
Der Buckelwal „Timmy“ lebt noch. Er liegt seit mehreren Wochen regungslos in der flachen Kirchsee vor der Insel Poel in Mecklenburg-Vorpommern fest. Die Landesbehörden haben die aktiven Rettungsversuche eingestellt und bereiten eine Bergung nach dem erwarteten Tod des Tieres vor. Dennoch belegen dokumentierte Einsätze in anderen Ländern, dass gestrandete Großwale in vergleichbaren Situationen mit standardisierten, schonenden Methoden erfolgreich zurück ins offene Meer gebracht werden können.
Aktueller Zustand des Wals
Timmy ist ein etwa 15 Meter langer Buckelwal, der in sehr flachem Brackwasser (salzarm) festsitzt. Das eigene Körpergewicht von mehreren Tonnen belastet Lunge, Leber und Herz. Die Haut zeigt starke Schädigungen durch das Süßwasser, offene Wunden sind entstanden. Ein Fischernetz behindert den Kiefer und erschwert die Nahrungsaufnahme. Experten des Deutschen Meeresmuseums Stralsund und des Ministeriums für Klimaschutz, Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern beschreiben den Zustand als kritisch mit Anzeichen von Erschöpfung, Dehydrierung und Schmerzen. Eine Baggeraktion zur Schaffung einer Rinne wurde bereits durchgeführt, blieb jedoch ohne durchschlagenden Erfolg.
Bewährte internationale Rettungsmethoden
Mehrere Länder verfügen über erprobte Protokolle zur Reflotation (Wieder-in-Wasser-Bringen) und Entfernung von Fischereigerät. Diese Methoden sind durch die Internationale Walfangkommission (IWC) seit 2016 in Best-Practice-Leitlinien zusammengefasst und werden weltweit angewendet.
- USA (NOAA Fisheries): Das nationale Stranding-Netzwerk koordiniert Teams aus Wissenschaftlern, Küstenwache und Freiwilligen. Bei verhedderten oder gestrandeten Buckelwalen kommen spezielle Schlauchboote, lange Stangen mit Schneidwerkzeugen, Bojen und Harnesses zum Einsatz. Das Netz- oder Leinenmaterial wird schrittweise entfernt – oft über mehrere Tage. Beispiele: Vor New York wurde einem Buckelwal fast 1.800 Kilogramm Fischereigerät abgenommen; vor Südkalifornien gelang nach sechstägiger Operation die vollständige Befreiung. Die Tiere schwimmen anschließend selbstständig ins tiefere Wasser.
- Neuseeland (Project Jonah / Department of Conservation): Bei Massenstrandungen oder Einzelstrandungen in flachen Buchten (z. B. Farewell Spit) werden ausgebildete „Marine Mammal Medics“ eingesetzt. Die Wale werden mit Schläuchen gekühlt, aufrecht gehalten und bei Flut mit Pontons, Schläuchen oder Booten ins tiefere Wasser gezogen. Hunderte Pilot- und Buckelwale konnten so gerettet werden. Die Organisation dokumentiert, dass die Tiere nach Erreichen offenen Wassers oft laut vocalisieren – ein Zeichen erfolgreicher Reflotation.
- Australien (ORRCA): Schnelle Einsatzteams befreien verhedderte Humpback-Wale (Buckelwale) vor der Ostküste mit Booten und Schneidwerkzeugen. Die Methode kombiniert direkte Entfernung von Netzen mit anschließendem Abschleppen in tiefere Gewässer.
- Island (Bürger- und Behördenkooperation): Im Juni 2025 wurden in Ólafsfjörður über 60 gestrandete Pilotwale von Freiwilligen und Behörden mit Schieben, Tragen und Booten zurück ins Meer geleitet. Ähnliche Aktionen gelangen zuvor bei Garðskagi mit rund 50 Tieren. Die Helfer nutzten einfache, aber koordinierte physische Unterstützung bei Flut.
Die IWC stellt weltweit Workshops und Ausrüstungsempfehlungen bereit. In allen Fällen erfolgt zuerst eine veterinärmedizinische Bewertung des Gesundheitszustands, bevor eine Reflotation versucht wird.

Mögliche Anwendung auf Timmy
Nach den genannten Protokollen könnte ein spezialisiertes Team mit Harnesses, Pontons und Booten den Wal bei nächster Flut in tieferes Wasser ziehen, parallel das verbliebene Netzmaterial entfernen und ihn anschließend begleiten, bis er selbstständig navigiert. Eine kurzfristige Rehabilitation in einer geeigneten Einrichtung wäre bei gutem Allgemeinzustand ebenfalls möglich. Solche Einsätze erfordern jedoch eine klare Einsatzstruktur, trainierte Kräfte und abgestimmte Logistik – Elemente, die in Deutschland für Großwale bislang nicht flächendeckend etabliert sind.
Ob eine solche Rettung bei Timmy noch gelingen könnte, hängt von seinem aktuellen Gesundheitszustand ab. Die Behörden halten eine aktive Intervention derzeit für nicht erfolgversprechend. Eine Petition fordert die Einrichtung klarer nationaler Protokolle nach internationalem Vorbild.
(Quellen: Offizielle Mitteilungen des Umweltministeriums Mecklenburg-Vorpommern, NOAA Fisheries, Project Jonah, ORRCA, IWC Strandings-Initiative, dokumentierte Einsätze 2024–2025.)

