
Der Blausee im Berner Oberland, ein idyllischer Bergsee und beliebtes Ausflugsziel, steht seit 2018 im Zentrum eines der schwerwiegendsten Umweltskandale der Schweiz. Im Fokus stehen illegale Abfallentsorgungen im sensiblen Gewässerschutzgebiet oberhalb des Sees, die zu massiven Fischsterben und anhaltenden Kontroversen zwischen Behörden, Unternehmen und den Betreibern der Blausee-Anlage geführt haben. Offizielle Daten, Medienberichte und Aussagen von Experten zeichnen ein Bild von gravierenden Versäumnissen, unklaren Verantwortlichkeiten und potenziell langfristigen Umweltschäden.
Ausgangslage: Der Blausee und seine Bedeutung
Der Blausee ist mit einer Fläche von nur 0,64 Hektar zwar klein, aber als Naturdenkmal und Touristenmagnet von grosser Bedeutung für die Region Kandergrund und das Berner Oberland. Neben dem See selbst betreibt die Blausee AG eine Bio-Fischzucht, die Forellen für den regionalen und überregionalen Markt produziert. Der See wird von Quellwasser gespeist, das über das Grundwasser aus dem umliegenden Gebiet zufliesst. Die Wasserqualität und der Schutz des Einzugsgebiets sind daher essenziell für das ökologische Gleichgewicht und die wirtschaftliche Nutzung des Sees[5].
Das Fischsterben ab 2018: Erste Hinweise auf eine Umweltkatastrophe
Im Jahr 2018 kam es erstmals zu einem massiven Fischsterben in der Fischzuchtanlage des Blausees. Über zwei Jahre hinweg verendeten zehntausende Forellen. Die Betreiber der Blausee AG bezifferten den wirtschaftlichen Schaden auf rund zwei Millionen Franken. Auffällig war, dass das Fischsterben nur in einem von Grundwasser gespeisten Becken auftrat, nicht jedoch in den anderen, die von Quellwasser gespeist wurden. Dies lenkte den Verdacht früh auf eine mögliche Kontamination des Grundwassers als Ursache[2][3][5].

Illegale Abfallentsorgung: Umfang und Vorgehen
Im Zentrum der Ermittlungen steht ein Steinbruch oberhalb des Blausees, der im Gewässerschutzgebiet liegt. Hier wurden zwischen 2012 und 2020 laut offiziellen Ermittlungen und Anklageschriften über 4000 Tonnen Abfall illegal deponiert. Ein Berner Transportunternehmer soll im Auftrag mehrerer Firmen belastete Abfälle, die auf eine gesicherte Deponie gehört hätten, als „sauberen Aushub“ deklariert und im Steinbruch abgeladen haben. Um die Herkunft zu verschleiern, wurden Baustellen erfunden und Deponiebelege gefälscht. Die korrekte Entsorgung hätte etwa 30 Franken pro Tonne gekostet, während das illegale Abladen im Steinbruch lediglich 8 Franken pro Tonne verursachte. Den Auftraggebern wurde jedoch der volle Preis verrechnet[1][6].
Die Abfälle enthielten laut Anklageschrift in Einzelfällen gefährliche Schadstoffe wie Chrom VI, Ammonium, Arsen, Antimon, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Kupfer und Benzpyren – Substanzen, die als krebserregend oder umweltgefährdend gelten[1][2][6].
Messungen und Analysen: Belastung des Grundwassers
Nach dem Fischsterben wurden auf dem Gelände des Kieswerks und im Grundwasser zahlreiche Proben genommen. Die Betreiber der Blausee AG präsentierten Messwerte, die eine bis zu 424’000-fache Überschreitung des Grenzwerts für PAK im Grundwasser auswiesen. Auch bei Schwermetallen wie Blei und Zink wurden massive Grenzwertüberschreitungen festgestellt[2]. PAK sind als krebserregend eingestuft und entstehen beispielsweise bei der Verbrennung organischer Stoffe oder durch Teerprodukte, wie sie im alten Schotter und in mit Teer behandelten Eisenbahnschwellen vorkommen.
