DEGAM in der PR-Falle der Pharmaindustrie: Warum die Abwasserrichtlinie keine Versorgungskrise auslöst

Durch | Juni 4, 2025
DEGAM in der PR-Falle der Pharmaindustrie: Warum die Abwasserrichtlinie keine Versorgungskrise auslöst. Symbolbild. Credits: Pugnalom by LabNews Media LLC.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) warnt vor einer drohenden Versorgungskrise aufgrund der neuen EU-Abwasserrichtlinie, die Pharmahersteller zur Mitfinanzierung der Abwasserreinigung verpflichtet. Besonders Generika wie Metformin, Amoxicillin und Tamoxifen könnten laut DEGAM vom Markt verschwinden, da die zusätzlichen Kosten die Produktion unrentabel machten. Doch diese Warnungen erscheinen übertrieben und spielen der Pharmaindustrie in die Hände, die ihre milliardenschweren Gewinne verschleiert, um regulatorische Maßnahmen abzuwehren. Eine Analyse zeigt: Die Branche kann die Kosten problemlos tragen, ohne die Versorgung mit essenziellen Medikamenten zu gefährden.

Die EU-Abwasserrichtlinie zielt darauf ab, Mikroschadstoffe wie Medikamentenrückstände aus dem Abwasser zu entfernen, um Gewässer und Ökosysteme zu schützen. Nach dem Verursacherprinzip sollen Pharmaunternehmen die Kosten für erweiterte Klärtechnologien mittragen. Die DEGAM stuft dies als Bedrohung für die Verfügbarkeit von Generika ein, die etwa 80 Prozent des deutschen Marktes ausmachen. Doch die finanzielle Lage der Pharmaindustrie legt nahe, dass diese Drohung eher ein strategischer Schachzug ist, um politischen Druck zu erzeugen, als eine reale wirtschaftliche Notlage.

Pharmaindustrie: Gewinne in Milliardenhöhe

Die globale Pharmaindustrie gehört zu den profitabelsten Branchen. Laut dem Statista Pharmaceutical Industry Report 2024 erzielte der Sektor 2023 weltweit Einnahmen von über 1,5 Billionen US-Dollar, mit einem prognostizierten Wachstum auf 1,9 Billionen bis 2028. In Deutschland, einem der größten Pharmamärkte Europas, generierten Unternehmen 2023 laut dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) einen Umsatz von etwa 56 Milliarden Euro. Generikahersteller wie Sandoz oder Teva verzeichnen trotz niedriger Margen stabile Gewinne, da sie von hohen Absatzmengen profitieren. Eine Studie der World Health Organization (WHO, 2021) zeigt, dass die Produktionskosten für Generika wie Metformin oder Amoxicillin extrem niedrig sind – oft liegen sie bei wenigen Cent pro Einheit. Selbst unter Berücksichtigung der Logistik- und Vertriebskosten bleiben die Margen attraktiv.

Die Kosten für die Abwasserreinigung, die laut einer Schätzung der European Commission (2022) pro Unternehmen im niedrigen ein- bis zweistelligen Millionenbereich liegen könnten, sind im Verhältnis zu den Gewinnen marginal. Zum Vergleich: Allein Pfizer meldete 2023 einen Nettogewinn von 31 Milliarden US-Dollar (Pfizer Annual Report 2023). Selbst kleinere Generikahersteller wie Stada oder Ratiopharm erwirtschaften jährliche Gewinne in dreistelliger Millionenhöhe (Statista, Generika-Markt Deutschland 2023). Die Behauptung, dass die Abwasserreinigung die Produktion unrentabel mache, erscheint vor diesem Hintergrund unglaubwürdig.

