Die Umweltrevolution in Kasachstan: Ein Land im Wandel hin zu Nachhaltigkeit

Durch | Juni 29, 2025

Kasachstan, der neuntgrößte Staat der Welt und größte Binnenstaat, steht an einem Wendepunkt. Lange Zeit geprägt von den Umweltkatastrophen der Sowjetzeit, wie der Austrocknung des Aralsees und der radioaktiven Verseuchung durch Nukleartests, hat das Land in den letzten Jahren ambitionierte Schritte unternommen, um eine „Umweltrevolution“ einzuleiten. Diese Entwicklung wird durch politische Maßnahmen, internationale Kooperationen, technologische Innovationen und ein wachsendes Umweltbewusstsein in der Gesellschaft vorangetrieben. Dieser Bericht beleuchtet die Ursachen, Fortschritte und das enorme Potenzial Kasachstans im Umweltbereich.

Historischer Kontext: Ein Land mit schwerem Umweltdasein

Kasachstans Umweltprobleme haben tiefe Wurzeln in der Sowjetzeit. Die intensive industrielle Nutzung und die Misswirtschaft der Ressourcen hinterließen gravierende Schäden. Der Aralsee, einst einer der größten Binnenseen der Welt, schrumpfte aufgrund der massiven Bewässerungsprojekte für die Baumwollproduktion seit den 1960er Jahren auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Größe. Laut einer Studie der Weltbank ist der Aralsee heute zu 90 Prozent ausgetrocknet, was zu Wüstenbildung, salzhaltigen Stürmen und dem Verlust von Fischbeständen führte, die einst 40.000 Tonnen jährlich lieferten.

Die nuklearen Tests in Semipalatinsk (heute Semei) zwischen 1949 und 1989 hinterließen ebenfalls ein toxisches Erbe. Über 450 Tests verseuchten Böden und Gewässer mit radioaktiven Stoffen, was laut dem UN-Berichterstatter für Menschenrechte und gefährliche Substanzen, Baskut Tuncak, zu erhöhten Krebsraten und anderen Gesundheitsproblemen in der Region führte.

Auch die Verschmutzung des Syr-Darja, des längsten Flusses Zentralasiens, zeigt die Tragweite der Probleme. Eine Studie kasachischer Wissenschaftler fand hohe Konzentrationen von Schwermetallen wie Chrom, Quecksilber und Nickel, die das Wasser ungeeignet für Landwirtschaft und Trinkwasser machen. Die Reinigung würde mindestens ein Jahrzehnt dauern.

Diese historischen Belastungen bilden den Hintergrund für Kasachstans Bemühungen, eine nachhaltige Zukunft zu gestalten. Die Regierung hat erkannt, dass Umweltschutz nicht nur eine ökologische, sondern auch eine wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit ist, um die Lebensqualität der 20 Millionen Einwohner zu sichern und die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Politische Rahmenbedingungen: Ein ehrgeiziger Kurs

Seit der Unabhängigkeit 1991 hat Kasachstan schrittweise eine moderne Umweltpolitik entwickelt. Der Wendepunkt kam mit der Verabschiedung des neuen Umweltgesetzbuches 2021, das erstmals spezifische Maßnahmen gegen den Klimawandel und Umweltverschmutzung festschreibt. Dieses Gesetz verpflichtet Industrieunternehmen, umweltfreundliche Technologien einzusetzen, und führt Strafen für Umweltverstöße ein, die seit 2025 voll wirksam sind.

Ein zentrales Ziel ist die Klimaneutralität bis 2060, wie von Präsident Qasym-Jomart Toqaev 2020 angekündigt. Die im Februar 2023 verabschiedete Klimastrategie setzt Zwischenziele, darunter eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 15 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990. Laut dem Global Carbon Project lag Kasachstan 2021 auf Platz 24 der weltweiten CO?-Emittenten, was die Dringlichkeit der Maßnahmen unterstreicht.

