
Eine Studie der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU), veröffentlicht in Environmental Science & Technology, enthüllt einen besorgniserregenden Anstieg von PFAS (Per- und Polyfluoralkylsubstanzen) in Zugvögeln und ihrer Nahrung. Diese „ewigen Chemikalien“, die sich in Umwelt und Körper anreichern, wurden in Konzentrationen nachgewiesen, die bis zu 180-mal höher sind als bisher angenommen. Die Ergebnisse verdeutlichen die wachsende Bedrohung durch PFAS und die Notwendigkeit, ihre Quellen und Folgen zu erforschen.

PFAS, eine Gruppe von über 12.000 synthetischen Substanzen, sind in Produkten wie Skiwachs, Teflon, Textilien und Feuerlöschschäumen weit verbreitet. Ihre Stabilität führt dazu, dass sie sich kaum abbauen und in Böden, Gewässern und Organismen anreichern. „PFAS sind praktisch überall – in der Natur, in Tieren und im menschlichen Körper“, erklärt Postdoktorand Junjie Zhang, Hauptautor der Studie und derzeit an der Universität Kopenhagen tätig. Zu den gesundheitlichen Risiken zählen Krebs, Leberschäden, Hormonstörungen, Fruchtbarkeitsprobleme und ein geschwächtes Immunsystem.
Die Forscher untersuchten Leber- und Blutproben von 25 Watvögeln sowie 30 Schalentiere entlang des Ostasiatisch-Australasiatischen Zugwegs, einer Migrationsroute von Sibirien bis Australien. Mithilfe des Total Oxidizable Precursor (TOP)-Tests konnten sie PFAS-Vorstufen nachweisen, die sich in besonders langlebige Perfluoralkylsäuren (PFAAs) umwandeln. „Frühere Methoden haben bestimmte PFAS-Typen unterschätzt“, sagt Zhang. Besonders in den Lebern der Vögel wurden extrem hohe Werte gemessen.
Die Studie, gefördert durch das COAST IMPACT-Projekt des norwegischen Forschungsrats, zeigt, dass die hohen PFAS-Werte auf verbesserte Nachweismethoden, aber auch auf eine tatsächliche Zunahme der Umweltbelastung hinweisen. „Wir finden PFAS jetzt an Orten, wo wir sie früher übersehen haben“, betont Professor Veerle Jaspers. Die untersuchten Watvögel nehmen PFAS über ihre Nahrung – Schalentiere – und Wasser auf. Erhöhte Werte in den Schalentieren deuten auf eine Kontamination der Küstenökosysteme hin.
Viele Vogelarten entlang der Zugroute verzeichnen einen dramatischen Bestandsrückgang. Die Forscher vermuten, dass PFAS neben Lebensraumverlust und Klimawandel ein Schlüsselfaktor ist. „Vögel sind hervorragende Indikatoren für Umweltverschmutzung“, sagt Jaspers. Die Studie legt nahe, dass PFAS die Fortpflanzung, das Immunsystem und die Entwicklung der Vögel beeinträchtigen, was ihre Überlebensfähigkeit auf langen Migrationsrouten mindert.
Ein beunruhigender Befund ist, dass viele PFAS aus bisher unbekannten Quellen stammen könnten. Neben bekannten Anwendungen wie Skiwachs oder Feuerlöschschaum könnten industrielle Prozesse, Abwasser und Müllverbrennung zur Verbreitung beitragen. PFAS wurden sogar in Regenwasser und abgelegenen Regionen wie der Arktis nachgewiesen, was ihre globale Verbreitung unterstreicht.
Für den Menschen sind die Risiken ebenso alarmierend: PFAS sind in fast allen Blutproben nachweisbar und werden mit Schilddrüsenerkrankungen und Krebs in Verbindung gebracht. Die Forscher fordern dringende Maßnahmen zur Reduzierung von PFAS-Emissionen und zur Entwicklung sicherer Alternativen. Norwegen hat bereits strengere Regelungen für PFAS in Skiwachs eingeführt, doch globale Anstrengungen sind nötig. „Wir brauchen internationale Zusammenarbeit, um die Freisetzung von PFAS zu kontrollieren“, sagt Jaspers.
Die verbesserte Nachweisfähigkeit durch den TOP-Test bietet Hoffnung, die Belastung präziser zu überwachen. Dennoch bleibt die Bekämpfung von PFAS eine Herausforderung. „Unser Ziel ist es, die Auswirkungen auf Vögel, andere Tiere und den Menschen zu verstehen und effektive Gegenmaßnahmen zu entwickeln“, fasst Zhang zusammen. Die Entdeckung hoher PFAS-Konzentrationen in Zugvögeln ist ein Weckruf: Die „ewigen Chemikalien“ bedrohen Tierwelt, menschliche Gesundheit und Ökosysteme weltweit und erfordern sofortiges Handeln.

