
Eine großangelegte Studie der Keck School of Medicine der University of Southern California (USC) belegt erstmals mit hochaufgelösten Daten aus über 12 Millionen gemessenen Nächten: Höhere Nachttemperaturen verkürzen die Schlafdauer und verschlechtern die Schlafqualität spürbar. Besonders betroffen sind Menschen mit chronischen Erkrankungen, niedrigem sozioökonomischem Status sowie Bewohner der US-Westküste. Bis 2099 könnten Amerikaner je nach Region jährlich zwischen 8,5 und 24 Stunden Schlaf durch Hitze verlieren. Die Ergebnisse wurden kürzlich in Environment International veröffentlicht (DOI: 10.1016/j.envint.2025.109942).
Hintergrund: Warum Hitze den Schlaf stört
Der menschliche Körper benötigt zum Einschlafen und für erholsame Tiefschlafphasen eine Absenkung der Kerntemperatur um etwa 1 °C. Hohe Außen- und insbesondere Nachttemperaturen verhindern diesen natürlichen Kühlprozess. Zusätzlich aktiviert Wärme das Stresssystem, erhöht die Herzfrequenz und reduziert den Anteil von Tiefschlaf und REM-Schlaf. Bereits früheren Studien war bekannt, dass Hitzewellen zu Schlafstörungen führen, doch sie basierten meist auf kleinen Stichproben oder subjektiven Angaben. Die neue USC-Analyse nutzt erstmals objektive Fitbit-Daten aus dem großangelegten All of Us Research Program des NIH, kombiniert mit präzisen Wetterdaten und detaillierten soziodemografischen sowie gesundheitlichen Informationen von 14.232 Teilnehmern (2010–2022).
Zentrale Ergebnisse
- Ein Anstieg der Tagestemperatur um 10 °C kostet im Schnitt 2,19 Minuten Schlaf, ein Anstieg der Nachttemperatur um 10 °C sogar 2,63 Minuten.
- Besonders stark betroffen sind Frauen, Hispanics, chronisch Kranke und Menschen mit niedrigem Einkommen oder Bildungsstand.
- An der Westküste (Kalifornien, Oregon, Washington) verlieren Menschen fast dreimal so viel Schlaf wie im Landesdurchschnitt – vermutlich durch die Kombination aus hohen Temperaturen und geringerer Verbreitung von Klimaanlagen in einkommensschwachen Haushalten.
- Hitzeeffekte sind von Juni bis September am stärksten ausgeprägt.
- Neben kürzerer Schlafdauer steigen nächtliche Wachphasen und die Zeit, die wach im Bett verbracht wird.
Gesundheitliche und gesellschaftliche Folgen
Schlafdefizite von nur 15–30 Minuten pro Nacht erhöhen nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Diabetes, Depressionen und Demenz. In extremen Hitzewellen steigt die Sterblichkeit bereits heute deutlich, vor allem durch kardiovaskuläre und respiratorische Ereignisse. Die USC-Forscher warnen: Wenn sich die Projektionen bewahrheiten, könnte der klimabedingte Schlafverlust bis Ende des Jahrhunderts einen relevanten Beitrag zur Krankheitslast leisten – mit entsprechenden Kosten für das Gesundheitssystem.
„Wir wissen bereits, dass bei Hitzewellen mehr Menschen an Herz- und Lungenerkrankungen sterben. Diese Studie zeigt, dass chronischer Schlafverlust durch steigende Temperaturen ein zusätzlicher, bisher unterschätzter Risikofaktor ist“, erklärt Erstautor Dr. Jiawen Liao.
Vulnerable Gruppen und regionale Unterschiede
Die Studie identifiziert klar, wer besonders gefährdet ist:
- Menschen mit Vorerkrankungen (Herz-Kreislauf, Diabetes, Atemwegserkrankungen)
- Geringverdiener (weniger Zugang zu Klimaanlagen und gut isolierten Wohnungen)
- Bewohner der Westküste, wo Sommernächte oft nur langsam abkühlen und Klimaanlagen seltener Standard sind als im Südosten der USA
Handlungsempfehlungen
Die Autoren fordern gezielte Maßnahmen, vor allem an der Westküste:
- Subventionierung von Klimaanlagen und Kühlprogramme für einkommensschwache Haushalte
- Städtebauliche Maßnahmen: mehr Grünflächen, grüne Dächer, helle Oberflächen zur Reduktion des städtischen Wärmeinseleffekts
- Bauvorschriften für bessere Dämmung und Belüftung
- Öffentliche Aufklärungskampagnen zu Schlafhygiene bei Hitze (z. B. früheres Zubettgehen, kühlere Räume)
In Folgeprojekten wollen die Forscher prüfen, ob gezielte Kühlmaßnahmen oder Schlafprogramme die hitzebedingten Gesundheitsschäden tatsächlich reduzieren können.

Bedeutung für die Klimawandel-Forschung
Die Studie ist eine der ersten, die objektive Schlafmessungen in dieser Größenordnung mit Klimadaten verknüpft. Sie unterstreicht, dass der Klimawandel nicht nur durch Extremwetter, sondern auch durch schleichende Veränderungen wie wärmere Nächte die öffentliche Gesundheit massiv beeinträchtigt. Schlaf als „versteckter Mediator“ zwischen Hitze und Krankheit rückt damit stärker in den Fokus von Public-Health-Strategien.
Die Arbeit wurde von den National Institutes of Health (R01ES033707, P30ES007048) sowie der National Science Foundation und dem NIH Climate Change and Health Initiative finanziert.

