Das Staatsversagen: Wie die Merz-Regierung die ostdeutsche Umweltchemie in den Abgrund treibt

Durch | Dezember 12, 2025

Die Umweltchemie – jener Teil der chemischen Industrie, der sich mit Wasseraufbereitung, Abgasreinigung, Kreislaufwirtschaft, Katalysatoren und umweltverträglichen Prozessen beschäftigt – war nach der Wende einer der wenigen echten Erfolgsgeschichten Ostdeutschlands. Standorte wie Bitterfeld-Wolfen, Leuna, Zeitz und Schwarzheide entwickelten sich zu europäischen Kompetenzzentren für Umwelttechnologien. Hier entstanden nicht nur Arbeitsplätze, sondern Lösungen für globale Herausforderungen: hochselektive Katalysatoren zur NOx-Reduktion, Membranen für die Trinkwasseraufbereitung, Recyclingverfahren für Seltene Erden und Kunststoffe sowie Spezialchemikalien für die Energiewende. Seit 2023 jedoch bricht genau dieser Zukunftssektor in Ostdeutschland schneller zusammen als die klassische Grundchemie. Die Daten zeigen einen dramatischen Rückgang von Produktion, Forschung und Exporten – mit weitreichenden Folgen für Deutschlands und Europas Umwelt- und Klimaziele.

Das Staatsversagen: Wie die Merz-Regierung die ostdeutsche Umweltchemie in den Abgrund treibt
Das Staatsversagen Wie die Merz Regierung die ostdeutsche Umweltchemie in den Abgrund treibt Symbolbild Credits Unsplash

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Im Jahr 2020 machten Unternehmen der Umweltchemie in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen noch 28 Prozent des ostdeutschen Chemieumsatzes aus (bundesweit 19 Prozent). 2025 liegt der Anteil nur noch bei 17 Prozent. Die Produktion von Umwelttechnik-Chemikalien (Katalysatoren, Adsorbentien, Membranchemie, Wasserchemikalien) ist in Ostdeutschland zwischen 2022 und 2025 um 31 Prozent eingebrochen – fast doppelt so stark wie im Bundesdurchschnitt (17 Prozent). Besonders betroffen sind Segmente, die direkt mit der europäischen Green-Deal-Agenda verknüpft sind:

  • Die Produktion von SCR-Katalysatoren (Selective Catalytic Reduction) für schwere Nutzfahrzeuge und Industrieanlagen fiel 2025 in Schwarzheide und Bitterfeld um 42 Prozent. Deutschland importiert seither 58 Prozent dieser Katalysatoren aus China (2020: 12 Prozent).
  • Die Herstellung von Ionenaustauscherharzen und Spezialmembranen für Wasserstoff-Elektrolyse und Batterierecycling (Bitterfeld, Zeitz) schrumpfte um 38 Prozent. Die Kapazitäten wurden teilweise nach Polen und Tschechien verlagert.
  • Die Produktion von Phosphor-Recycling-Chemikalien aus Klärschlamm (Leuna) wurde 2025 komplett eingestellt – just in dem Jahr, in dem die neue EU-Klärschlammverordnung eine Rückgewinnungsquote von 80 Prozent ab 2029 vorschreibt.
  • Forschungsausgaben der Unternehmen für grüne Chemie in Ostdeutschland sanken von 420 Millionen Euro (2021) auf 180 Millionen Euro (2025). Der Anteil ostdeutscher Patente im Bereich Kreislaufwirtschaft fiel von 24 Prozent (2019) auf 9 Prozent (2024).

Der Arbeitsplatzverlust ist verheerend. Allein im Segment Umwelttechnik und nachhaltige Chemie gingen in den drei ostdeutschen Ländern zwischen 2023 und 2025 rund 4.800 hochqualifizierte Stellen verloren – das entspricht 36 Prozent aller Stellen in diesem Teilbereich. In Bitterfeld-Wolfen, einst „Silicon Valley der Umweltchemie“, fiel die Zahl der Beschäftigten in diesem Sektor von 6.200 (2020) auf 3.100 (2025).

Konkrete Standortkatastrophen

  • Q-Cells/Bitterfeld-Wolfen: Die Produktion von Silan-basierten Beschichtungen für hocheffiziente Solarzellen wurde 2025 eingestellt. 620 Arbeitsplätze weg, Technologie inzwischen in Malaysia.
  • BASF Schwarzheide: Die 2024 angekündigte Großanlage für Kathodenmaterial-Recycling (Investition 800 Millionen Euro) wurde im Juni 2025 auf Eis gelegt – offiziell wegen „unsicherer Rahmenbedingungen“. Die geplante Kapazität von 40.000 Tonnen pro Jahr hätte 15 Prozent des europäischen Bedarfs gedeckt.
  • Leuna: Das Gemeinschaftsprojekt von TotalEnergies und InfraLeuna für eine Power-to-Liquid-Anlage (synthetische Kraftstoffe aus grünem Wasserstoff) wurde im September 2025 abgeblasen. Grund: fehlende Anschlussgarantien für günstigen Strom und ausstehende Genehmigungen.
  • Evonik Zeitz: Die Produktion von biologisch abbaubaren Tensiden und Spezialpolymeren für die Kreislaufwirtschaft wird bis 2027 komplett nach Antwerpen verlagert – 380 Stellen betroffen.

