
Der antarktische Eisschild reagiert nicht als einheitliches Kippelement, sondern als Verbund mehrerer Eisbecken mit unterschiedlichen kritischen Schwellenwerten. Das zeigt eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Max-Planck-Instituts für Geoanthropologie (MPI-GEA). Beim aktuellen Erwärmungsniveau von etwa 1,3 °C könnten bereits rund 40 Prozent des westantarktischen Eises langfristig unumkehrbar verloren gehen. Teile der Ostantarktis drohen bei moderaten Erwärmungsniveaus von 2 bis 3 °C über vorindustriell ebenfalls kritische Schwellen zu überschreiten und erheblich zum globalen Meeresspiegelanstieg beizutragen.
Die Forschenden analysierten das langfristige Schmelzverhalten von 18 einzelnen Eis-Einzugsgebieten mit dem Eisschildmodell PISM. Sie simulierten eine schrittweise globale Erwärmung und kartierten regionale Kipppunkte. In einigen Becken – etwa der Amundsensee-Region mit Thwaites- und Pine-Island-Gletscher sowie dem Ronne-Becken – ist der Kipppunkt möglicherweise bereits überschritten. Der Eisverlust würde sich dort über Jahrhunderte bis Jahrtausende fortsetzen, ohne dass eine Rückkehr zum Ausgangszustand möglich wäre.
In der Ostantarktis, die mehr als zehnmal so viel Eis wie die Westantarktis enthält, liegen die Schwellenwerte höher, sind aber ebenfalls relevant. Besonders das Wilkes-Becken zeigt bei 2 bis 5 °C Erwärmung ein hohes Risiko für erheblichen Eisverlust. Die Studie zeigt zudem Wechselwirkungen zwischen benachbarten Becken: Eisverlust in einer Region kann Rückkopplungen in angrenzenden Gebieten auslösen.

Die Autoren betonen, dass der antarktische Eisschild über Millionen Jahre entstanden ist, aber bereits in den kommenden Jahrzehnten durch weitere Emissionen Prozesse angestoßen werden könnten, die zu massivem, langfristigem Eisverlust führen. Direkte Beobachtungen aus jüngster Feldforschung in der Antarktis unterstreichen die hohe Verletzlichkeit des Systems: Extremwetterereignisse nehmen zu und verändern die Eisdynamik.
Die vollständige Studie ist in Nature Climate Change erschienen (DOI: 10.1038/s41558-025-02554-0).

