Geplante Jagdgesetznovelle: keine Jagdhundeausbildung am lebenden Tier

Durch | Januar 16, 2025
Credits: Alex Andrews pexels

Jagdhunde müssen wissen, was sie tun, lautet das Argument der Jägerschaft. Deshalb würden die Lernbedingungen so real wie möglich gestaltet: Die Hunde werden an sogenannten Saugattern, an Schliefenanlagen und an Gewässern mit flugunfähigen Enten trainiert.

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TEIL I: WILDSCHWEINE

Was ist ein Saugatter?

Wildschweine (=Sauen, Schwarzwild) werden auf einem naturnahen Areal von mehreren Hektar gehalten. Sie verbringen einige Wochen bis Monate dort und werden in der Regel anschließend zur Jagd freigegeben oder weiter gezüchtet.

Das Saugatter ist in Bereiche aufgeteilt. Der „Prägungskorridor“ ermöglicht dem angeleinten Hund einen ersten, durch einen Zaun getrennten und gesicherten Kontakt zu den Schweinen. In den folgenden Abschnitten der Ausbildung wird der Hund zunächst an langer Leine an die Schweine herangeführt; später interagiert er frei mit ihnen, lernt, ihnen auszuweichen, sie zu stellen und zu verbellen – zu „taktieren“.

Da Wildschweine sehr wehrhaft sind, versprechen sich die BefürworterInnen von dieser Form der Ausbildung mehr Praxisnähe und ein Plus an Erfahrung für den Hund, denn immer wieder kommt es vor, dass Hunde von Wildschweinen schwer verletzt oder sogar getötet werden.

Das sagen Tierschützer zu Saugattern

Für tierschutzgerecht halten sie – im Vergleich zur Jägerschaft – die Saugatter nicht. Zunächst seien die Schweine im Gatter an Menschen gewöhnt, werden von ihnen gefüttert und betreut. Ganz anders in freier Wildbahn, wo sie sehr scheu sind und sich hervorragend verstecken. Dazu kämen Stress und Leid, da sie wiederholt von den Hunden gehetzt, attackiert und in Todesangst versetzt würden. Außerdem könnten die Schweine nicht gänzlich ausweichen und seien damit der Gefahr ausgesetzt, verletzt zu werden. Letztlich ziele die Ausbildung am und im Saugatter darauf ab, die für tierquälerisch gehaltenen Jagdmethoden wie Treib- und Drückjagden aufrecht zu erhalten.

Kommentar

Was den Lerneffekt der Hunde betrifft: Er lässt sich kaum leugnen. Hunde, die in eine Drückjagd geschickt werden, um Wildschweine zu stellen, sind zumindest geschickter im Umgang mit ihnen. Allerdings: Wie oben erwähnt, unterscheiden sich im Gatter gehaltene und wildlebende Schweine beträchtlich – gerade im Maß ihrer aus der Angst geborenen Aggression.

Letztlich sind Treib- und Drückjagden wirklich Stress für die Wildtiere: Sie laufen um ihr Leben, von Hunden und Treibern gehetzt. Was also rechtfertigt diese Form der Jagd? Die Effizienz, sagen JägerInnen, denn es gibt zu viele Sauen in deutschen Wäldern.

Tatsächlich wächst der Wildschweinbestand in Deutschland permanent. Die aktuelle Zahl wird auf etwa zwei Millionen Tiere geschätzt, Tendenz steigend. Diese Schätzung basiert auf der Beobachtung von Jagdstrecken und den jährlichen Erlegungen. Im Jagdjahr 2023/2024 wurden beispielsweise 542.468 Wildschweine erlegt, was einen Anstieg von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr darstellt.

Das bringt Probleme mit sich. Wildschweine durchwühlen den Boden nach Fressbaren – dieses Wühlen richtet auf landwirtschaftlichen Flächen jährlich Schäden in Millionenhöhe an. Darüber hinaus kann die hohe Dichte an Wildschweinen das Risiko der Übertragung von Krankheiten erhöhen – sowohl auf andere Wildtiere als auch auf domestizierte Tiere oder den Menschen. Afrikanische Schweinepest, Hepatitis E und Aujezkische Krankheit sind Beispiele dafür.

