Erde aus dem Labor soll Problem der Bodendegeneration lösen + KOMMENTAR

Durch | April 11, 2025
Credits:  ?? ?, pexels

Mit einem Max-Planck-Fellowship (2025–2028) startet Mikrobiologin Gabriele Berg vom Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) eine Zusammenarbeit mit dem Chemiker Markus Antonietti vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Gemeinsam arbeiten sie an einer Lösung für die Erschöpfung und Unfruchtbarkeit unserer Böden: Im Labor entsteht eine maßgeschneiderte Erde aus pflanzlichen Reststoffen, angereichert mit gezielt ausgewählten Mikroorganismen. Diese biologisch aktive Erde soll das mikrobielle Gleichgewicht wiederherstellen, das Pflanzen stärkt, CO? bindet – und so den Teufelskreis der Bodendegradation durchbrechen.

Credits:  ?? ?, pexels
Credits   pexels

Mikrobiologin Prof. Gabriele Berg erhält ein Max-Planck-Fellowship und startet eine dreijährige Forschungskooperation mit Prof. Markus Antonietti am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPIKG). Ihr gemeinsames Projekt „SHAPE“ (Sustainable Health through chemistry-microbiome partnership) soll eine Art Therapieplan für die erschöpften Böden unseres Planeten sein, mit dem Versprechen einer langfristigen, ökologischen Regeneration von Grund auf.

Prof. Berg leitet die Abteilung Mikrobiom-Biotechnologie am Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) in Potsdam und ist Professorin für Umweltbiotechnologie an der Technischen Universität Graz. Sie erforscht seit langem die unsichtbaren „Ingenieure“ unter unseren Füßen – Mikroorganismen wie Pilze und Bakterien – und ihre Wechselwirkungen mit Pflanzen. Diese fein vernetzten Lebensgemeinschaften sind die stille Grundlage der Pflanzengesundheit: Sie verwandeln abgestorbene Biomasse in wertvolle Nährstoffe, unterstützen das Wachstum und filtern das Wasser.

Prof. Antonietti ist Gründungsdirektor am MPIKG und hat ein erprobtes Green-Chemistry-Rezept entwickelt: Pflanzliche Abfälle werden im Labor zu humusreichem Boden verarbeitet – einer Substanz, die sich exakt wie natürlich hergestellter Humus verhält, aber in wenigen Stunden anstatt in Jahrzehnten produziert werden kann.

Ein maßgeschneiderter Humus, angereichert mit gezielt ausgewählten Mikroorganismen soll die Antwort auf ein allgegenwärtiges Problem der derzeitigen Landwirtschaft sein: die Bodendegeneration. Mikrobielle Gemeinschaften – darunter Bakterien, Pilze und Viren – schaffen seit Millionen von Jahren das, was wir als „schwarze, fruchtbare Erde“ oder „Humus“ kennen: die Grundlage unseres Lebensmittelsystems. Doch jahrhundertelange Übernutzung durch intensive Landwirtschaft, Monokulturen, chemische Düngemittel, Pestizide und Urbanisierung haben das empfindliche Gleichgewicht im Boden aus dem Takt gebracht. Und wenn der Boden sein Gleichgewicht verliert, verliert er auch seine Fruchtbarkeit – und wird anfällig für Erosion und Wüstenbildung. In Zahlen ausgedrückt: 33?Prozent der weltweiten Böden gelten als degradiert, in Europa liegt der Anteil sogar bei 60?Prozent. Konkret bedeutet das: weniger Pflanzen, geringere Ernten und weniger CO?, das aus der Luft gebunden wird.

Berg und Antonietti arbeiten nun an einer Lösung, um diesen Kreislauf umzukehren: Ihr biologisch aktiver Humusboden soll ideale Bedingungen schaffen, damit sich Mikroorganismen wohlfühlen und vermehren können, und so den Boden wieder ins Gleichgewicht bringen.

Kommentar

Das „SHAPE“-Projekt von Prof. Berg und Prof. Antonietti thematisiert die Bodendegeneration und schlägt eine laborbasierte Lösung vor, ohne jedoch die Wurzeln des Problems kritisch genug zu hinterfragen. Die beschriebenen Ursachen – Übernutzung, Monokulturen, Überdüngung und massiver Pestizideinsatz – werden korrekt benannt: Die üblichen Praktiken der industriellen Landwirtschaft zerstören nicht nur die verschiedenen Organismengemeinschaften des Bodens, sondern auch die natürlichen Stoffkreisläufe, die für die Bodenfruchtbarkeit essenziell sind. Anstatt die industrielle Landwirtschaft, die diese Schäden verursacht, grundlegend zu reformieren, wird hier eine technologische Lösung favorisiert: ein künstlicher Humusboden. Dies ignoriert, dass nur eine Landwirtschaft, die auf geschlossenen Stoffkreisläufen beruht – etwa durch Kompostierung, Fruchtfolgen und Verzicht auf synthetische Düngemittel und Pestizide –, die Böden langfristig regenerieren kann. Denn Boden ist viel mehr als ein Substrat aus Pflanzenresten und Mikroorganismen: Auf einem Quadratmeter humusreichen Bodens leben etwa 2.000 Arten mit bis zu 100.000 Individuen, während in einem Kubikmeter bis zu 1,6 Billionen Organismen möglich sind, obwohl ihre Biomasse mit etwa 200 Gramm relativ gering ist.

Die Idee, im Labor lebendigen Boden zu erzeugen, mag verlockend erscheinen, doch sie umgeht und ignoriert das eigentliche Problem, nämlich die fortgesetzte Übernutzung und Verseuchung der Böden. Ein künstlicher Boden, selbst wenn er mit ausgewählten Mikroorganismen angereichert ist, kann die komplexe, über Jahrtausende gewachsene Biodiversität eines natürlichen Bodens nicht ersetzen. Die Forschung scheint den Fokus auf Symptombekämpfung zu legen, anstatt die zerstörerischen Praktiken der konventionellen Landwirtschaft anzugehen. Zudem bleibt unklar, wie skalierbar und ressourcenschonend die Produktion eines solchen Kunstbodens wäre – ein Aspekt, der offenbar keinerlei Rolle spielt, obwohl er für die Ökobilanz des Verfahrens entscheidend ist.

Letztlich suggeriert das Projekt, dass allein eine technologische Lösung die Bodendegeneration umkehren kann, was eine gefährliche Vereinfachung ist. Ohne eine Abkehr von Monokulturen, Pestiziden und Überdüngung wird jede Regeneration nur ein Tropfen auf den heißen Stein bleiben. Wahre Bodengesundheit erfordert eine Rückbesinnung auf natürliche Prozesse, bei denen das Netz an Bodenorganismen durch organische Nährstoffe und vielfältige Anbaumethoden gefördert werden. Die Forschung von Berg und Antonietti mag wertvolle Impulse liefern, doch ohne eine kritische Auseinandersetzung mit den systemischen Fehlern der heutigen Landwirtschaft bleibt ihr Ansatz ein technologischer Notbehelf, der die tieferliegenden Ursachen der Bodenkrise nicht löst.

Autoren-Avatar
LabNews Media LLC
LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände