Berliner Forschende: Zauneidechsen fühlen sich an Bahngleisen wohl + Pugnalom KOMMENTAR

Durch | Mai 21, 2025
Credits: Wolfgang Weiser, pexels

Als streng geschützte Art sind Zauneidechsen auf den Erhalt ihrer Lebensräume angewiesen – gerade angesichts stark rückläufiger Bestände in Deutschland. Zauneidechsen (Lacerta agilis) finden an Bahnstrecken teils ideal erscheinende Lebensbedingungen – das zeigt eine neue Studie des Museums für Naturkunde Berlin. Rund 80 Tiere wurden an einer Bahnstrecke in Brandenburg besendert und über mehrere Jahreszeiten hinweg beobachtet. Die Ergebnisse belegen: Die Tiere bewegen sich oft nur auf kleinstem Raum, da sie hier alles finden, was sie benötigen – Nahrung, Sonnenplätze, Verstecke und Eiablageorte. Die Erkenntnisse helfen dabei, Schutzmaßnahmen bei Bahnprojekten gezielter zu planen.

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Das Ziel einer Studie von Forschenden des Museums für Naturkunde war es herauszufinden, wie Zauneidechsen ihre Lebensräume an Bahnstrecken genau nutzen. Dafür statteten sie knapp 80 Zauneidechsen an einer Bahnstrecke südlich von Frankfurt (Oder) mit kleinen Sendern aus und beobachteten sie während verschiedener Jahreszeiten in ihrem Lebensraum. „Es war gar nicht so einfach eine Besenderungsmethode für Zauneidechsen zu finden, bei der die Tiere sich weiter ohne Einschränkung bewegen können“, berichtet Alina Janssen vom Museum für Naturkunde Berlin. „Die Sender dürfen zum Beispiel nicht über die Zauneidechse hinausragen, da sich die Tiere dann leicht damit in der dichten Vegetation verfangen.“ Schließlich habe die Forschenden eine Methode gefunden, bei der der Sender vorsichtig am Schwanz befestigt werden kann und dann für bis zu drei Wochen den Aufenthaltsort der Eidechse verrät, bevor er von alleine abfällt.

„Die Aktionsräume der Zauneidechse waren im Vergleich zu Studien aus anderen Lebensräumen sehr klein. Manche Eidechsen bewegten sich wirklich nur wenige Meter entlang des Bahndamms“, berichtet Mark-Oliver Rödel, Reptilienexperte am Museum für Naturkunde Berlin. „Das zeigt, dass Zauneidechsen an Bahnstrecken sehr gute Bedingungen vorfinden, da sie auf kleinem Raum alles haben, was sie über das Jahr hinweg benötigen: genügend Insekten als Nahrungsgrundlage, Versteck- und Schlafplätze, Orte zum Sonnen und Möglichkeiten für die Eiablage. Sie können also Energie sparen und müssen sich nicht über weite Strecken bewegen. Dadurch sind sie auch weniger Gefahren durch Fressfeinde ausgesetzt“. Im Sommer, wenn der Bahnschotter sich durch die Sonneneinstrahlung stark erwärmt, nutzen Zauneidechsen den Schotter bevorzugt als Schlafplatz, da die Steine nachts am längsten die Wärme halten.

Für die Zauneidechse, deren Bestände gerade deutschlandweit zurück gehen, ist der sorgsame Umgang mit den verbleibenden Populationen von besonderer Bedeutung. Die genaue Kenntnis der Bewegungsmuster der Zauneidechsen kann nun dabei helfen, Schutzmaßnahmen bei Bauprojekten der Bahn noch besser zu planen.

Originalpublikation

Janssen, Alina, Staab, Michael & Mark-Oliver Rödel (2025): Home ranges of Sand Lizards, Lacerta agilis (Squamata: Sauria: Lacertidae), along railway tracks. – SALAMANDRA 61(2): 240–255

KOMMMENTAR

Zunächst klingt es wie eine positive Nachricht: Die Zauneidechse hat Ersatzlebensräume an Bahngleisen gefunden. Immerhin gehört das Schienennetz in Deutschland mit rund 33.500 Streckenkilometern Länge zu den größten Europas. Nur: Genügt das, um sie vor dem Aussterben zu bewahren? Theoretisch könnte man diese Frage mit einem Vielleicht, Tendenz zum Ja, beantworten. Denn um nicht auszusterben, genügen zwischen 5.000 und 5.400 Individuen – das sind etwa sechs bis sieben Exemplare pro Streckenkilometer. Da Zauneidechsen wahrscheinlich auch noch anderswo als an den Gleisen der Deutschen Bahn vorkommen, müsste diese Zahl eigentlich erreicht werden können.