Die Einführung eines CO?-Emissionshandelssystems 2013 war ein Pionierprojekt in Zentralasien, auch wenn es zunächst auf Widerstand von Industriegruppen stieß, die um ihre Wettbewerbsfähigkeit fürchteten. Eine peer-reviewte Studie des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS Regensburg) analysierte die Herausforderungen und betonte die Notwendigkeit wissenschaftlich fundierter Modelle, wie dem allgemeinen Gleichgewichtsmodell (CGE), um die Auswirkungen solcher Maßnahmen zu bewerten.

Darüber hinaus hat Kasachstan die Kriminalisierung von Umweltdelikten vorangetrieben. Seit 2020 plant das Ministerium für Ökologie, Geologie und natürliche Ressourcen härtere Strafen, einschließlich strafrechtlicher Haftung für schwere Umweltverstöße. Ein Gesetzesentwurf wurde 2020 dem Parlament vorgelegt, um spontane Kontrollen in Nationalparks und die Einrichtung von Deponien nach internationalen Standards zu ermöglichen.

Fortschritte im Umweltschutz: Greifbare Erfolge

Kasachstan hat in den letzten Jahren konkrete Fortschritte erzielt, die das Land als Vorreiter in Zentralasien positionieren. Diese Erfolge sind besonders im Bereich der Wiederherstellung von Ökosystemen, der Förderung erneuerbarer Energien und der Verbesserung der Luft- und Wasserqualität sichtbar.

Wiederherstellung des Aralsees

Die Rettung des Aralsees ist eines der ambitioniertesten Projekte. In Zusammenarbeit mit internationalen Partnern wie der französischen KATCO hat Kasachstan Maßnahmen zur Bekämpfung der Wüstenbildung ergriffen. Laut einem Post von The Caspian Post vom 25. Juni 2025 wurden über 13.888 Hektar Saxaul-Pflanzen gepflanzt und 120.000 Hektar mit salztoleranten Halophyten besät, um die Bodenstabilität zu fördern. Diese Maßnahmen verbessern nicht nur die Ökosysteme, sondern stärken auch lokale Gemeinschaften durch neue Arbeitsplätze.

Der nördliche Teil des Aralsees, der in Kasachstan liegt, hat durch den Bau des Kokaral-Damms bereits eine teilweise Erholung erlebt. Laut der Weltbank hat sich die Wasserfläche seit 2005 um 10–15 Prozent vergrößert, was die Fischbestände und die Biodiversität fördert. Dennoch bleibt die vollständige Wiederherstellung eine Herausforderung, die regionale Kooperation erfordert.

Erneuerbare Energien und Dekarbonisierung

Kasachstan ist auf dem Weg, ein Pionier der Energiewende in Zentralasien zu werden. Das Land verfügt über ein enormes Potenzial für Wind- und Solarenergie, unterstützt durch weite Landflächen und reichlich Sonneneinstrahlung. Laut einer Studie des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit (RIFS Potsdam) ist das Potenzial für grünen Wasserstoff einer der strategischen Vorteile Kasachstans.

Der Saran-Solarpark in der kohledominierten Region Karaganda (100 MW) ist ein Beispiel für den Wandel. Seit 2021 fördert der Studiengang „Strategic Management of Renewable Energy and Energy Efficiency“ an der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU) in Almaty Fachkräfte, die diesen Übergang unterstützen. Das Programm, unterstützt von der OSZE und USAID, zieht Studierende aus der gesamten Region an, mit einem Fokus auf die Förderung von Frauen im Energiesektor.

Die Regierung hat zudem Anreize für dezentrale Stromerzeugung geschaffen, etwa durch Änderungen im Gesetz über erneuerbare Energien, die Solardächer für Haushalte fördern. Laut Minister für Ökologie und natürliche Ressourcen, Yerlan Nyssanbayev, könnten saubere Technologien bis 2035 die Schadstoffemissionen um über 300.000 Tonnen reduzieren.

Dennoch bleibt der Energiesektor kohledominiert, mit etwa 70 Prozent der Stromerzeugung aus Kohle. Die Abhängigkeit von subventionierten Energiepreisen hemmt Investitionen in Energieeffizienz. Eine Studie des RIFS betont die Notwendigkeit, das Stromnetz zu modernisieren und die Integration erneuerbarer Energien zu verbessern, um Übertragungsverluste zu reduzieren.

