
Sechs Jahre nach dem historischen Volksbegehren „Rettet die Bienen“ steht Bayern vor einem ernüchternden Ergebnis: Das gesetzlich verankerte Zwischenziel, bis Ende 2025 einen Anteil von 20 Prozent ökologisch bewirtschafteter landwirtschaftlicher Fläche zu erreichen, wird nicht erreicht. Der Ausbau des Ökolandbaus, einer der zentralen Pfeiler des Volksbegehrens, stagniert. Mit nur 13,8 Prozent ökologisch bewirtschafteter Fläche im Jahr 2024 bleibt der Freistaat weit hinter den Erwartungen zurück. Auch das ambitionierte Ziel, bis 2030 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche auf ökologische Bewirtschaftung umzustellen, erscheint in weite Ferne gerückt. Dieser Bericht beleuchtet die Ursachen für die Verfehlung, die Folgen für Umwelt und Landwirtschaft sowie mögliche Wege aus der Krise.
Hintergrund des Volksbegehrens
Im Februar 2019 unterzeichneten über 1,7 Millionen Menschen in Bayern das Volksbegehren „Rettet die Bienen“, was 18,3 Prozent der Wahlberechtigten entsprach. Es war das erfolgreichste Volksbegehren in der Geschichte des Freistaats und setzte ein starkes Zeichen für den Natur- und Artenschutz. Der bayerische Landtag nahm das Begehren am 17. Juli 2019 an. Es umfasste drei zentrale Säulen: den Ausbau des Ökolandbaus, die Schaffung eines Biotopverbunds zur Förderung der Artenvielfalt und die Halbierung des Pestizideinsatzes bis 2028. Besonders der Ökolandbau wurde als Schlüssel für eine nachhaltige Landwirtschaft und den Schutz von Böden, Wasser und Biodiversität hervorgehoben. Doch sechs Jahre später zeigt ein Monitoring-Bericht, dass die Umsetzung dieser Ziele auf erhebliche Hindernisse stößt.
Stagnation im Ökolandbau
Der aktuelle Stand ist ernüchternd: Im Jahr 2024 wurden in Bayern knapp 430.000 Hektar landwirtschaftlicher Fläche ökologisch bewirtschaftet, was einem Anteil von 13,8 Prozent entspricht. Zwar sind seit 2022 etwa 14.000 Hektar hinzugekommen, doch das Wachstum ist zu gering, um die Zielvorgaben zu erreichen. Besonders problematisch ist die Entwicklung auf staatlichen Flächen: Der Anteil ökologisch bewirtschafteter Pachtflächen ist sogar rückläufig, da ein Großteil weiterhin konventionell genutzt wird. Der Monitoring-Bericht zeigt, dass die Dynamik im Ökolandbau nahezu zum Erliegen gekommen ist. Um das Ziel von 30 Prozent bis 2030 zu erreichen, müssten jährlich etwa 60.000 Hektar zusätzlich auf ökologische Bewirtschaftung umgestellt werden – ein Tempo, das bei der aktuellen Entwicklung unrealistisch erscheint.
Ursachen der Verfehlung
Die Gründe für die Stagnation sind vielschichtig. Ein zentrales Problem ist die mangelnde wirtschaftliche Attraktivität des Ökolandbaus für Landwirte. Der Preisunterschied zwischen ökologischen und konventionellen Produkten ist oft zu gering, um die höheren Kosten und den erhöhten Arbeitsaufwand der Bio-Bewirtschaftung auszugleichen. Zudem haben Sparzwänge bei den Verbrauchern, ausgelöst durch wirtschaftliche Unsicherheiten wie Inflation, die Nachfrage nach Bio-Produkten gedämpft. Dies schwächt die Marktperspektiven für Landwirte, die auf ökologische Bewirtschaftung umstellen möchten.
