognostizieren für Mitteleuropa bis 2030 eine Verdreifachung der BTV-Risikomonate, was die Abhängigkeit von Vektorkontrolle unterstreicht.

Auswirkungen auf Tiergesundheit und Landwirtschaft: Verstärkt durch warme Bedingungen

Die gesundheitlichen Folgen von BTV-8 sind gravierend und werden durch den Klimawandel verschärft. Schafe erleiden Fieber bis 42 Grad, Schwellungen, Lahmheiten und Herzversagen, mit Letalitätsraten von 30 bis 50 Prozent. In den bayerischen Fällen 2025 zeigten infizierte Tiere rasche Verschlechterung, da die milde Witterung die Viruslast in Vektoren erhöht. Rinder weisen milde Symptome auf, doch Milchleistung sinkt um 20 Prozent, Aborte steigen, und Fruchtbarkeit leidet langfristig. Die transplazentare Übertragung schädigt Nachkommen, was Herdenstrukturen destabilisiert.

Wirtschaftlich trifft der Ausbruch die Branche hart. Die deutsche Viehwirtschaft generiert jährlich Milliarden, doch Restriktionszonen behindern Exporte in seuchenfreie Märkte. Direkte Verluste durch Tierverluste und Behandlungen belaufen sich auf Hunderttausende Euro pro Betrieb, indirekt durch Quarantäne und Tests. Der milde Herbst 2025 verlängert die Saison, was Kosten für Insektizide und Überwachung explodieren lässt. Schäfer, bereits wirtschaftlich belastet, leiden am stärksten, da Schafe höhere Mortalität zeigen. Langfristig bedroht der Klimawandel die Biodiversität, da Wildwiederkäuer wie Rehe als Reservoire dienen und die Seuche perpetuieren.

Maßnahmen und Strategien: Anpassung an klimabedingte Risiken

Die Eindämmung folgt EU-Richtlinien, mit 150-Kilometer-Restriktionszonen um Ausbrüche. In Bayern und Baden-Württemberg gelten strenge Transportregeln: Nur geimpfte oder getestete Tiere dürfen bewegt werden. Vektorschutz durch Netze und Repellentien wird empfohlen, doch der Fokus liegt auf Impfungen. Inaktivierte Vakzinen wie Bovilis BTV8 schützen serotyp-spezifisch; das BMEL genehmigt deren Einsatz unbefristet. Eine Abdeckung von 80 Prozent zielt auf Herdenimmunität ab, doch der Klimawandel erfordert jährliche Auffrischungen.

Überwachung intensiviert sich durch das Referenzlabor am Friedrich-Loeffler-Institut, mit monatlichen Proben und Apps zur Früherkennung. Internationale Kooperationen mit Frankreich und Österreich umfassen Gnitzen-Monitoring, das klimasensitive Modelle integriert. Experten fordern EU-weite Impfpflichten in Risikozonen und Investitionen in klimafeste Strategien, wie resistente Rassen oder gentechnische Vektorkontrolle. Der milde November 2025 unterstreicht die Dringlichkeit: Ohne Anpassung drohen jährliche Ausbrüche.

Ausblick: Zukünftige Bedrohungen durch anhaltende Erwärmung

Der BTV-8-Ausbruch 2025 exemplifiziert, wie der Klimawandel Seuchen dynamisiert. Prognosen sehen bis 2050 eine Ausweitung der Risikogebiete um 30 Prozent in Europa, mit längeren Saisons und höheren Ausbruchshäufigkeiten. Mildere Temperaturen machen Vorhersagen schwieriger und fordern resiliente Systeme. Für Landwirte bedeutet das: Frühe Impfungen, Biosicherheit und Klimawachsamkeit. Politik muss in Forschung investieren, um Vektoren zu bekämpfen und Handel zu regulieren. Dieser Vorfall mahnt: Ohne globale Emissionsreduktion werden vektorgeborene Krankheiten zur Norm, mit unkalkulierbaren Kosten für Wirtschaft und Ökosysteme. Koordinierte Anstrengungen können den Freistatus zurückholen, doch der Klimawandel diktiert den Rhythmus.

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Quellen

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  • https://www.news.de/lokales/856314360/wetter-bonn-heute-morgen-und-7-tage-trend-wettervorhersage-kw-44-vom-29-oktober-bis-04-november-2025/1/
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