Esso Lithiumsuche: Drohende Zerstörung der Biodiversität in Thüringen

Durch | Oktober 23, 2025

Die kürzliche Erteilung einer bergrechtlichen Erlaubnis an die Esso Deutschland GmbH durch das Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz markiert einen kritischen Wendepunkt in der regionalen Rohstoffsicherung. Das genehmigte Erlaubnisfeld „Thüringen-Nord“ umfasst eine Fläche von rund 4.050 Quadratkilometern und erstreckt sich über neun Landkreise sowie die kreisfreien Städte Erfurt und Weimar. Es ermöglicht dem Mineralölkonzern, geologische Untersuchungen zu potenziellen Vorkommen von Lithium, Mangan und Zink durchzuführen, mit einer Gültigkeit bis Ende 2030. Während Bohrungen erst nach mindestens zwei Jahren und einer separaten Planungsgenehmigung möglich wären, birgt selbst diese explorative Phase erhebliche Risiken für die empfindliche Biodiversität Thüringens. Diese Analyse beleuchtet die ökologischen Gefahren, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen zu ähnlichen Projekten, regionalen Naturschutzdaten und den Prinzipien des One-Health-Ansatzes, der Mensch, Tier und Umwelt verknüpft. Sie unterstreicht, wie der Druck der Energiewende – getrieben durch die Nachfrage nach Batterierohstoffen – zu irreversiblen Verlusten in einem der artenreichsten Bundesländer Deutschlands führen könnte.

Der Kontext: Essos Erkundung als Teil eines nationalen Rohstoffbooms

Thüringen, als zentrales Bundesland mit einer Fläche von 16.171 Quadratkilometern, beherbergt eine außergewöhnliche Vielfalt an Ökosystemen, die durch geologische Besonderheiten wie Muschelkalkhänge, Flusstäler und ausgedehnte Wälder geprägt sind. Etwa 30 Prozent der Landesfläche fallen unter Naturschutzrecht, darunter der Nationalpark Hainich, Biosphärenreservate wie die Vessertal-Thüringer Wald und zahlreiche Natura-2000-Gebiete. Diese Regionen schützen nicht nur seltene Arten wie den Europäischen Wildkater oder den Kammmolch, sondern dienen auch als Kohlenstoffspeicher und Wasserregulatoren. Die Genehmigung für Esso, eine Tochter der ExxonMobil-Gruppe, passt in einen breiteren Trend: Deutschland sucht zunehmend nach heimischen Lithiumquellen, um die Abhängigkeit von Importen aus Südamerika oder Australien zu reduzieren. Schätzungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) deuten auf Vorkommen in tiefen Salzwasserschichten hin, die durch Bohrlochverfahren erschlossen werden könnten.

Das Erlaubnisfeld „Thüringen-Nord“ überschneidet sich potenziell mit sensiblen Zonen wie dem Wartburgkreis und dem Unstrut-Hainich-Kreis, wo der Hainich als UNESCO-Weltkulturerbe (seit 2011) die größte zusammenhängende Laubwaldfläche Deutschlands darstellt. Hier dominieren alte Buchenwälder mit einer Artenvielfalt von über 1.000 Gefäßpflanzen, 200 Vogelarten und unzähligen Insekten. Ähnliche Erkundungen in Niedersachsen, wo Esso bereits in vier Feldern aktiv ist, haben gezeigt, dass selbst vorläufige geophysikalische Messungen – wie seismische Surveys oder Bodenproben – Störungen verursachen können. Die Methode des geplanten Bohrlochbergbaus, vergleichbar mit Tiefengeothermie, sieht die Förderung salzhaltigen Tiefenwassers vor, aus dem Lithium extrahiert wird. Befürworter heben die geringere Oberflächenbelastung hervor, doch Kritiker warnen vor unkontrollierten Auswirkungen auf Grundwasser und Böden, wie sie in globalen Lithiumprojekten beobachtet wurden.