Hinzu kommen bürokratische Hürden. Die Förderprogramme, wie das Kulturlandschaftsprogramm (KULAP), sind komplex und für viele Landwirte schwer zugänglich. Ein Beispiel ist der kürzliche Wegfall der Förderung für den Humusaufbau, die viele Betriebe in ihrer Planung überraschte und das Vertrauen in die Verlässlichkeit staatlicher Unterstützung erschütterte. Auch die neuen EU-Vorgaben zur Weidepflicht, insbesondere für Rinder, stellen Betriebe vor Herausforderungen. Viele können die strengen Anforderungen nicht erfüllen, was einige sogar dazu veranlasst, aus dem Ökolandbau auszusteigen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die unzureichende Umsetzung auf staatlichen Flächen. Trotz gesetzlicher Vorgaben, die seit 2020 einen Mindestanteil von 30 Prozent ökologisch bewirtschafteter Staatsflächen fordern, bleibt die Umsetzung schleppend. Dies wird als Versagen der Staatsregierung gewertet, die ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht wird. Auch die Förderung von Blühstreifen entlang von Gewässern, die für die Artenvielfalt entscheidend sind, stockt. Sowohl die Fördersummen als auch die Flächen sind zurückgegangen, was Experten auf unzureichende Planung und fehlende Kontrollen zurückführen.
Schwächen in der Umsetzung des Volksbegehrens
Neben dem Ökolandbau hapert es auch bei anderen Zielen des Volksbegehrens. Beim Aufbau eines Biotopverbunds fehlt es weiterhin an einer zuverlässigen Datengrundlage, um den Fortschritt zu messen. Dies erschwert eine zielgerichtete Steuerung und Evaluation. Beim Pestizideinsatz gibt es Fortschritte auf staatlichen Flächen, wo Chemikalien nur noch für Forschung und Lehre eingesetzt werden. In der konventionellen Landwirtschaft bleibt der Einsatz jedoch weit verbreitet. Notfallzulassungen, etwa für Insektizide gegen Schädlinge wie die Schilf-Glasflügelzikade, werden kritisch gesehen, da sie die Zielsetzung einer Pestizidreduktion untergraben. Die Halbierung des Pestizideinsatzes bis 2028 erscheint angesichts dieser Ausnahmen ambitioniert, aber schwer erreichbar.
Politische Kontroverse
Die Kritik an der Bayerischen Staatsregierung ist laut. Vertreter von Umweltverbänden und Oppositionsparteien werfen der Regierung vor, die Ziele des Volksbegehrens nicht ernsthaft zu verfolgen. Die Verfehlung des 20-Prozent-Ziels wird als Beweis für mangelnden politischen Willen gewertet. Insbesondere wird bemängelt, dass die Regierung Naturschutzmaßnahmen als bürokratisch oder unrealistisch darstelle, sobald sie unbequem werden. Umweltorganisationen fordern einen Fünf-Punkte-Plan, der unter anderem eine verbindliche 30-Prozent-Bio-Quote für die Außer-Haus-Verpflegung, mehr Forschungsgelder für den Ökolandbau und eine Garantie der Gentechnikfreiheit umfasst. Auch eine langfristige Finanzierung für Naturschutzmaßnahmen wird als essenziell angesehen, um die Ziele des Volksbegehrens zu erreichen.
Die Staatsregierung weist die Kritik zurück. Laut der Landwirtschaftsministerin wurden fast 90 Prozent der Maßnahmen aus dem Volksbegehren umgesetzt, was als großer Erfolg gewertet wird. Sie verweist auf die gestiegene Zahl von fast 12.000 Ökobetrieben und die Aufstockung der Forschungsmittel für den Ökolandbau auf 5,7 Millionen Euro in den Jahren 2023 und 2024. Auch Initiativen wie „Weideland Bayern“ zur Unterstützung der Weidepflicht und die Bildungsoffensive für Berufsgruppen wie Müller oder Konditoren werden als Fortschritte hervorgehoben. Der Umweltminister betont, dass der kooperative Naturschutz Fortschritte mache, fordert jedoch mehr Unterstützung vom Bund, um Kürzungen bei Fördermitteln auszugleichen.