Die Behörden bestätigten, dass rund 1000 Tonnen Feinmaterial aus der Sanierung des Lötschberg-Scheiteltunnels auf dem Gelände des Kieswerks deponiert wurden, bevor der Kanton Bern nach Hinweisen der Blausee-Betreiber einschritt und die Deponierung untersagte[2][3]. Das Material hätte gemäss Konzept in eine spezialisierte Anlage gebracht und dort gewaschen werden müssen.
Kontroverse um Ursache und Verantwortlichkeit
Ein direkter, wissenschaftlich belegter Zusammenhang zwischen der illegalen Abfallentsorgung und dem Fischsterben konnte bislang nicht abschliessend nachgewiesen werden. Während die Blausee AG und unabhängige Experten einen „evidenten“ zeitlichen, örtlichen und sachlichen Zusammenhang zwischen der Tunnelsanierung, der Deponierung und dem Fischsterben sehen, argumentieren Behörden und beteiligte Firmen, dass die Messungen der Behörden keine akute Gefährdung für Mensch und Umwelt nachgewiesen hätten[2][3][6].
Die Blausee AG verweist darauf, dass das Fischsterben nach dem Verbot der Deponierung des Tunnelaushubs deutlich zurückging, was für einen ursächlichen Zusammenhang spreche. Die Unternehmen wiederum betonen, dass sie auf Anweisung der Behörden das widerrechtlich deponierte Material wieder ausgebaggert und korrekt entsorgt hätten. Der Kanton Bern argumentiert, dass durch die Verdünnung im Grundwasser eine Gefährdung des Blausees unwahrscheinlich sei, schliesst aber einen Zusammenhang nicht aus[3].
Behörden und Justiz: Kritik und Ermittlungen
Die Rolle der Behörden steht im Zentrum scharfer Kritik. Die Blausee-Betreiber werfen den Berner Behörden vor, zu spät und ungenügend auf Hinweise und Verdachtsmomente reagiert zu haben. Auch wird moniert, dass die Aufsicht über die Kiesgruben und Deponien mangelhaft gewesen sei[2][4][5]. Der Regierungsrat und Baudirektor Christoph Neuhaus wurde im März 2022 vom Grossen Rat explizit aufgefordert, die Aufsicht zu verbessern[5].
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen mehrere Personen, darunter den Transportunternehmer und Mitarbeitende der beteiligten Firmen. Die Anklagepunkte umfassen arglistige Täuschung, Fälschung von Deponiebelegen und illegale Abfallentsorgung. Auch gegen die Betreiber der Blausee AG wurden Verfahren eingeleitet, unter anderem wegen mutmasslicher Hausfriedensbruchs und Verletzung der Privatsphäre im Zuge eigener Recherchen. Die Blausee-Betreiber bestreiten diese Vorwürfe und sehen sich als Whistleblower, die auf Missstände aufmerksam gemacht haben[7].
Wissenschaftliche Bewertung und offene Fragen
Die Situation am Blausee ist ein klassisches Beispiel für die Problematik von Altlasten und den Umgang mit gefährlichen Abfällen in sensiblen Ökosystemen. Peer-Review-Studien und Berichte des Bundesamts für Umwelt (BAFU) weisen darauf hin, dass polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und Schwermetalle im Grundwasser zu gravierenden ökologischen und gesundheitlichen Schäden führen können. PAK sind persistent, reichern sich in Sedimenten an und können aquatische Organismen schädigen. Schwermetalle wie Blei, Zink und Arsen sind toxisch für Fische und können bei chronischer Belastung zu Populationseinbrüchen führen.
Die Tatsache, dass das Fischsterben nach dem Stopp der illegalen Deponierung zurückging, deutet auf einen Zusammenhang hin, der jedoch durch weitere unabhängige, wissenschaftliche Untersuchungen untermauert werden müsste. Die Behörden weisen darauf hin, dass die Verdünnungseffekte im Grundwasser eine direkte Gefährdung des Sees erschweren, allerdings ist dies abhängig von lokalen hydrogeologischen Bedingungen, die im Fall des Blausees besonders komplex sind[2][3].