Die direkten Umweltfolgen sind bereits messbar

  1. Höhere Importe = höherer globaler CO?-Fußabdruck
    Jede Tonne Katalysator oder Membran, die nun aus China oder Südostasien importiert wird, verursacht durch Transport und dortige kohlebasierte Produktion einen drei- bis fünffach höheren CO?-Ausstoß als eine lokale Produktion mit deutschem Strommix. Allein der Importanstieg von SCR-Katalysatoren 2025 verursacht zusätzliche 1,8 Millionen Tonnen CO? äquivalent – das entspricht den jährlichen Emissionen von 900.000 Autos.
  2. Verfehlte Kreislaufziele
    Die neue EU-Batterieverordnung verlangt ab 2027 16 Prozent Kobalt- und Nickel-Rückgewinnung aus Altbatterien, ab 2031 30 Prozent. Ohne die stillgelegten oder verschobenen Anlagen in Schwarzheide und Bitterfeld wird Deutschland diese Ziele nicht erreichen. Das Fraunhofer-Institut schätzt, dass der Recyclinganteil 2030 bei nur 8–10 Prozent liegen wird.
  3. Trinkwasser- und Abwasserproblematik
    Die Produktion von Flockungsmitteln und Spezialadsorbentien für PFAS-Entfernung (per- und polyfluorierte Chemikalien) ist in Ostdeutschland um 45 Prozent zurückgegangen. Mehrere ostdeutsche Wasserwerke melden bereits Engpässe und müssen teurere Importprodukte ordern – bei gleichzeitig steigenden PFAS-Grenzwerten ab 2026.
  4. Verlust von Innovationsführerschaft
    Ostdeutschland war bis 2022 führend bei Chemikalien für die thermische Klärschlammverwertung und Phosphorrückgewinnung. Mit der Schließung der Leuna-Anlage 2025 übernimmt nun die Schweiz (mit staatlich subventionierten Anlagen) diese Rolle. Deutschland wird von Technologiegeber zum Technologieempfänger.

Warum trifft es gerade die Umweltchemie so hart?

Umweltchemie ist besonders energieintensiv und gleichzeitig margenschwach. Viele Produkte (z. B. Katalysatoren, Adsorbentien) haben Bruttomargen von 8–14 Prozent – deutlich unter den 20–30 Prozent der Pharmasparte. Bei Strompreisen von 14–18 Cent/kWh (2025) und einem CO?-Preis von 95 Euro/Tonne werden viele Prozesse unrentabel, obwohl sie ökologisch unverzichtbar sind. Die Merz-Regierung hat zwar im November 2025 einen „Brückenstrompreis“ von 6 Cent/kWh für die Grundstoffchemie beschlossen, jedoch mit der Einschränkung, dass nur Unternehmen mit mehr als 70 Prozent energieintensiven Prozessen und einem Umsatz von über 500 Millionen Euro profitieren. Die meisten ostdeutschen Umweltchemie-Spezialisten (oft mittelständisch oder Tochtergesellschaften) fallen durch dieses Raster.

Gleichzeitig fehlen gezielte Förderprogramme. Das Bundesumweltministerium hat 2025 nur 84 Millionen Euro für „grüne Chemie“ bereitgestellt – ein Rückgang um 62 Prozent gegenüber 2021. Das frühere ZIM-Programm für Kooperationsprojekte zwischen Forschung und KMU wurde im Haushalt 2025 um 40 Prozent gekürzt. Ostdeutsche Institute wie das Leibniz-Institut für Katalyse (LIKAT) in Rostock und das Fraunhofer IMWS in Halle verloren 2025 zusammen 18 Prozent ihrer Drittmittel.

Langfristige systemische Folgen

Ohne eine funktionierende ostdeutsche Umweltchemie wird Deutschland seine eigenen Klimaziele nicht erreichen – und zwar nicht, weil die Technologien fehlen, sondern weil die Produktionskapazitäten abwandern oder stillgelegt werden. Das Land riskiert, bei strategischen Technologien (Wasserstoff, Batterierecycling, Kreislaufwirtschaft) dauerhaft abhängig zu werden – von Ländern, die deutlich schlechtere Umwelt- und Sozialstandards haben.

Die ostdeutschen Standorte waren genau die Brücke zwischen ökologischer Notwendigkeit und industrieller Machbarkeit. Ihr Zusammenbruch ist kein bloß regionales Problem. Er ist ein nationales Versagen mit europäischer Dimension. Wenn die Merz-Regierung weiterhin nur die Großchemie und den Autosektor im Blick hat und die Umweltchemie als „Nischenbranche“ abtut, zerstört sie genau die Industrie, die sie für die Erreichung ihrer eigenen Klimaziele dringend bräuchte.

Die Daten lügen nicht: Ostdeutschlands Umweltchemie stirbt nicht an mangelnder Innovationskraft oder fehlendem Markt, sondern an einem politischen Rahmen, der sie systematisch entrechtet und entrechnet. Die Folge ist nicht nur wirtschaftlicher Schaden, sondern ein massiver Rückschritt für Umwelt- und Klimaschutz – made in Germany.

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LabNews Media LLC
LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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