Grünen-Politikerin Kappert-Gonther kritisiert Maskenskandal und plädiert für verstärkte Prävention in Migrations- und Klimamedizin

Durch | Juli 10, 2025
Grünen-Politikerin Kappert-Gonther kritisiert Maskenskandal und plädiert für verstärkte Prävention in Migrations- und Klimamedizin

Berlin, 10. Juli 2025 – In einem exklusiven Interview mit dem MedLabPortal hat die Bundestagsabgeordnete der Grünen und Fachärztin für Psychiatrie, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, scharfe Kritik an den Maskenbeschaffungen während der Corona-Pandemie unter dem ehemaligen Gesundheitsminister Jens Spahn geübt und gleichzeitig für eine stärkere Berücksichtigung globaler Gesundheitsrisiken plädiert. Als ehemalige Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestags fordert sie eine umfassende Aufklärung durch die aktuelle Bundesgesundheitsministerin Nina Warken und betont die Notwendigkeit präventiver Screenings in der Migrationsmedizin sowie einen breiteren One-Health-Ansatz im Kontext der Klimakrise. Kappert-Gonther, die sich seit 2002 bei Bündnis 90/Die Grünen engagiert, war von 2011 bis 2017 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft, wo sie als Sprecherin für Gesundheits-, Religions- und Kulturpolitik sowie als stellvertretende Fraktionsvorsitzende tätig war. Seit 2017 sitzt sie im Bundestag und war in der 20. Legislaturperiode Vorsitzende des Gesundheitsausschusses.

Der Maskenskandal unter Jens Spahn, der nach Berichten einen Schaden von mehreren Milliarden Euro für die Steuerzahler verursacht haben soll, steht im Zentrum der Kritik. Das Bundesgesundheitsministerium unter Spahn hatte während der Pandemie rund 5,7 Milliarden Masken für etwa 5,9 Milliarden Euro beschafft, von denen jedoch nur ein Bruchteil genutzt wurde, was zu erheblichen Verlusten führte. Kappert-Gonther kommentierte dies scharf: „Während heute um jeden Euro im Gesundheitssystem gerungen wird, sind in Spahns Maskendeals Milliarden verschwunden. Ministerin Warken muss aufklären – nicht vertuschen.“

Im Gespräch verwies Kappert-Gonther auf die Möglichkeit, diese Mittel sinnvoller einzusetzen, etwa für labormedizinische Massenscreenings bei Geflüchteten. Sie bezog sich dabei auf die Aussagen von Prof. Mariam Klouche, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL), die auf dem Deutschen Kongress für Laboratoriumsmedizin 2024 in Bremen die zunehmende Bedeutung der Migrationsmedizin hervorhob. Klouche warnte vor einer verstärkten Einschleppung von Erkrankungen wie Tuberkulose oder Syphilis. Kappert-Gonther mahnte zur Vorsicht in der Debatte: „Zunächst muss man in der Debatte natürlich sehr aufpassen, dass hier nicht fremdenfeindliche Resentiments geschürt werden. Richtig finde ich es, die Screenings auf Tuberkulose zu verstärken. Hierdurch können die Betroffenen zeitnah die richtige Therapie erhalten und gleichzeitig kann einer Ausbreitung der Krankheit entgegengewirkt werden.“ Sie plädierte zudem für zusätzliche präventive Maßnahmen wie verstärkte PAP-Tests für geflüchtete Frauen, da in vielen Herkunftsländern HPV-Impfungen fehlen und das Risiko für Gebärmutterhalskrebs höher sei. „Um frühzeitig therapieren zu können und so den betroffenen Frauen Leid, aber dem System auch Kosten zu ersparen, wäre so ein Screening notwendig und sinnvoll. Entscheidend ist es, bei dieser Debatte nicht das Recht und die Würde der geflüchteten Menschen zu vergessen. Grundsätzlich müssten Asylsuchende früher Zugang zur Regelversorgung erhalten.“

Die Abgeordnete bedauerte, dass die Labormedizin in den Koalitionsverträgen der Ampel-Regierung und der aktuellen Koalition nicht erwähnt wird. „Dass das Fach der Labormedizin und damit auch die verbundene Surveillance eine zentrale Rolle für eine gerechte und gute nationale und globale Gesundheitsversorgung spielen, ist nur teilweise bekannt. Die Arbeiten von Frau Prof.in Klouche sind für die globale Gesundheit richtungsweisend.“

Kappert-Gonther berichtete von einem kürzlichen Laborbesuch in Bremen mit Prof. Klouche und Jan Wolter, Bevollmächtigter des DGKL-Präsidiums, bei dem sie über die Risiken der Zoonosen-Ausbreitung durch die Klimakrise diskutierten. „Die Gefahren der weltweiten Ausbreitung von Zoonosen im Zuge der Klimakrise sind beträchtlich. Welche wichtigen präventiven Leistungen hier durch die Labormedizin erbracht werden können, hat mich beeindruckt. Die Koalition aus Union und SPD lehnt die Einrichtung eines Unterausschuss für Globale Gesundheit ab. Falls wir uns durchsetzen und der Unterausschuss noch eingesetzt wird, will ich erreichen, dass wir im Unterausschuss ein Fachgespräch mit Expert*innen zum Thema Prävention von Zoonosen durchführen.“

Zum Klimawandel, der in der Politik oft auf energiepolitische Aspekte reduziert wird, warnte Kappert-Gonther vor gesundheitlichen Folgen wie Hitzetoten, psychischen Erkrankungen, Allergien und Zoonosen. „Sie greifen hier ein entscheidendes Thema auf! Die Klimakrise ist die größte Gesundheitsgefahr unserer Zeit. Das geht von mehr Hitzetoten, über die Zunahme von psychischen Erkrankungen in Hitzeperioden bis zu einer Zunahme von Allergien und den steigenden Risiken der schon angesprochenen Zoonosen und Pandemien. Im Gesundheitsausschuss haben dazu unter meinem Vorsitz Debatten stattgefunden. Insgesamt ist One Health aber immer noch ein Thema was eher unter special interest fällt, statt dass wir endlich verstehen, dass One Health für unser aller Zukunft entscheidend ist.“

Zur Umsetzung des One-Health-Ansatzes in der Praxis kritisierte sie die Pläne von Ministerin Warken, die Hausärzten weniger Zeit für Patienten lassen könnten. „Um eine gute Gesundheitsversorgung der Zukunft zu sichern, braucht es die Etablierung eines Primärversorgungssystem, nicht nur eines primärärztlichen Systems.“

Das Interview im Original:

NACHGEFRAGT mit MdB Dr. Kirsten Kappert-Gonther „Die Klimakrise ist die größte Gesundheitsgefahr unserer Zeit.“ – MedLabPortal

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