Gesellschaftliche und politische Folgen
Der Skandal hat weitreichende gesellschaftliche und politische Folgen. Das Vertrauen in die Behörden und die Entsorgungsbranche ist erschüttert. Die Blausee AG hat Schadenersatzforderungen angekündigt, der Imageschaden für die Region ist beträchtlich. Der Fall hat zudem eine breite Debatte über die Kontrolle von Deponien, die Transparenz von Entsorgungswegen und die Durchsetzung von Umweltauflagen ausgelöst. Die Politik hat auf kantonaler Ebene reagiert und eine Verschärfung der Aufsicht sowie strengere Kontrollen gefordert[4][5].
Aktueller Stand und Ausblick
Die meisten Strafverfahren sind noch nicht abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiterhin gegen mehrere Akteure. Die Blausee AG hat die Bio-Fischzucht verkleinert, da die Einhaltung der neuen Umweltauflagen mit vertretbarem Aufwand nicht mehr möglich erscheint. Der Fürtbach, ein Zufluss des Blausees, muss aufgrund von Verschmutzungen durch Futter und Fäkalien saniert werden[5].
Der Skandal um den Blausee bleibt ein Mahnmal für die Notwendigkeit konsequenter Umweltkontrollen, transparenter Entsorgungswege und einer funktionierenden Zusammenarbeit zwischen Behörden, Unternehmen und Zivilgesellschaft. Die vollständige Aufarbeitung der Ursachen, Verantwortlichkeiten und Folgen steht weiterhin aus. Der Fall zeigt, wie empfindlich und verletzlich selbst scheinbar unberührte Naturräume in der Schweiz gegenüber menschlichem Fehlverhalten und institutionellen Versäumnissen sind.
Fazit
Der Umweltskandal am Blausee ist ein Paradebeispiel für die Komplexität moderner Umweltkriminalität. Er offenbart Schwächen im Kontrollsystem, Interessenkonflikte und die Schwierigkeiten, Kausalitäten in komplexen Ökosystemen eindeutig zuzuweisen. Die wissenschaftliche und juristische Aufarbeitung wird noch Jahre in Anspruch nehmen. Klar ist bereits jetzt: Die Lehren aus dem Fall Blausee werden die Umweltpolitik und das Umweltbewusstsein in der Schweiz nachhaltig prägen[1][2][3][4][5][6][7].
Quellen:
[1] Blausee: Anklage nach illegaler Abfallentsorgung – 20 Minuten https://www.20min.ch/story/umweltskandal-blausee-entsorgte-er-illegal-4000-tonnen-abfall-in-gewaesserschutzgebiet-103303999
[2] Tausende tote Fische im Blausee – jetzt informieren die … – Watson https://www.watson.ch/schweiz/bern/657609453-tausende-tote-fische-im-blausee-jetzt-informieren-die-verantwortlichen
[3] Tausende tote Fische: Illegale Entsorgung soll Blausee vergiftet haben https://www.watson.ch/schweiz/umwelt/600428142-tausende-tote-fische-illegale-entsorgung-soll-blausee-vergiftet-haben
[4] Trotz unbewältigtem Skandal: Neat-Ausbau soll fortschreiten https://www.infosperber.ch/umwelt/uebriges-umwelt/trotz-unbewaeltigtem-skandal-neat-ausbau-soll-fortschreiten/
[5] Blausee (Berner Oberland) – Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Blausee_(Berner_Oberland)
[6] Umweltskandal Blausee: Wurden 4000 Tonnen Abfall illegal entsorgt? https://www.nau.ch/news/schweiz/umweltskandal-blausee-wurden-4000-tonnen-abfall-illegal-entsorgt-66938098
[7] Strafbefehl gegen Blausee-Besitzer – Blick https://www.blick.ch/schweiz/bern/hausfriedensbruch-verletzung-der-privatsphaere-noetigung-strafbefehl-gegen-blausee-besitzer-id19541261.html
[8] Blausee-Besitzer ermittelt mit «Es hat mir Angst gemacht – Blick https://www.blick.ch/schweiz/strafanzeige-wegen-noetigung-gegen-blausee-besitzer-er-hat-mir-angst-gemacht-id16321104.html
[9] Blausee-Besitzer brechen Schweigen und kritisieren Kanton Bern … https://www.20min.ch/story/blausee-besitzerinnen-und-besitzer-brechen-schweigen-und-kritisieren-kanton-bern-scharf-803122653228
[10] Wasserqualität – Seewandel https://seewandel.org/wasserqualitaet/

