
Die norwegische Aquakultur, insbesondere die Lachszucht, gilt als Erfolgsgeschichte mit milliardenschwerem Umsatz und zahlreichen Arbeitsplätzen an der Küste. Als zweitgrößte Exportindustrie des Landes steht sie jedoch zunehmend in der Kritik, da sie Umwelt, Tierwohl und die Population des wilden Lachses gefährdet. Eine neue Studie der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU) beleuchtet die Herausforderungen und zeigt Schwächen im bestehenden Regulierungssystem auf.
Die Untersuchung basiert auf Interviews mit 23 Vertretern aus Industrie, Behörden, Umweltorganisationen, Fischerei und unabhängigen Experten. Ein zentraler Kritikpunkt ist das sogenannte Ampelsystem, das wichtigste Instrument der Behörden zur Regulierung der Lachszucht. Dieses teilt Norwegen in 13 Zonen ein, die alle zwei Jahre nach dem Einfluss von Lachsläusen auf wilde Lachse bewertet werden. Grüne Zonen erlauben Produktionswachstum, gelbe Zonen belassen die Produktion unverändert, und rote Zonen können eine Reduktion der Produktion um bis zu sechs Prozent erfordern. Kritiker bemängeln, dass das System ausschließlich Lachsläuse berücksichtigt und andere Faktoren wie Fischsterben, Ausbrüche, Nährstoffemissionen oder Krankheiten ignoriert. Zudem ermöglichen Ausnahmen für Betriebe mit niedrigen Lauswerten in roten Zonen Schlupflöcher.
Ein weiteres Problem ist die Bekämpfung von Lachsläusen, die sowohl gezüchtete als auch wilde Lachse bedrohen. Chemische Behandlungen sind durch Resistenzen oft wirkungslos, weshalb mechanische oder thermische Entlausungsmethoden wie Spülen, Bürsten oder heißes Wasser eingesetzt werden. Diese Methoden werden von Umweltorganisationen als tierschutzwidrig kritisiert, da sie den Fischen Stress und Verletzungen zufügen. Der Einsatz von Putzerfischen, die Läuse fressen, gilt als schonender, führt jedoch zu hohen Sterblichkeitsraten der Putzerfische selbst, was ebenfalls ethische Bedenken auslöst.
Die Studie zeigt, dass die Sterblichkeit in der Lachszucht alarmierend hoch ist. Im vergangenen Jahr starben 57,8 Millionen Zuchtlachse in der Meeresphase, was einer Sterblichkeitsrate von 15,4 Prozent entspricht, mit Spitzenwerten von über 24 Prozent. Viele Befragte sehen darin einen Verstoß gegen das Tierwohl und bemängeln, dass solche Verluste in anderen Tierhaltungsbranchen kaum akzeptiert würden. Dennoch erzielt die Industrie hohe Gewinne, was die Frustration bei Kritikern verstärkt.
Die Aufsicht und Kontrolle der Branche ist ein weiteres Problem. Die Regulierung basiert weitgehend auf Selbstauskünften der Unternehmen, ohne ausreichende Ressourcen für unabhängige Überprüfungen von Lausmengen, Fischbeständen oder Ausbrüchen. Dies führt zu einem System, das auf Vertrauen setzt, was laut den Forschern unzureichend ist, um eine milliardenschwere Industrie mit hohem ökologischen Fußabdruck zu steuern.

Die Befragten fordern Reformen, sind sich jedoch über die Lösungen uneinig. Umweltorganisationen, Angler und einige Behördenvertreter plädieren für strengere Vorschriften, während andere auf technologische Innovationen wie geschlossene Zuchtanlagen setzen, die Emissionen reduzieren könnten. Das Fehlen politischer Maßnahmen zur Förderung solcher Technologien wird kritisiert. Ein Weißbuch der Regierung erkannte die Schwächen der aktuellen Regulierung, führte jedoch nur zu vagen Plänen für weitere Untersuchungen, ohne konkrete Maßnahmen wie eine Steuer auf Fischverluste oder ein neues Quotensystem für Lauslarven umzusetzen.
Die Studie unterstreicht die Dringlichkeit, die Lachszucht nachhaltiger zu gestalten, da die Population des wilden Atlantiklachses auf der Roten Liste gefährdeter Arten steht. Ohne wirksame Kontrollen und innovative Ansätze drohen weiterhin Umweltschäden, hohe Fischverluste und Konflikte zwischen Wirtschaftsinteressen und Naturschutz.
Original Paper:
Plague or cholera? Stakeholder perspectives on Norwegian salmon farming regulations – ScienceDirect