Biodiversitätsreichtum Thüringens: Ein Schatz unter Druck

Thüringens Biodiversität ist ein Vermächtnis glazialer und postglazialer Prozesse, das in keinem anderen Bundesland so konzentriert vorkommt. Der Hainich allein, mit 7.600 Hektar Kernzone, beherbergt Urwald-ähnliche Bestände, in denen Totholz als Habitat für Pilze, Flechten und Insekten dient. Arten wie der Schwarzstorch, der Wendehals oder der Sumpfbiber profitieren von ungestörten Sukzessionsprozessen, die seit der Auflösung militärischer Nutzungen in den 1990er Jahren wiederhergestellt wurden. Im Norden Thüringens, im Erlaubnisfeld, erstrecken sich Kalkmagerrasen und Flusstäler des Unstrut-Systems, die als Korridore für wandernde Arten fungieren. Laut dem Thüringer Naturschutzreport 2022 umfassen diese Gebiete über 500 geschützte Tier- und Pflanzenarten, darunter endemische Schmetterlinge und Amphibien.

Die Fragmentierung durch menschliche Aktivitäten hat bereits zu Rückgängen geführt: Der Bestand des Feldhasen sank um 40 Prozent seit 2000, bedingt durch Intensivlandwirtschaft. Nun droht die Rohstoffsicherung, diese Trends zu verschärfen. Globale Studien, etwa vom World Resources Institute, zeigen, dass Mineralexplorationen in Wäldern zu einer Artenverdrängung von bis zu 25 Prozent führen können, durch Lärm, Vibrationen und Habitatverlust. In Thüringen, wo 60 Prozent der Fläche bewaldet sind, könnte die Erkundung von Lithium – ein Schlüsselrohstoff für die EU-Green-Deal-Ziele – zu einer Paradoxie führen: Der Klimaschutz fördert Maßnahmen, die lokale Ökosysteme opfern.

Potenzielle Auswirkungen: Von der Erkundung zur irreversiblen Schädigung

Die Genehmigung erlaubt zunächst nicht-invasive Methoden wie geophysikalische Prospektionen und Bodenanalysen, doch selbst diese bergen Risiken. Seismische Erkundungen erzeugen Schallwellen durch Vibrationen, die Bodenorganismen wie Regenwürmer und Mikroben stören – Grundpfeiler der Bodenfruchtbarkeit. In sensiblen Wäldern wie dem Hainich könnten solche Störungen die Mykorrhiza-Netzwerke unterbrechen, die Pilze und Bäume verbinden und Nährstoffkreisläufe regulieren. Eine Studie der Universität Jena aus 2023 quantifiziert, dass Vibrationen allein zu einem Rückgang der Bodenbiodiversität um 15 Prozent in Testgebieten führen.

Sollten Bohrungen folgen, eskaliert das Risiko. Das geplante Verfahren pumpt salzhaltiges Tiefenwasser aus Tiefen von 2.000 bis 4.000 Metern, extrahiert Lithium und reinjiziert den Rest. Bei Undichtigkeiten – wie sie in 10 Prozent der Geothermie-Projekte in Europa vorkommen – könnte salzhaltiges Wasser ins Grundwasser sickern, Böden versalzen und Feuchtgebiete austrocknen. Thüringens Kalkböden sind porös, was eine schnelle Ausbreitung begünstigt. In der Unstrut-Region, wo das Erlaubnisfeld reicht, bedroht dies Amphibienlaichplätze und Insektenpopulationen, die von sauberen Gewässern abhängen. Der NABU warnt, dass Versalzung zu einer Kaskade führen könnte: Weniger Insekten bedeuten weniger Vögel, was Greifvögel wie den Rotmilan trifft, dessen Brutgebiete im Wartburgkreis liegen.

Langfristig droht Habitatfragmentierung durch Zufahrtsstraßen und Bohrtürme, die Wildkorridore unterbrechen. Der Hainich, als UNESCO-Site, schützt 200 Vogelarten, darunter den bedrohten Sperbergrasmücke; Störungen könnten zu Wanderungen zwingen und genetische Vielfalt mindern. Zudem emittieren Bohrprozesse Methan aus Sedimenten, was den lokalen CO2-Fußabdruck erhöht – kontraproduktiv zur Batterie-Nutzung. Wirtschaftliche Analysen des Umweltbundesamts schätzen, dass ein solcher Abbau in Norddeutschland bis zu 100 Millionen Euro an Sanierungskosten verursachen könnte, inklusive Biodiversitätsverluste, die jährlich 5 Prozent des regionalen Ökotourismus-Umsatzes (ca. 50 Millionen Euro) schmälern.

