Alarmierender Anstieg tödlicher Infektionen durch „hirnfressende Amöbe“ in Indien

Durch | September 19, 2025

Im südindischen Bundesstaat Kerala eskaliert eine seltene, aber hochgefährliche Infektionskrankheit: Die „hirnfressende Amöbe“ Naegleria fowleri verursacht seit Jahresbeginn 72 Fälle der Primären Amöben-Meningoenzephalitis (PAM), mit 19 Todesopfern – eine Verdopplung im Vergleich zu 2024, als 36 Infektionen und neun Tote registriert wurden.  Die Behörden warnen vor einer unkontrollierten Ausbreitung, insbesondere in warmen Süßwassergewässern, und haben Badeseen chloren lassen sowie Schwimmbäder vorübergehend geschlossen. Experten sehen in steigenden Wassertemperaturen durch den Klimawandel einen möglichen Treiber für die Zunahme, die nicht nur Indien, sondern globale Gesundheitsrisiken verstärkt.

Biologie und Übertragung: Der tödliche Weg der Amöbe

Naegleria fowleri, ein freilebender Einzeller, der in warmen Süßwässern wie Teichen, Seen und Flüssen vorkommt, ist für ihre zerstörerische Wirkung bekannt. Die Amöbe dringt über die Nasenschleimhaut – etwa beim Schwimmen, Tauchen oder Nasenspülen mit kontaminiertem Wasser – in den Körper ein und wandert entlang des Riechnervs ins Gehirn. Dort verursacht sie eine akute Hirnhautentzündung, die Hirngewebe auflöst und in 95 Prozent der Fälle innerhalb von 1 bis 14 Tagen zum Tod führt. Symptome beginnen mit Kopfschmerzen, Fieber und Erbrechen, eskalieren zu Krampfanfällen, Halluzinationen und Koma. Eine Übertragung durch Trinken oder Luft ist unmöglich; der Erreger bevorzugt Temperaturen über 25 Grad Celsius, was tropische Regionen wie Kerala begünstigt.

Weltweit wurden seit 1962 nur etwa 550 Fälle dokumentiert, hauptsächlich in den USA, Indien, Pakistan und Australien.  In Kerala, einem beliebten Badegebiet mit tropischem Klima, ist der Anstieg besonders alarmierend: Im August 2025 starben allein sieben Personen, und elf Patienten werden derzeit in Intensivstationen behandelt, mindestens einer in kritischem Zustand.

Ursachen des Ausbruchs: Klimawandel, Verschmutzung und Bewusstseinslücken

Die Zunahme wird auf mehrere Faktoren zurückgeführt. Erstens der Klimawandel: Wärmere Gewässer fördern die Vermehrung der Amöbe, wie eine Studie aus 2022 andeutet, die eine globale Ausbreitung prognostiziert. Zweitens Wasserverschmutzung und stehende Gewässer in Keralas ländlichen und urbanen Gebieten, wo illegale Entsorgung und Monsunüberschwemmungen den Erreger begünstigen. Drittens mangelnde Aufklärung: Viele Betroffene sind Kinder und Jugendliche, die in unkontrollierten Badeseen planschen, ohne Nasenklammern oder chloriertes Wasser zu nutzen.

Keralas Gesundheitsministerin Veena George betonte: „Wir müssen eine starke Verteidigung aufbauen und stehendes oder verschmutztes Wasser meiden.“  Dies ist der schwerste Ausbruch in der Region seit Jahren, mit einer Verdopplung der Fälle gegenüber 2024 und einem Fünffachen zu 2016 (damals 1–2 Fälle jährlich).

Maßnahmen und Herausforderungen: Chlorung und Diagnose-Richtlinien

Die indischen Behörden haben reagiert: Badeseen werden mit Chlor behandelt, Wasserproben analysiert und öffentliche Kampagnen gestartet, die vor Nasenspülen mit ungeklärtem Wasser warnen. Im Sommer 2024 veröffentlichte das Gesundheitsministerium von Kerala Richtlinien für Diagnose und Behandlung, inklusive früher Erkennung durch Lumbalpunktion und antimikrobieller Therapie (z. B. Amphotericin B). Dennoch ist die Erfolgsquote niedrig: Nur wenige Patienten überleben, oft durch verzögerte Diagnose in entlegenen Gebieten.

Herausforderungen umfassen begrenzte Laborkapazitäten und den Mangel an Impfstoffen – eine wirksame Prävention basiert allein auf Vermeidung. Die WHO betont, dass PAM weltweit unterdiagnostiziert wird, was die tatsächliche Ausbreitung unterschätzt.

Globale Implikationen: Warnung für tropische Regionen

Der Ausbruch in Kerala unterstreicht ein wachsendes Risiko durch den Klimawandel: Ähnliche Fälle häuften sich 2023 in Pakistan und den USA, wo warme Seen zunehmend kontaminiert sind.  Experten fordern internationale Kooperation: Bessere Überwachung von Gewässern und Aufklärung, um PAM als „vergisstbare Krankheit“ zu bekämpfen. In Indien, mit über 1,4 Milliarden Einwohnern und tropischem Klima, könnte der Anstieg ein Vorbote für weitere Regionen sein. Die WHO und CDC empfehlen: Immer Nasenklammern beim Baden tragen und nur chloriertes Wasser für Hygiene nutzen.

Die Situation in Kerala bleibt dynamisch: Aktuell werden elf Fälle intensivmedizinisch behandelt, und Behörden prüfen weitere Gewässer. Ohne schnelle Intervention droht eine weitere Eskalation in der Regenzeit.


Quellen: Deutsches Ärzteblatt, DW, n-tv.de, Spiegel Online, derStandard.at, Nachrichten.at, FR.de, Morgenpost.de, DiePresse.com, Stern.de, Stuttgarter Zeitung, Nau.ch, Kurier.at, Tag24.de

Hirnfressende Amöben in Indien Symbolbild Credits Pugnalom
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