Luft- und Wasserqualität

Die Luftverschmutzung ist ein drängendes Problem, insbesondere in Städten wie Qaraghandy, die 2022 mit einem Luftqualitätsindex (AQI) von 163 die am stärksten verschmutzte Stadt Kasachstans war. Laut dem Schweizer Programm „Air Visual“ liegt Kasachstan weltweit auf Platz 40 der Länder mit der schlechtesten Luftqualität, mit Feinstaubkonzentrationen, die fast fünfmal höher sind als die WHO-Richtwerte. Feinstaub (PM2,5) verursacht in Kasachstan jährlich etwa 10.000 vorzeitige Todesfälle.

Die Regierung reagiert mit Maßnahmen wie der Umstellung von Kohle- auf Gasheizungen in Privathaushalten, die laut dem Umweltministerium erheblich zur Luftverschmutzung beitragen. Industrieunternehmen sind seit 2021 verpflichtet, schadstoffarme Technologien einzusetzen, und müssen bei Verstößen Entschädigungen zahlen.

Die Wasserqualität wird durch Projekte wie die Einrichtung eines Forschungsinstituts für das Kaspische Meer verbessert, das 2025 gegründet wurde, um den kritischen Rückgang des Wasserspiegels zu bekämpfen. Dieses Institut, unterstützt von den fünf Anrainerstaaten, untersucht Lösungen zur Wiederherstellung des Ökosystems, das durch Übernutzung und Verschmutzung bedroht ist.

Gesellschaftliches Engagement

Die Initiative „Sauberes Kasachstan“, initiiert von Präsident Toqaev, hat laut Minister Nyssanbayev fast 200.000 Freiwillige mobilisiert, darunter 15.600 aktive Helfer, die die ökologische Lage des Landes verbessern. Projekte wie Müllsammelaktionen und die Renaturierung von Naturschutzgebieten fördern das Umweltbewusstsein, insbesondere bei der jungen Generation.

Die Einführung eines Schulfachs zur Umwelterziehung, wie von Toqaev 2020 angekündigt, zielt darauf ab, nachhaltiges Verhalten von Kindesbeinen an zu verankern. Die Deutsch-Kasachische Universität (DKU) spielt eine Schlüsselrolle, indem sie seit 2007 Umweltwochen organisiert und Studiengänge wie Energie- und Umwelttechnik anbietet, die in Kooperation mit deutschen Hochschulen entwickelt wurden.

Potenzial im Umweltbereich: Kasachstan als Vorreiter

Kasachstans Potenzial im Umweltbereich ist enorm und basiert auf seinen natürlichen Ressourcen, geopolitischen Vorteilen und der wachsenden Expertise im Bereich grüner Technologien.

Erneuerbare Energien und grüner Wasserstoff

Kasachstan gehört zu den acht Ländern mit dem größten Potenzial für grünen Wasserstoff, dank seiner Wind- und Solarressourcen und der Verfügbarkeit großer Landflächen. Das Astana International Finance Centre (AIFC) hat mit dem Green Finance Centre (GFC) Finanzinstrumente entwickelt, wie grüne Anleihen, um Investitionen in klimaneutrale Projekte zu fördern. Das GFC hat zudem eine Initiative für ein eurasisches Wasserstoffkonsortium gestartet, um regionale Kooperationen zu stärken.

Eine Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) schätzt, dass Kasachstan bis 2030 bis zu 10 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugen könnte, wenn die Netzinfrastruktur modernisiert wird. Dies würde die Abhängigkeit von Kohle reduzieren und die Energiesicherheit stärken, insbesondere angesichts der Importabhängigkeit von russischem Strom.

Rohstoffe für die grüne Wirtschaft

Kasachstan verfügt über mehr als 8.000 Lagerstätten mit über 100 verschiedenen Mineralien, darunter 16 der 34 von der EU als kritisch eingestuften Rohstoffe, wie Kobalt, Nickel und Seltene Erden. Laut dem kasachischen Botschafter Nurlan Onzhanov beläuft sich der Gesamtwert dieser Lagerstätten auf 46 Billionen US-Dollar.