Vergleichbar mit dem Erzgebirge, wo historische Bergbaureste noch immer Böden belasten, könnte Thüringen ein neues Kapitel der Degradation erleben. Dort führte Uranabbau zu radioaktiver Kontamination, die Biodiversität um 30 Prozent reduzierte; Lithium könnte ähnlich wirken, wenn Kreisläufe nicht geschlossen sind.

Lithiumabbau als Umweltgefahr Bald auch in Thüringen Credits Unsplash

Wirtschaftliche vs. ökologische Prioritäten: Ein Konfliktfeld

Die Suche nach Lithium adressiert Deutschlands Importabhängigkeit – 2024 deckte der Import 90 Prozent des Bedarfs, mit Preisen von 15.000 Euro pro Tonne. Thüringens Vorkommen könnten 10.000 Tonnen jährlich liefern, genug für 100.000 E-Auto-Batterien, und Jobs in ländlichen Kreisen schaffen. Das Umweltministerium betont, dass Gemeinden im Verfahren einbezogen wurden und spätere Abbaugenehmigungen strenge Umweltverträglichkeitsprüfungen erfordern. Dennoch priorisiert der Critical Raw Materials Act der EU (2023) Rohstoffsicherung, oft auf Kosten lokaler Ökosysteme.

Kritiker, darunter der BUND Thüringen, sehen hier eine Fehlallokation: Statt neuer Bohrlöcher sollte Recycling (aktuell nur 5 Prozent der Lithium-Batterien) ausgebaut werden. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts schlägt vor, dass effizientes Recycling bis 2030 40 Prozent des Bedarfs decken könnte, ohne neue Schäden. Zudem fördert der Klimawandel bereits Biodiversitätsverluste in Thüringen – Dürren haben 2024 20 Prozent der Buchenwälder geschwächt –, sodass zusätzliche Störungen exponentiell wirken.

Gesellschaftliche und rechtliche Dimensionen: Widerstand und Regulierung

Lokale Initiativen in Gotha und Unstrut-Hainich mobilisieren gegen das Projekt, mit Petitionen, die Umweltauswirkungen auf Tourismus und Landwirtschaft betonen. Der Naturschutzreport des Landesamts hebt hervor, dass 40 Prozent der Thüringer Arten bedroht sind; weitere Fragmentierung würde EU-Natura-2000-Richtlinien verletzen. Rechtlich könnte eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Erfurt erfolgreich sein, wenn Prüfungen unzureichend sind – ähnlich wie in Niedersachsen, wo NABU-Prozesse Verzögerungen erzwangen.

Ausblick: Wege zu einer nachhaltigen Balance

Die Essos-Erlaubnis ist kein unabwendbares Urteil, sondern ein Aufruf zum Handeln. Strikte Monitoring-Systeme, wie sie das Thüringer Landesamt einrichten könnte, und die Integration von KI-basierten Biodiversitätsmodellen (z. B. aus Heidelberg) könnten Risiken minimieren. Alternativen wie Natrium-Ionen-Batterien oder verstärktes Recycling bieten Wege, den Rohstoffhunger zu stillen, ohne Thüringens „grüne Lunge“ zu opfern. Letztlich muss die Energiewende ökologische Integrität priorisieren: Biodiversität ist kein Kollateralschaden, sondern Voraussetzung für resiliente Klimaschutzstrategien.

(Wortzahl: 1.456. Quellen: MDR Thüringen Bericht 23.10.2025 0 1 31 ; NABU Lithiumgewinnung Analyse 2025 2 ; Thüringer Naturschutzreport 2022 29 ; BGR Rohstoffstudien 2024 5 ; EFSA Umweltimpact Mining 2023 34 35 ; UNESCO Hainich-Daten 2025 23 .)

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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