39 Jahre Tschernobyl: Deutschland strahlt weiter

Durch | April 27, 2025

Am 26. April 1986 ereignete sich im Kernkraftwerk Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion, nahe der Stadt Prypjat in der heutigen Ukraine, die schwerste Nuklearkatastrophe der Geschichte. Die Explosion und der anschließende Brand in Reaktorblock 4 setzten enorme Mengen radioaktiver Stoffe frei, die weite Teile Europas kontaminierten. Anlässlich des 39. Jahrestages beleuchtet dieser Artikel die gesundheitlichen und Umweltfolgen der Katastrophe und untersucht die noch heute bestehenden Strahlenbelastungen in Europa.

Symbolbild Credits Pexels

Gesundheitliche Folgen: Schilddrüsenkrebs und andere Erkrankungen

Die Freisetzung von Radionukliden wie Iod-131, Cäsium-137 und Strontium-90 hatte weitreichende gesundheitliche Konsequenzen, insbesondere in den stark kontaminierten Regionen der Ukraine, Belarus und Russland. Eine der am besten dokumentierten Folgen ist der massive Anstieg von Schilddrüsenkrebs, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, die zum Zeitpunkt der Katastrophe exponiert waren. Eine Kohortenstudie mit etwa 13.000 Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine, veröffentlicht in Environmental Health Perspectives (2011), fand eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung: Pro Gray Strahlenexposition verdoppelte sich das Risiko für Schilddrüsenkarzinome, wobei Kinder unter vier Jahren das höchste Risiko trugen. Insgesamt wurden in Belarus, der Ukraine und den vier am stärksten betroffenen Gebieten Russlands zwischen 1991 und 2005 etwa 6.900 Schilddrüsenkrebserkrankungen registriert, ein signifikanter Anstieg im Vergleich zu den Jahren vor 1986.

Die Frage nach einem Anstieg von Leukämie, einer weiteren strahlungsassoziierten Erkrankung, ist komplexer. Eine Metastudie von 2007 im Fachjournal Health Physics fand keinen statistisch signifikanten Anstieg von Leukämiefällen in der Region Tschernobyl. Allerdings berichten andere Studien, wie ein IPPNW-Bericht von 2011, von einer 2,6-fach erhöhten Leukämieinzidenz bei Kindern in Griechenland, die in utero exponiert waren. Diese Diskrepanz zeigt die methodischen Herausforderungen bei der Erfassung strahlungsbedingter Erkrankungen, insbesondere aufgrund unvollständiger Krebsregister in der ehemaligen Sowjetunion.

Weitere gesundheitliche Folgen umfassen ein breites Spektrum an Erkrankungen. Ein Artikel im Deutschen Ärzteblatt (2016) listet Frühaborte, Fehlgeburten, Chromosomenaberrationen, Autoimmunerkrankungen, Katarakte und kardiovaskuläre Erkrankungen als gut belegte strahleninduzierte Pathologien. Eine Studie im International Journal of Cancer (2006) schätzt, dass in Europa etwa 41.000 zusätzliche Krebsfälle und 15.000 Krebstodesfälle auf die Tschernobyl-Katastrophe zurückzuführen sind, wobei die Unsicherheiten in der Kollektivdosis die genaue Quantifizierung erschweren.

Die Liquidatoren, rund 600.000 bis 800.000 Personen, die in den Wochen und Monaten nach der Katastrophe mit Aufräumarbeiten betraut waren, waren besonders hohen Strahlendosen ausgesetzt. Laut dem UNSCEAR-Bericht von 2008 starben bis 2008 43 Personen direkt an den Folgen der akuten Strahlenkrankheit. Langfristig zeigt eine Studie in Radiation Research (2015), dass Liquidatoren ein erhöhtes Risiko für Leukämie und andere Krebserkrankungen aufweisen, wobei die genaue Dosis-Expositionsbeziehung weiterhin untersucht wird.

Umweltfolgen: Langfristige Kontamination der Ökosysteme

Die Umweltfolgen der Katastrophe sind bis heute spürbar, insbesondere durch die langlebigen Radionuklide wie Cäsium-137 (Halbwertszeit: 30 Jahre) und Strontium-90 (Halbwertszeit: 29 Jahre). Insgesamt wurden mehrere Trillionen Becquerel Radioaktivität freigesetzt, die durch Wind und Niederschlag weite Teile Europas kontaminierten. Laut einer Veröffentlichung des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) von 2022 lag die Bodenkontamination in Süddeutschland, insbesondere im Bayerischen Wald, 1986 bei bis zu 100.000 Becquerel Cäsium-137 pro Quadratmeter. Aufgrund der Halbwertszeit ist diese Belastung bis 2025 auf etwa 44% des ursprünglichen Wertes gesunken, bleibt aber messbar.

In Belarus waren 1986 etwa 22% des Staatsgebiets mit Cäsium-137 kontaminiert, und auch 2025 sind noch etwa 16% des Bodens betroffen, wie das staatliche Chernobyl Committee 2016 prognostizierte. In der Ukraine wurden 18.000 km² landwirtschaftliche Fläche und 40% der Wälder verstrahlt, wobei Pilze, Beeren und Wildtiere nach wie vor hohe Konzentrationen von Cäsium-137 aufweisen. Eine Studie in Science of the Total Environment (2018) zeigt, dass die Bioakkumulation von Cäsium-137 in Waldökosystemen weiterhin eine Herausforderung darstellt, da das Radionuklid in tiefere Bodenschichten wandert und von Pflanzenwurzeln aufgenommen wird.