Das Problem mit der Rechnung wird offenbar, schaut man genauer hin. Zwar werden die Schienenstränge der Deutschen Bahn des Öfteren als Rückzugsorte für seltene Tiere und Pflanzen genannt, da die dortigen Bedingungen – die Nährstoffarmut des Gleisbetts, die Ungestörtheit, die spärliche Pflege, die Vielfalt der Böschungen von trocken bis feucht, von direkt besonnt bis schattig – Pflanzen und Tiere beherbergen können, die sonst kaum mehr passende Lebensräume finden. Aber: Die Deutsche Bahn ist nicht gerade zimperlich im Umgang mit Herbiziden, gerade in der Vergangenheit nicht. Nachfolgend einige Beispiele.

Vor 1996/97 hat die Deutsche Bahn insbesondere eingesetzt:

2,4 Dichlorphenoxyessigsäure (insbesondere Knöterich-, Kamille- und Distelarten werden abgetötet). Hormonähnliche Wirkung auf Nicht-Zielorganismen; schädigt das Nervensystem und die Erbsubstanz DNA, beeinflusst den Beginn der Menstruation; schädliche Auswirkungen auf Wasserökosysteme.

2,4,5 Trichlorphenoxyessigsäure (lässt Pflanzen sich zu Tode wachsen). Auf Nicht-Zielorganismen wirkt es ebenfalls toxisch: oxidative DNA-Schäden, hormonähnliche Wirkungen, schädigt das Nerven- und Herz-Kreislauf-System.

Atrazin (Triazine) hemmt die Photosynthese von Pflanzen. Bei Nicht-Zielorganismen ebenfalls hormonähnliche Wirkung: Frösche verwandeln sich in Zwitter, die Testosteronproduktion wird erheblich gesenkt, die Östrogenproduktion angekurbelt (letzteres kann Brustkrebs verursachen).

Diuron (3-(3,4-Dichlorphenyl)-1,1-dimethylharnstoff (DCMU) wirkt ebenfalls über die Hemmung der Photosynthese. Ist ein systemisch wirkendes Herbizid, d.h., es wird über die Wurzel aufgenommen und verbreitet sich im Pflanzenkörper. Kann auch als Totalherbizid eingesetzt werden. Neurotoxische Wirkung auf Ungeborene und Kinder. Als Verursacher von Krebs diskutiert. Eine EU-weite Neubewertung läuft seit 2014.

Bis 2023 setzte die Deutsche Bahn vor allem auf Glyphosat (Handelsname u.a. Roundup) ein. Glyphosat ist besonders umstritten, da es als neurotoxisch gilt und die International Agency for Research on Cancer (IARC) es als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuft. Seit 2018, als Bayer den amerikanischen Glyphosat-Hersteller Monsanto übernahm, wurden über 165.000 Klagen eingereicht. Derzeit stehen noch über 67.000 Klagen aus, permanent kommen neue hinzu. Die KlägerInnen sind in erster Linie an einem Non-Hodgkin-Lymphom oder Subtypen wie diffusem großzelligen B-Zell-Lymphom oder follikulärem Lymphom, an einem Multiplen Myelom oder Leukämie erkrankt, leiden unter Parkinson, multipler Sklerose, Alzheimer oder amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Bayer hat bisher etwa zehn Milliarden Dollar für Vergleiche gezahlt und weitere 5,9 Milliarden Dollar für offene Fälle zurückgelegt.

Die Deutsche Bahn hat einigen Quellen zufolge pro Jahr 75 Tonnen Glyphosat eingesetzt – und war somit der größte Abnehmer Deutschlands. Die behandelte Fläche betrug zwar nur ein Prozent der gesamten pestizidbehandelten Fläche in Deutschland, aber die Menge pro Fläche war sechsmal höher als in der Landwirtschaft.

Glyphosat ist in Grund- und Trinkwasser in der Nähe von Schienenwegen nachgewiesen worden, was auf eine Umweltkontamination hinweist. Sämtliche Lebewesen – von Flechten über Moose, Spinnentiere und Insekten bis hin zu Säugetieren, Lurchen und Kriechtieren, die in, auf oder über den Gleisanlagen leben, sind dem Sprühnebel von Herbizidbehandlungen ausgesetzt. Gänzlich ohne Folgen?

Darauf findet man kaum Antwort. Forschungsgelder, um die Auswirkungen von Glyphosat & Co auf Organismen außerhalb unserer direkten Wahrnehmung zu untersuchen, sind verständlicherweise rar gesät – zu groß ist die Abhängigkeit der industriellen Landwirtschaft, zu groß sind die Gewinnmargen, die damit verdient werden und zu groß ist der politische Einfluss der Big Player á la Bayer.

Seit 2023 setzt die Deutsche Bahn bislang weniger umstrittene Herbizide wie Pelargonsäure, Flumioxazin, Diflufenican und Iodosulfuron ein. Die genauen Mengen sind nicht verfügbar; eine Berichtspflicht der Deutschen Bahn gegenüber der Öffentlichkeit gibt es nicht. Daher ist auch weder die Wirkstoff- noch die Gesamtmenge oder -art aller auf den deutschen Schienenwegen ausgebrachten Pestizide bekannt. Transparenz sieht anders aus.

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