Wie Maike Frye Tierversuche in Deutschland beenden will

Durch | Oktober 22, 2025

Prof. Dr. Maike Frye, Leiterin der Arbeitsgruppe Vascular Biology am Institut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), wird heute Abend mit dem prestigeträchtigen Gábor-Szász-Preis der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL) ausgezeichnet. Der Preis, der innovative Beiträge an der Schnittstelle von Grundlagenforschung und diagnostischer Patientenversorgung honoriert, wird im Rahmen der MedLab Awards in Leipzig verliehen. Mit einer Dotierung von 15.000 Euro, gestiftet im Andenken an den Pionier der Klinischen Chemie Gábor Szász und gesponsert von Roche Diagnostics Deutschland, würdigt die DGKL Fryes bahnbrechende Arbeit zur Entwicklung tierfreier Testsysteme in der vaskulären Biomedizin. Ihre Forschungen verkörpern die 3R-Prinzipien (Replace, Reduce, Refine) und markieren einen Paradigmenwechsel in der Laboratoriumsmedizin, der ethische Standards mit klinischer Relevanz verbindet.

Der Gábor-Szász-Preis: Auszeichnung für Exzellenz in Klinischer Chemie

Der Gábor-Szász-Preis wird alle drei Jahre für herausragende Arbeiten in der Klinischen Chemie und Pathobiochemie vergeben und ist einer der höchsten Ehrungen der DGKL. Er ehrt nicht nur wissenschaftliche Innovationen, sondern auch deren Transfer in die Patientenversorgung. Die MedLab Awards 2025, die im Vorfeld des Deutschen Kongresses für Laboratoriumsmedizin (DKLM) unter dem Motto „Science for Precision Medicine“ stattfinden, feiern bis zu 200 Experten und Nachwuchswissenschaftler aus Forschung, Klinik und Industrie. Fryes Auszeichnung unterstreicht die wachsende Bedeutung tierfreier Methoden in einer Branche, die jährlich Millionen von Tierversuchen durchführt, um diagnostische und therapeutische Fortschritte zu erzielen.

Werdegang einer Visionärin: Von der Promotion zur 3R-Pionierin

Prof. Dr. Maike Frye, Deutschlands erste und einzige 3R-Professorin seit Januar 2024, verbindet ein beeindruckendes internationales Profil mit praxisnaher Forschung. Nach einem Studium der molekularen Biomedizin in Münster und Sydney promovierte sie 2013 am Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster. Postdoc-Stationen in Uppsala (Schweden) und Hamburg folgten, bevor sie 2018 die Leitung der Vascular Biology-Gruppe am UKE übernahm. Ihre Bibliografie umfasst Publikationen in Top-Journals wie Developmental Cell, Nature Communications und Journal of Clinical Investigation, die Hunderte von Zitationen generiert haben.

Seit 2023 innehabend die Professur für „Refinement, Reduction, Replacement (3R-Verfahren) in der Tiergesundheit und im Tierschutz“ am UKE, koordiniert Frye interdisziplinäre Netzwerke zur Minimierung von Tierversuchen. „Seit vielen Jahren fördert das UKE die Umsetzung des 3R-Prinzips nachhaltig“, betont UKE-Vizedirektor Prof. Dr. Thomas Renné in der Nominierung. „Wie kaum eine zweite Person in unserer Fachgesellschaft verknüpft Frau Frye wissenschaftliche und diagnostische Themen mit strategischem Weitblick für die Verbesserung der Krankenversorgung.“

Als Gründungsdirektorin des Hamburg Center for 3R Research (HC3R), das im Sommer 2025 eröffnet wurde, treibt Frye die Entwicklung von In-vitro-Modellen voran, die menschliche Gewebeprozesse präzise simulieren – ohne Tiere. Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank lobt: „Fortschritt in der Medizin und verstärkter Tierschutz müssen zusammen gedacht werden. Deshalb gilt es, alternative Forschungsmethoden zu fördern und weiterzuentwickeln.“

Kernforschungsgebiete: Von Lymphgefäßen bis bioresorbierbaren Stents

Fryes Arbeit konzentriert sich auf geweberegulierende Mechanismen in der Gefäßentwicklung und bei Erkrankungen mit pathologischer Gewebeversteifung, wie koronarer Herzkrankheit, Atherosklerose oder Lymphödemen. Ihre preisgekrönten Studien demonstrieren, wie tierfreie Systeme diagnostische und therapeutische Durchbrüche ermöglichen.

