Eine neue Studie der Universitäten Oldenburg und Groningen, veröffentlicht in Global Change Biology, zeigt, dass sich die Biodiversität im Wattenmeer seit Mitte des 20. Jahrhunderts stark verändert hat. Unter der Leitung von Anika Happe und Kasper Meijer analysierte ein deutsch-niederländisches Forschungsteam erstmals mit einem ganzheitlichen Ansatz über 3.000 Zeitreihen von Populationsgrößen, die Arten wie Vögel, Fische, Pflanzen, Plankton und Bodenlebewesen umfassen. Die Daten von 200 Stationen zwischen Den Helder (Niederlande) und Blåvand (Dänemark) reichen teils bis 1900 zurück.
Die Ergebnisse verdeutlichen eine deutliche Umorganisation des Ökosystems. Verlierer des Wandels sind Fische wie der Atlantische Kabeljau und Plattfische, die das Wattenmeer als Kinderstube nutzen, sowie Primärproduzenten wie Seegras, Salzwiesenpflanzen und pflanzliches Plankton, deren Bestände zurückgingen. Auch Muscheln, Schnecken und Borstenwürmer verzeichneten negative Trends. Bei Seevögeln kehrte sich ein zuvor positiver Trend um die Jahrtausendwende um, sodass die Populationen vieler Watvögel und Möwen seither schrumpfen. Gewinner sind hingegen invasive Arten wie die Pazifische Auster und die Amerikanische Schwertmuschel, deren Populationen wachsen.
Der innovative Ansatz kombiniert verschiedene Methoden, um nicht nur Schlüsselarten, sondern die gesamte Artenvielfalt und ihre Funktionen zu erfassen. „Biodiversität umfasst viele Facetten, von Genetik über Artenvielfalt bis zu ökologischen Funktionen“, erklärt Prof. Dr. Helmut Hillebrand von der Universität Oldenburg. Die Studie zeigt, dass negative Trends oft bei verwandten Arten auftreten, die ähnliche Überlebensstrategien teilen, und zeitlich synchronisiert verlaufen, was auf gemeinsame Umweltfaktoren hinweist. Dies könnte die frühzeitige Erkennung gefährdeter Arten erleichtern.
Die Ergebnisse bieten eine Grundlage für verbesserte Naturschutzstrategien und das Management des 500 Kilometer langen Küstenstreifens, der 2009 zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt wurde. Zukünftige Untersuchungen sollen die Ursachen – wie Klimawandel, Meeresspiegelanstieg oder Nährstoffveränderungen – genauer klären und Veränderungen in Nahrungsnetzen analysieren. „Unser Ansatz ermöglicht es, quantitative Zusammenhänge zwischen Umweltbelastungen und biologischen Veränderungen herzustellen“, betont Prof. Dr. Britas Klemens Eriksson von der Universität Groningen.