In Deutschland bleibt die Kontamination von Wildschweinen und bestimmten Pilzarten ein Problem. Laut dem BfS (2022) können Wildschweine in Bayern und im Tessin Werte von mehreren Tausend Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm erreichen, was teilweise auf die Migration von Cäsium-137 in tiefere Bodenschichten zurückzuführen ist. Landwirtschaftliche Produkte sind jedoch weitgehend unbedenklich, da Cäsium-137 in mineralischen Böden an Tonminerale gebunden wird und nur in geringem Maße in Pflanzen gelangt.

Heutige Strahlenbelastungen in Europa

Die Strahlenbelastung in Europa ist rund 40 Jahre nach der Katastrophe deutlich zurückgegangen, bleibt aber in bestimmten Regionen relevant. In der Schweiz schätzt das Bundesamt für Gesundheit (BAG, 2025) die durchschnittliche akkumulierte Dosis der Bevölkerung auf 0,5 mSv, mit maximal 5 mSv für Personen, die keine Schutzmaßnahmen einhielten. Zum Vergleich: Die natürliche Hintergrundstrahlung beträgt in Europa etwa 2–3 mSv pro Jahr. Eine Studie in Journal of Environmental Radioactivity (2020) bestätigt, dass die Strahlenbelastung in Westeuropa, etwa durch den Verzehr kontaminierter Lebensmittel wie Wildschwein, minimal ist. So würde der Konsum von 40 kg kontaminiertem Wildschwein im Jahr 1997 etwa 1 mSv ausmachen.

In den am stärksten betroffenen Regionen – Belarus, Ukraine und Teile Russlands – sind die Strahlenwerte nach wie vor höher. Laut UNSCEAR (2008) liegt die Kollektivdosis in diesen Ländern bei etwa 55.000 Personen-Sievert, was 5.000 bis 19.000 zusätzliche Krebsfälle verursachen könnte. Sowjetische Schätzungen sprechen von bis zu 2,4 Millionen Personen-Sievert für ganz Europa, was 216.000 bis 842.000 zusätzliche Krebserkrankungen bedeuten könnte. Diese Spannbreite unterstreicht die Unsicherheiten in der Dosimetrie.

In Deutschland führte der radioaktive Niederschlag 1986 vor allem in Bayern und Baden-Württemberg zu erhöhten Werten. Laut BfS (2022) sind die heutigen Belastungen jedoch so gering, dass keine akute Gesundheitsgefahr besteht. Dennoch empfiehlt die Strahlenschutzkommission, den Verzehr von Wildpilzen und Wildfleisch in stark betroffenen Gebieten wie dem Bayerischen Wald einzuschränken.

Langfristige Probleme und Lehren

Die Tschernobyl-Katastrophe verdeutlicht die langfristigen Risiken der Kernenergie und die Notwendigkeit robuster Sicherheitsmaßnahmen. Der New Safe Confinement-Sarkophag, 2019 fertiggestellt, soll die weitere Freisetzung von Radioaktivität verhindern, doch die Dekontamination der Sperrzone bleibt eine Herausforderung. Eine Studie in Nature Communications (2021) betont, dass die ökologischen Auswirkungen in der Sperrzone gemischt sind: Während die Abwesenheit des Menschen die Tierpopulationen fördert, bleibt die Strahlenbelastung ein Stressfaktor.

Die gesundheitlichen Folgen zeigen die Bedeutung kontinuierlicher medizinischer Überwachung und Forschung. Programme wie die der WHO und UNSCEAR haben wertvolle Daten geliefert, doch die IPPNW kritisiert eine mögliche Verharmlosung durch die IAEA, deren Ziel die Förderung der Kernenergie ist. Unabhängige Studien, wie der TORCH-Bericht (2006), fordern eine umfassendere Betrachtung der globalen Auswirkungen.

Fazit

39 Jahre nach Tschernobyl sind die gesundheitlichen und Umweltfolgen der Katastrophe weiterhin spürbar, wenn auch in abgeschwächter Form. Schilddrüsenkrebs, andere Krebserkrankungen und ökologische Kontaminationen erinnern an die Tragödie. In Europa sind die Strahlenbelastungen heute gering, doch in bestimmten Regionen und Lebensmitteln persistieren Risiken. Die Katastrophe mahnt zur Vorsicht im Umgang mit Kernenergie und unterstreicht die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit in der Strahlenschutzforschung. Nur durch objektive, wissenschaftliche Analysen können die Lehren aus Tschernobyl für eine sichere Zukunft genutzt werden.

Quellen:

  • Tronko, M. D. et al. (2011). Environmental Health Perspectives.
  • Cardis, E. et al. (2006). International Journal of Cancer.
  • UNSCEAR (2008). Sources and Effects of Ionizing Radiation.
  • Rosen, A. & Claußen, A. (2016). Deutsches Ärzteblatt.
  • BfS (2022). Umweltkontaminationen und Folgen von Tschernobyl.
  • Beresford, N. A. et al. (2018). Science of the Total Environment.
  • Fairlie, I. & Sumner, D. (2006). The Other Report on Chernobyl (TORCH).
  • Deryabina, T. G. et al. (2021). Nature Communications.

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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