Diese Rohstoffe sind essenziell für die Produktion von Batterien, Windturbinen und Solarpanels, was Kasachstan zu einem Schlüsselpartner für die globale Energiewende macht. Die Deutsch-Kasachische Rohstoffkooperation, initiiert 2012, zielt darauf ab, diese Ressourcen nachhaltig zu nutzen, obwohl die bilaterale Zusammenarbeit noch hinter den Möglichkeiten zurückbleibt.

Bildung und Fachkräfte

Kasachstan investiert in die Ausbildung von Fachkräften für die grüne Wirtschaft. Die DKU in Almaty bietet Studiengänge wie Energie- und Umwelttechnik an, die in Kooperation mit deutschen Hochschulen wie der HAW Hamburg entwickelt wurden. Diese Programme fördern praxisorientierte Ausbildung und internationale Standards.

Die junge Bevölkerung des Landes, mit einem Durchschnittsalter von etwa 30 Jahren, bietet ein großes Potenzial für Innovationen und die Umsetzung nachhaltiger Projekte. Partnerschaften mit internationalen Institutionen, wie der OSZE und USAID, unterstützen diesen Wandel durch Stipendien und Forschungsprojekte.

Geopolitische Rolle

Kasachstans strategische Lage zwischen Europa und Asien macht es zu einem Drehkreuz für nachhaltige Handelsrouten. Der „Mittlere Korridor“, eine Handelsroute von Asien über Kasachstan nach Europa, die Russland umgeht, wird als Alternative zur traditionellen Nordroute gefördert. Diese Route könnte den Export grüner Technologien und Rohstoffe erleichtern, während sie die Abhängigkeit von geopolitisch riskanten Wegen reduziert.

Herausforderungen und Ausblick

Trotz der Fortschritte stehen Kasachstan erhebliche Herausforderungen bevor. Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, insbesondere Öl und Kohle, bleibt ein Hindernis. Laut dem RIFS macht die subventionierte Energiepreispolitik Investitionen in Energieeffizienz unattraktiv.

Die Luftverschmutzung und Wasserknappheit erfordern weiterhin massive Investitionen. Laut Transparency International (Platz 93 im Korruptionsindex) behindert Korruption die Umsetzung von Umweltprojekten, während soziale Ungleichheit und die ungleiche Verteilung der Rohstoffeinnahmen Spannungen schüren könnten.

Regionale Kooperation ist ebenfalls entscheidend. Probleme wie die Verschmutzung des Syr-Darja und der Aralsee erfordern Zusammenarbeit mit Nachbarländern, die oft durch politische Spannungen erschwert wird.

Dennoch ist das Potenzial enorm. Kasachstan hat die Chance, nicht nur seine Umweltprobleme zu lösen, sondern auch ein Modell für nachhaltige Entwicklung in Zentralasien zu werden. Die Kombination aus politischem Willen, internationaler Unterstützung und natürlichen Ressourcen könnte das Land in den kommenden Jahrzehnten zu einem globalen Akteur in der grünen Wirtschaft machen.

Fazit

Die Umweltrevolution in Kasachstan ist ein komplexer, aber vielversprechender Prozess. Von der Wiederherstellung des Aralsees über den Ausbau erneuerbarer Energien bis hin zur Kriminalisierung von Umweltdelikten zeigt das Land Entschlossenheit, sein toxisches Erbe zu überwinden. Gestützt auf offizielle Statistiken, wie die des Global Carbon Project, und peer-reviewte Studien, wie die des IOS Regensburg, wird klar, dass Kasachstan über das Potenzial verfügt, ein Vorreiter in der Region zu werden. Die Herausforderungen, insbesondere im Bereich Korruption und fossiler Abhängigkeit, sind groß, aber die Fortschritte, wie die Initiative „Sauberes Kasachstan“ und das Green Finance Centre, geben Anlass zur Hoffnung. Mit weiterer internationaler Zusammenarbeit und Investitionen in Bildung und Technologie kann Kasachstan seine Umweltrevolution erfolgreich gestalten und eine nachhaltige Zukunft für seine Bürger und die Region sichern.

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