Sicher, Wildschweine sind schon seit ca. 12.000 Jahre bei uns heimisch. Aber erst nachdem der Mensch Wolf, Bär, Luchs, Steinadler und Uhu vielerorts fast ausgerottet, den Klimawandel angestoßen und die Intensivierung der Landwirtschaft, insbesondere den Maisanbau, auf ein Höchstmaß vorangetrieben hat, vermehren sich auch die Wildschweine exorbitant.

Deshalb muss mittels Jagd regulierend eingegriffen werden, sagt die Jägerschaft.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn die Jagd reduziert zwar einerseits den Bestand, sorgt aber auf der anderen Seite für noch mehr Wildschweine. Hierfür gibt es mehrere Gründe. Zum einen werden die Tiere durch zu oft ansitzende Jäger oder zu häufige Drückjagden beunruhigt und gestört – der Jagddruck ist zu groß. Zum zweiten trägt die Fütterung ihren Teil zum Problem teil. Sie ist zwar nur in Notzeiten gestattet, würde aber, wenn sie ausfiele, auf natürliche Weise den Bestand dezimieren. Auch sogenannte Kirrungen, also kleine Lockfütterungen in der Nähe des Hochsitzes, arten des Öftern zu fülligen Mahlzeiten aus (was eigentlich untersagt ist). Ein dritter, von der Jägerschaft nicht gern gehörter Grund für das Überhandnehmen der Wildschweinpopulation ist der Abschuss des falschen Tiers: Anstelle Kleine, Junge oder Schwächliche zu erlegen, werden Leitbachen geschossen, jene ranghöchsten weiblichen Tiere, die in der Regel als erste aus dem Unterholz kommen.

Dass der Verlust der Leitbache so schwer wiegt, erklärt sich aus der komplexen Sozialstruktur der Wildschweine. So besteht eine Rotte hauptsächlich aus weiblichen Tieren und ihren Nachkommen, und die Leitbache als Chefin ist in der Lage zu entscheiden, wann welche anderen weiblichen Tiere in Brunststimmung kommen und trächtig werden dürfen. So synchronisiert sie nicht nur die Brunst – sie kann auch besonders junge Bachen (die sogenannten Frischlingsbachen) daran hindern, überhaupt trächtig zu werden. Ist die Leitbache jedoch erlegt, kann es zu einer unkontrollierten Vermehrung kommen, da die hormonellen Einflüsse fehlen und jüngere Weibchen eher zur Fortpflanzung neigen.

Letztlich wird klar: Nichts tun ist auch keine Lösung. Doch selbst eine korrekt ausgeführte Bejagung kann das akute Problem der Überpopulation nicht lösen. Als Ultima Ratio-Lösung wird derzeit der Fang von Wildschweinen in speziellen Fallen gehandelt, aber auch das geht nicht ohne Angst und Stress für die Tiere vonstatten. Theoretisch wären Kastration und Verhütung eine Möglichkeit, aber selbst, wenn es entsprechende Mittel gäbe, wäre die praktische Umsetzung schwierig.

Den Zugang zu Nahrungsquellen zu verhindern ist entscheidend für die Kontrolle der Wildschweinpopulation. So kann das Management von landwirtschaftlichen Flächen einen Beitrag leisten: Dort, wo es besonders viele Wildschweine gibt, sollten keine energiereichen Feldfrüchte wie Mais angebaut werden, vielmehr verschiedene Kulturen nebeneinander, so dass es wenig attraktiv für die Sauen ist, dort längere Zeit zu bleiben. Zusätzlich sollte das Nahrungsangebot insgesamt verringert werden, indem Fütterungen auch in Notzeiten unterbleiben.