Folgen der Stagnation
Die Verfehlung der Ökolandbau-Ziele hat weitreichende Folgen. Der geringe Anteil ökologisch bewirtschafteter Flächen bremst den Fortschritt beim Schutz von Böden, Wasser und Artenvielfalt. Ökologischer Landbau trägt nachweislich zur Erhaltung der Biodiversität bei, etwa durch Hecken, Streuobst oder Blühstreifen, die Lebensräume für Insekten und Vögel schaffen. Ein langsamer Ausbau bedeutet weniger Schutz für bedrohte Arten wie Bienen, die durch Pestizideinsatz und Monokulturen gefährdet sind. Zudem bleibt die Abhängigkeit von chemischen Pestiziden hoch, was nicht nur der Umwelt, sondern auch der menschlichen Gesundheit schadet.
Für Landwirte bedeutet die Stagnation eine unsichere Perspektive. Viele, die auf ökologische Bewirtschaftung umstellen möchten, scheuen den Schritt aufgrund fehlender finanzieller Anreize und bürokratischer Hürden. Dies betrifft besonders kleinere und mittelständische Betriebe, die weniger von Förderungen profitieren als große Betriebe. Die mangelnde regionale Vermarktung von Bio-Produkten erschwert zudem den Aufbau resilienter Wertschöpfungsketten, die für eine nachhaltige Landwirtschaft essenziell sind.
Perspektiven und Lösungsansätze
Trotz der Rückschläge gibt es Ansätze, die den Ökolandbau in Bayern voranbringen könnten. Die Staatsregierung hat mit Programmen wie BioRegio 2030 und den Öko-Modellregionen Strukturen geschaffen, die regionale Wertschöpfungsketten fördern sollen. Diese müssen jedoch ausgebaut und besser finanziert werden. Eine verstärkte Unterstützung kleiner und mittelständischer Betriebe, etwa durch vereinfachte Förderprogramme und höhere Prämien für die Umstellung, könnte die Attraktivität des Ökolandbaus erhöhen. Auch die Bildungsoffensive, die neue Berufsgruppen einbezieht, ist ein Schritt in die richtige Richtung, um das Bewusstsein für ökologische Landwirtschaft zu stärken.
Ein weiterer Hebel ist die Verpflichtung staatlicher Kantinen, mindestens 50 Prozent regionale oder biologische Lebensmittel anzubieten. Dies könnte die Nachfrage nach Bio-Produkten ankurbeln und Landwirten Planungssicherheit geben. Zudem ist eine konsequente Reduktion bürokratischer Hürden notwendig, etwa durch digitale Tools wie die FAL-BY-App oder das iBALIS-Portal, die Meldepflichten vereinfachen. Schließlich muss die Finanzierung für Naturschutzmaßnahmen langfristig gesichert werden, um Vertrauen bei Landwirten und Umweltverbänden zu schaffen.
Fazit
Sechs Jahre nach „Rettet die Bienen“ steht Bayern vor der Herausforderung, die ambitionierten Ziele des Volksbegehrens in die Tat umzusetzen. Der Ökolandbau stagniert, und das Zwischenziel von 20 Prozent bis 2025 wird verfehlt. Wirtschaftliche Unsicherheiten, bürokratische Hürden und fehlende Planungssicherheit bremsen den Fortschritt. Die Kritik an der Staatsregierung ist berechtigt, doch die bisherigen Maßnahmen zeigen, dass Fortschritte möglich sind. Um die Ziele bis 2030 zu erreichen, braucht es einen kraftvollen Fünf-Punkte-Plan, der Landwirte unterstützt, die Nachfrage nach Bio-Produkten steigert und den Naturschutz konsequent vorantreibt. Nur so kann Bayern seiner Rolle als Vorreiter im Ökolandbau gerecht werden und die Vision von „Rettet die Bienen“ in die Realität umsetzen.