Umweltbelastung durch Medikamente: Ein reales Problem

Die Notwendigkeit der Abwasserrichtlinie ist wissenschaftlich gut belegt. Eine Studie im Journal of Environmental Management (2022, doi:10.1016/j.jenvman.2021.114097) zeigt, dass Medikamentenrückstände wie Metformin und Amoxicillin in Gewässern weit verbreitet sind und negative Auswirkungen auf aquatische Ökosysteme haben, einschließlich Hormonstörungen bei Fischen. Metformin wurde in Konzentrationen nachgewiesen, die die Fortpflanzung von Wasserorganismen beeinträchtigen (Environmental Science & Technology, 2019, doi:10.1021/acs.est.8b05604). Die fortschrittlichen Klärtechnologien, etwa durch Ozonbehandlung oder Aktivkohle, können bis zu 90 Prozent dieser Schadstoffe entfernen (Water Research, 2020, doi:10.1016/j.watres.2020.115764). Die Kosten für solche Verfahren sind laut einer Analyse des Umweltbundesamtes (2021) überschaubar und könnten durch Skaleneffekte weiter sinken.

DEGAM: Unkritische Übernahme von Industrieargumenten

Die DEGAM suggeriert, dass der Wegfall von Generika die Versorgung mit Medikamenten wie Metformin gefährde, was zu höheren Kosten und schlechterer Behandlungsqualität führe. Doch diese Argumentation ignoriert, dass der Markt für Generika stark reguliert ist. In Deutschland sorgt das Rabattvertragssystem der Krankenkassen dafür, dass alternative Anbieter einspringen können, falls ein Hersteller aussteigt. Eine Studie der Technischen Universität Berlin (2023) zeigt, dass der Wettbewerb im Generikamarkt Preisschwankungen effektiv dämpft. Zudem könnten staatliche Anreize oder Ausnahmen für essenzielle Medikamente die Produktion sichern, ohne die Abwasserrichtlinie zu kippen.

Die Warnung der DEGAM vor einer Versorgungskrise wirkt wie ein Echo der Pharmaindustrie, die seit Jahren versucht, Umweltauflagen zu umgehen. Bereits 2019 wehrte sich der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) gegen ähnliche Vorschläge, mit dem Argument, dass die Kosten die Innovation hemmen würden (vfa Positionspapier, 2019). Doch die Rekordgewinne der Branche widerlegen diese Klage. Die DEGAM scheint die Industrieargumente unreflektiert übernommen zu haben, ohne die finanziellen Kapazitäten oder alternative Lösungsansätze zu hinterfragen.

Balance statt Alarmismus

Die Herausforderung besteht darin, Gewässerschutz und Arzneimittelversorgung in Einklang zu bringen. Statt die Richtlinie abzulehnen, könnten gezielte Maßnahmen wie Subventionen für die Reinigungskosten von Generikaherstellern oder eine gestaffelte Kostenbeteiligung helfen. Eine Studie im Health Policy Journal (2021, doi:10.1016/j.healthpol.2021.04.002) schlägt vor, dass öffentliche-private Partnerschaften die Umsetzung solcher Umweltauflagen erleichtern können, ohne die Versorgung zu gefährden. Die DEGAM hätte gut daran getan, solche pragmatischen Lösungen zu fordern, anstatt die PR-Narrative der Industrie zu verstärken.

Die Pharmaindustrie nutzt ihre wirtschaftliche Macht, um Regulierungen abzuwehren, die ihre Gewinne minimal schmälern könnten. Die DEGAM fällt in diese Falle, indem sie eine Versorgungskrise heraufbeschwört, die weder durch die finanziellen Realitäten noch durch die Marktdynamik gestützt wird. Die Abwasserrichtlinie ist ein notwendiger Schritt zum Schutz der Umwelt, und die Industrie hat die Mittel, ihren Teil dazu beizutragen. Es ist an der Zeit, dass die Gesundheitspolitik die Interessen von Patienten und Ökosystemen gleichermaßen verteidigt, anstatt sich von der Pharmalobby instrumentalisieren zu lassen.

Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), ergänzt durch Daten aus Statista Pharmaceutical Industry Report 2024, WHO Report on Essential Medicines 2021, European Commission Impact Assessment 2022, Pfizer Annual Report 2023, Umweltbundesamt Bericht 2021, sowie peer-review Studien aus Journal of Environmental Management (2022), Environmental Science & Technology (2019), Water Research (2020), und Health Policy Journal (2021).

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
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