Schlüsselstudie 1: PDE2A und lymphatischer Kontaktinhibition
In einer bahnbrechenden Publikation in Developmental Cell (PMID: 38159569) identifiziert Fryes Team die cGMP-abhängige Phosphodiesterase 2A (PDE2A) als selektiven Regulator der Kontaktinhibition in lymphatischen Endothelzellen – im Gegensatz zu blutendothelialen Zellen. Durch konditionale Deletion des Pde2a-Gens in Mäusen zeigen die Forscher, dass PDE2A essenziell für Zell-Zell-Kontakte, Zellzyklusarrest und Klappenbildung im lymphatischen System ist. Der Mechanismus involviert einen Crosstalk zwischen cGMP-, p38- und NOTCH-Signalen: Ohne PDE2A steigen cGMP-Spiegel, p38 wird aktiviert und NOTCH herunterreguliert, was zu unreifen Junctions und abnormalen Ventilen führt. Diese Erkenntnisse eröffnen neue diagnostische Ansätze für angeborene Lymphgefäßerkrankungen und unterstreichen das Potenzial tierfreier Modelle für humane Translation.

Schlüsselstudie 2: Tierfreies Testsystem für Stent-Thrombogenität
Eine weitere Highlight-Arbeit (PMID: 39496698) etabliert ein bildbasiertes, durchströmungsfähiges In-vitro-Modell zur Quantifizierung der Thrombogenität bioresorbierbarer Koronarstents, wie dem Magmaris-Stent. Das System misst Plättchenadhäsion und zeigt, dass neuere Stent-Generationen – dank Polymer-Drug-Coatings – die Thrombogenität signifikant reduzieren, ohne Tierversuche. Im Vergleich zu dicken Strut-Stents (162 ?m) sind dünne Varianten (81 ?m) 1,5-fach weniger thrombogen, was durch ex-vivo-Flow-Loops und humane Zellen validiert wurde. Dieses Modell minimiert nicht nur ethische Bedenken, sondern beschleunigt die Zulassung neuer Implantate und verbessert die Patientensicherheit in der Interventionellen Kardiologie. Studie PMID Kernbefund 3R-Beitrag PDE2A & Lymphatik 38159569 PDE2A reguliert Kontaktinhibition via cGMP-p38-NOTCH-Crosstalk Tierfreie humane Endothelzellen-Modelle für Gefäßentwicklung Stent-Thrombogenität 39496698 Reduzierte Adhäsion durch dünne Struts & Coatings Bildbasiertes In-vitro-System ersetzt Tiermodelle

Prof Maike Frye Foto Privat

Engagement für Nachwuchs und Ethik: Brückenbauerin in der Biomedizin

Neben ihrer Forschung engagiert sich Frye stark in der Lehre und Nachwuchsförderung. Sie unterrichtet Labormedizin und hat ihre Mitarbeiterin Dr. Claudia Carlantoni bei der Einwerbung eines Forschungsprojekts unterstützt – ein Beispiel für ihre Mentorenrolle. „Dieser alternative Forschungsansatz bietet eine vielversprechende Möglichkeit, um für viele weitere Zelltypen im menschlichen Körper adaptiert werden zu können“, erklärt Frye im MedLabPortal. Ihr Ziel: Interdisziplinäre 3R-Ansätze, die Tierschutz mit Transparenz verbinden und Forschungsfelder am UKE zusammenführen.

Experten sehen in Fryes Arbeit einen Meilenstein für ethische, patientenzentrierte Diagnostik. „Die Ernennung ist eine Chance für weniger Tierversuche in Hamburg“, betont Grünen-Politikerin Dr. Sarah-Philipp Otte. Die DGKL und das UKE positionieren Hamburg als Vorreiter in der tierfreien Biomedizin, wo jährlich Tausende von Tieren durch In-vitro- und Computermodelle erspart werden könnten.

Ausblick: Von der Forschung zur klinischen Routine

Die Auszeichnung ebnet Frye den Weg für weitere Projekte, darunter Erweiterungen des HC3R und Kooperationen mit Industriepartnern wie Roche. Langfristig könnte ihre Plattform die EU-weite Reduktion von Tierversuchen um 30–50 % vorantreiben, wie es die 3R-Richtlinie der EU fordert. Die vollständigen Studien sind über PubMed zugänglich; weitere Details zu den MedLab Awards finden sich auf der DGKL-Website.

Quelle: DGKL via MedLabPortal; UKE-Pressemitteilungen

Dieser Bericht basiert auf der offiziellen DGKL-Ankündigung, Publikationen und Pressematerialien. Weitere Infos: www.dgkl.de / www.uke.de.

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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