
Umweltorganisationen wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gelten als zentrale Akteure im Kampf für den Erhalt der Natur und den Schutz des Klimas. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich ein beunruhigender Trend abgezeichnet: eine wachsende finanzielle und strategische Verflechtung mit Konzernen, die oft selbst für Umweltzerstörung verantwortlich sind. Diese Abhängigkeit von Konzernfinanzierung gefährdet die Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit und Effektivität dieser Organisationen. Kritiker warnen vor einem schleichenden Prozess der Korporatisierung, der die ursprünglichen Ziele des Naturschutzes untergräbt und zu einem Interessenkonflikt führt, der die Umweltbewegung in Deutschland und darüber hinaus schwächt.
Finanzielle Abhängigkeit: Konzerne als Geldgeber
Die Finanzierung von Umweltorganisationen hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Während NABU und BUND früher vor allem durch Mitgliedsbeiträge und Spenden von Privatpersonen finanziert wurden, spielen Kooperationen mit Unternehmen eine immer größere Rolle. Beide Organisationen verzeichnen eine Mitgliederbasis von jeweils etwa 500.000 bis 800.000 Personen, doch die Kosten für aufwendige Kampagnen, Rechtsstreite und internationale Projekte übersteigen zunehmend die Einnahmen aus diesen Quellen. Konzerne wie Nestlé, Volkswagen, BASF oder Energieunternehmen wie RWE treten als Sponsoren, Partner oder Förderer auf, oft unter dem Deckmantel der „Corporate Social Responsibility“ (CSR). Diese Partnerschaften reichen von direkten finanziellen Zuwendungen über gemeinsame Projekte bis hin zu „nachhaltigen“ Zertifizierungen, die von Umweltorganisationen unterstützt werden.
Ein prominentes Beispiel ist die Zusammenarbeit des WWF, der zwar nicht direkt NABU oder BUND ist, aber ein wichtiger Akteur in der deutschen Umweltbewegung, mit Unternehmen wie Coca-Cola und IKEA. Der WWF hat mit Coca-Cola eine Partnerschaft zur Förderung von Wasserprojekten eingegangen, obwohl der Konzern für seinen hohen Wasserverbrauch und die Umweltverschmutzung durch Plastikmüll kritisiert wird. Ähnlich unterstützt der WWF den „Roundtable on Sustainable Palm Oil“ (RSPO), ein von Unternehmen wie Unilever und Nestlé gegründetes Gremium, das „nachhaltiges“ Palmöl zertifiziert. Studien, etwa von Greenpeace, zeigen jedoch, dass RSPO-zertifiziertes Palmöl oft aus Plantagen stammt, die weiterhin Regenwälder zerstören. NABU und BUND sind ebenfalls in Partnerschaften mit Unternehmen verwickelt, etwa durch Projekte mit Agrar- und Lebensmittelkonzernen wie REWE oder Aldi, die „nachhaltige“ Produktlinien bewerben. So unterstützt der BUND beispielsweise Aldis „Fair & Bio“-Initiative, obwohl die Discountkette für ihre prekären Arbeitsbedingungen und ihren Beitrag zur intensiven Landwirtschaft kritisiert wird.
Ein weiteres Beispiel ist die Kooperation von NABU mit dem Chemiekonzern BASF. Im Rahmen von Projekten zur Förderung der Biodiversität in der Landwirtschaft arbeitet NABU mit BASF zusammen, obwohl der Konzern einer der größten Produzenten von Pestiziden ist, die für den Rückgang von Insektenpopulationen verantwortlich gemacht werden. Laut einer Studie der Universität Sussex von 2019 haben Pestizide wie Neonicotinoide, die von BASF hergestellt werden, einen direkten Zusammenhang mit dem Insektensterben, das NABU selbst als „ökologische Katastrophe“ bezeichnet. Diese Partnerschaft wirft die Frage auf, wie glaubwürdig eine Organisation bleibt, wenn sie mit einem Unternehmen kooperiert, dessen Kerngeschäft den Zielen des Naturschutzes zuwiderläuft.
Folgen: Verlust von Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit
Die zunehmende finanzielle Abhängigkeit von Konzernen hat weitreichende Folgen für Umweltorganisationen. Erstens gefährdet sie ihre Unabhängigkeit. Wenn ein bedeutender Teil des Budgets von Unternehmen abhängt, besteht die Gefahr, dass diese Organisationen ihre Kritik an umweltschädlichen Praktiken der Geldgeber abmildern. Ein Beispiel ist die Zurückhaltung von NABU und BUND in der öffentlichen Kritik an großen deutschen Autokonzernen wie Volkswagen während des Dieselskandals. Während die Deutsche Umwelthilfe (DUH) mit Klagen gegen Diesel-Fahrverbote in Städten wie Stuttgart und Berlin für Schlagzeilen sorgte, blieben NABU und BUND auffallend leise. Dies könnte mit Partnerschaften oder Finanzierungen durch die Automobilindustrie zusammenhängen, die laut einem Bericht des SWR von 2019 eine „externe Verstärkung“ für Umweltorganisationen darstellen, um im politischen Wettstreit Einfluss zu nehmen.