Woran das Wildschweinmanagement in Deutschland aber vor allem krankt, ist die Kleinstaaterei des Denkens: Nach wie vor fehlt es an einer zentralen Koordinierung des Schwarzwild-Bestandsmanagements auf nationaler Ebene, um ein aufeinander abgestimmtes, einheitliches Vorgehen zu gewährleisten und regionale wie lokale Hegegemeinschaften einzubeziehen. Dazu wiederum müsste es Überwachungsinstrumente zur Populationsdichte geben, deren Daten, gesammelt und ausgewertet, fundierte Entscheidungen über Managementstrategien zulassen: Fotofallen, GPS-Halsbänder, genetische Analysen und mathematische Modelle zur Populationsdynamik. Bisherige Aussagen werden lediglich auf Grund von Jagddaten getroffen, was bei weitem nicht ausreicht.

FAZIT

Für eine erfolgreiche Reduktion des Wildschweinbestandes ist eine Bejagung unerlässlich. Der Mensch hat für die Fehlentwicklungen in der Natur die Verantwortung zu tragen, und hier muss er eingreifen. Machen wir uns nichts vor: Auch wenn die großen Beutegreifer wie Wolf, Bär und Luchs wieder eine Heimat in den deutschen Mittelgebirgen finden, werden sie es nicht schaffen, den Wildschweinbestand in ausreichendem Maß zu regulieren. Über Drückjagden ist das effektiv möglich, und in staatlichen Wäldern müssen die Förster dafür Sorge tragen, dass solche Bewegungsjagden nicht allzu häufig stattfinden, um den Jagddruck so gering wie möglich zu halten. Auch Fallenfang kann helfen. Sicher, der Stress für die Tiere ist hoch. Aber er muss aus unserer Sicht in Kauf genommen werden. Das entbindet die Jägerschaft allerdings nicht von einem verantwortungsvollen Vorgehen und entsprechender Selbstkritik. Mangelndes Wissen über die Sozialstruktur – oder der Unwille, sich damit zu beschäftigen – ist auch ein Grund dafür, dass sich Wildschweine trotz steigender Abschusszahlen weiter rasant vermehren. Statt ihre Jägerschaft in die Pflicht zu nehmen, Fortbildungen anzubieten und Verstöße zu ahnden, werden markige Parolen verbreitet und die Zerstörung der Natur durch „ideologisch motivierte Änderungen“ des Jagdgesetzes beschworen, sollten auch nur einzelne Passagen novelliert werden. Gerade im Hinblick auf wissenschaftliche Erkenntnisse macht sich die Jägerschaft dadurch erst angreifbar, wird die Jagd mit ihrem Fokus auf Töten und Trophäen und der immer wieder kolportierten Ablehnung von Beutegreifern wie dem Wolf in der Öffentlichkeit als reaktionär wahrgenommen. Das Beschwören von Formeln wie „Hundeausbildung ist praktizierter Tierschutz“, Jäger stünden prinzipiell für „waidgerechtes Handeln“ und hätten allein den Natur- und Artenschutz im Sinn, ist da kontraproduktiv. Es ist dringend geboten, in den eigenen Reihen mit althergebrachten Vorstellungen aufzuräumen.

Was vielen nicht bekannt sein dürfte: Die Jägerschaft ist sich keineswegs so einig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Schon in den 1970er Jahren begann sich der Missmut in den eigenen Reihen zu regen. Die gängige Jagdpraxis, entsprechend der Größe der Trophäen zu selektieren oder Winterfütterungen durchzuführen, stieß zunehmend auf Kritik. Neue wildbiologische Erkenntnisse und ein wachsendes Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge führten schließlich dazu, dass sich die Neudenker unter den Jägern zunächst auf Landesebene und 1991 auch auf Bundesebene zu Ökologischen Jagdverbänden zusammenschlossen. Unter dem Motto: „Wald vor Wild“ setzen sie sich für den Aufbau stabiler, gemischter Wälder durch angepasste Schalenwildbestände ein. Dort, wo Schalenwild gravierende Schäden am Biotop verursacht, soll die Jagd regulierend eingreifen.

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