
Eine neue Studie in „Science of The Total Environment“ belegt erstmals anhand großer Fernmessdaten aus Belgien und der Schweiz, dass selbst moderne Euro-VI-Lkw (Stufen A, B und C) im realen Betrieb spürbar mehr Stickoxide (NO?) ausstoßen, je älter und laufleistungsstärker sie werden. Bei Sattelzugmaschinen und Gliederzügen – also den typischen Fernverkehrs-Lkw – steigen die NO?-Emissionen linear um 9 bis 15 % pro 100.000 Kilometer. Über eine typische Lebenslaufleistung von 700.000 Kilometern bedeutet das einen Anstieg um 60 bis 70 % gegenüber dem Neuzustand.
Die Forscher analysierten fast 19.000 Fernmessungen an Autobahnen unter vergleichbaren Bedingungen (15–25 °C Umgebungstemperatur, leichte Steigung). Dabei zeigte sich: Die große Mehrheit der Euro-VI-ABC-Lkw bleibt zwar bis etwa 700.000 Kilometer unter den gesetzlichen Grenzwerten der In-Service-Conformity (ISC). Dennoch entwickelt sich ein relevanter Anteil von 7 bis 11 % der Fahrzeuge zu „High Emittern“, die mehr als das Vier- bis Fünffache der Flottenmittelwerte ausstoßen. Diese wenigen Fahrzeuge sind für 30 bis 50 % der gesamten NO?-Emissionen des sauberen Restes der Flotte auf Autobahnen verantwortlich.
Besonders kritisch: Der Anteil dieser stark emittierenden Lkw nimmt mit steigender Laufleistung deutlich zu. Mögliche Ursachen sind Alterung oder Ausfall der Abgasnachbehandlung (SCR-System, Oxidationskatalysator), mangelhafte Wartung, Manipulation oder der langfristige Einsatz minderwertigen Kraftstoffs.

Die Ergebnisse widerlegen frühere Annahmen, wonach Euro-VI-Lkw praktisch keine nennenswerte Verschlechterung zeigen. Sie stützen stattdessen die seit langem vermutete, aber bisher nur an kleinen Stichproben belegte Alterung der Abgasreinigung. Die jetzt ermittelten Verschlechterungsraten fließen bereits in die kommende Version 5.1 des „Handbook of Emission Factors for Road Traffic“ (HBEFA) ein und werden künftige Emissionsinventare, Luftreinhaltepläne und die Bewertung der europäischen Zero-Pollution-Strategie spürbar nach oben korrigieren.
Für Politik und Behörden bedeutet die Studie: Periodische Abgasprüfungen allein reichen nicht aus. Gezielte Kontrollen auf High Emitter – etwa durch flächendeckende Fernmessung an Autobahnen – sowie strengere Vorgaben zur Dauerhaltbarkeit der Abgasreinigung sind nötig, um die realen Stickoxid-Belastungen im Schwerlastverkehr wirksam zu senken. Ohne Gegenmaßnahmen droht ein erheblicher Teil der Klimaschutz- und Luftqualitätsgewinne durch die Euro-VI-Norm im Laufe der Jahre wieder verloren zu gehen.