Zweitens leidet die Glaubwürdigkeit der Organisationen. Mitglieder und die Öffentlichkeit erwarten von Umweltorganisationen eine kompromisslose Haltung gegenüber Umweltzerstörung. Wenn jedoch Kooperationen mit Konzernen wie RWE, die für ihre Braunkohleverstromung kritisiert werden, publik werden, entsteht der Eindruck von Greenwashing. Ein konkretes Beispiel ist die Unterstützung des BUND für „klimafreundliche“ Projekte von RWE, wie etwa Aufforstungsinitiativen, die als Kompensation für den Tagebau Hambach dargestellt werden. Solche Projekte lenken von der Tatsache ab, dass RWE weiterhin fossile Brennstoffe fördert und laut einer Studie von Urgewald von 2021 zu den größten CO?-Emittenten Europas gehört. Mitglieder des BUND haben auf Jahresversamml luaungen solche Partnerschaften kritisiert, da sie den Eindruck erwecken, dass die Organisation ihre Prinzipien für finanzielle Unterstützung opfert.
Drittens führt die Verflechtung mit Konzernen zu einer Verwässerung der Ziele. Anstatt systemische Veränderungen wie die Abschaffung umweltschädlicher Subventionen oder die Eindämmung der industriellen Landwirtschaft zu fordern, konzentrieren sich Organisationen zunehmend auf „marktkonforme“ Lösungen wie Zertifizierungen oder freiwillige Selbstverpflichtungen von Unternehmen. Der Ansatz des „Dialogs mit der Wirtschaft“, wie er etwa vom WWF praktiziert wird, hat dazu geführt, dass Organisationen sich stärker an den Interessen der Konzerne orientieren, anstatt strukturelle Reformen einzufordern. Dies zeigt sich etwa in der Unterstützung von „nachhaltigen“ Lieferketten, die oft nicht nachhaltig sind, wie im Fall des RSPO.
Kritische Perspektive: Ein Pakt mit dem Teufel?
Die Verflechtung mit Konzernen birgt die Gefahr, dass Umweltorganisationen zu Mitspielern eines Systems werden, das sie ursprünglich bekämpfen wollten. Die Abhängigkeit von Konzernfinanzierung führt zu einem Interessenkonflikt, der die Fähigkeit der Organisationen einschränkt, unabhängig und kompromisslos für den Umweltschutz einzutreten. Während NABU und BUND betonen, dass Kooperationen notwendig seien, um Veränderungen innerhalb der Wirtschaft zu bewirken, zeigt die Praxis, dass solche Partnerschaften oft nur kosmetische Verbesserungen bringen. Die von Konzernen finanzierten Projekte sind meist darauf ausgelegt, das Image der Unternehmen aufzupolieren, ohne deren Kerngeschäft zu verändern. So bleibt BASF ein führender Pestizidproduzent, während es sich als Partner des NABU für Biodiversität darstellt, und RWE fördert weiterhin Kohle, während es mit dem BUND Aufforstungsprojekte durchführt.
Ein weiteres Problem ist die Ungleichheit in der Machtverteilung. Konzerne verfügen über weitaus größere finanzielle Mittel und politischen Einfluss als Umweltorganisationen. Diese Ungleichheit führt dazu, dass die Organisationen in Verhandlungen oft die schwächere Partei sind und Kompromisse eingehen, die ihren Zielen schaden. Ein Bericht der Heinrich-Böll-Stiftung von 2023 kritisiert, dass die zunehmende Kommerzialisierung von NGOs die globale Umweltgovernance schwächt, da Organisationen wie NABU und BUND von westlichen Konzernen abhängig werden, die in Entwicklungsländern oft Umweltzerstörung betreiben.
Fazit: Ein Weckruf für die Umweltbewegung
Die wachsende Verflechtung von Umweltorganisationen wie NABU und BUND mit Konzernen ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ermöglichen finanzielle Mittel von Unternehmen größere Projekte und Reichweite, andererseits drohen die Organisationen, ihre Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die Beispiele von Partnerschaften mit BASF, RWE oder Aldi zeigen, dass solche Kooperationen oft Greenwashing fördern und die strukturellen Ursachen von Umweltzerstörung unangetastet lassen. Um ihre Rolle als Wächter der Natur zu bewahren, müssen NABU und BUND ihre Finanzierungsquellen diversifizieren, transparente Richtlinien für Kooperationen entwickeln und sich stärker auf die Mobilisierung der Zivilgesellschaft konzentrieren. Ohne eine klare Abgrenzung von Konzerninteressen riskieren sie, zu Erfüllungsgehilfen eines Systems zu werden, das sie eigentlich verändern sollten. Die Umweltbewegung steht an einem Scheideweg: Sie muss entscheiden, ob sie weiterhin Kompromisse eingeht oder den Mut findet, konsequent für eine nachhaltige Zukunft zu kämpfen.

