
Berlin, 3. Juli 2025 – Die Rückkehr des Wolfs nach Deutschland gilt als Erfolgsgeschichte des Naturschutzes, doch die zunehmende Jagd auf das streng geschützte Raubtier sorgt für Kontroversen. Politische Initiativen zur Lockerung des Schutzstatus und Änderungen im Jagdrecht bedrohen nicht nur die Wolfspopulation, sondern auch die wirtschaftlichen Grundlagen von Jagdpächtern und Landesforsten. Dieser Bericht beleuchtet die Hintergründe der verstärkten Wolfsjagd, ihre finanziellen und ökologischen Folgen – und warum rein finanzielle Überlegungen der Landwirtschsftslobby die Gesetzesänderungen vorantreiben.
Die Rückkehr des Wolfs: Ein Naturschutzerfolg unter Druck
Der Wolf, seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland als ausgerottet geltend, ist seit 2000 zurück, mit einer erfolgreichen Reproduktion in der Lausitz. Laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) lebten im November 2024 etwa 1.783 Wölfe in 209 Rudeln, 46 Paaren und 19 Einzelterritorien, vor allem in Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. „Der Wolf gehört zur heimischen Fauna. Deutschland ist zu seinem Schutz international verpflichtet“, betont der Deutsche Jagdverband (DJV). Dennoch wird der Wolf zunehmend zum Ziel politischer und jagdlicher Maßnahmen, getrieben von der steigenden Zahl an Nutztierrissen und gesellschaftlichem Druck.
Die Europäische Kommission hat 2023 vorgeschlagen, den Schutzstatus des Wolfs von „streng geschützt“ auf „geschützt“ herabzustufen, um die Jagd zu erleichtern, sofern der Bestand nicht gefährdet wird. „Die Dichte der Wolfsrudel in einigen europäischen Regionen sei inzwischen zu einer echten Gefahr geworden, insbesondere für die Nutztierhaltung“, erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. In Deutschland hat der Europarat-Beschluss vom Dezember 2024, den Schutzstatus zu senken, Zustimmung in der Politik gefunden. „Man komme dadurch einem regional differenzierten Wolfsmanagement einen großen Schritt näher“, sagte Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer. Doch Naturschützer kritisieren: „Alle wissenschaftlichen Studien belegen, dass die Zahl der Nutztierrisse von der Qualität des Herdenschutzes abhängt und nicht von der Zahl der Wölfe“, betont BUND-Vorsitzender Olaf Band.
Zunehmende Jagd: Politische und rechtliche Entwicklungen
Die Forderung nach einer Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht, wie in Hessen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen diskutiert, zielt darauf ab, Abschüsse zu erleichtern. „Wir brauchen die Trendwende Wolf“, erklärte der hessische CDU-Abgeordnete Dominik Leyh bei der Vorstellung eines Gesetzentwurfs 2024. In Niedersachsen betonte Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast: „Mit den Regelungen im Jagdrecht werden die Zuständigkeiten der Jäger beim Wolfsmonitoring und im Umgang mit Wölfen klar herausgearbeitet.“ Doch die Jagd bleibt rechtlich komplex, da die FFH-Richtlinie der EU und das Bundesnaturschutzgesetz strenge Schutzvorgaben setzen. Selbst in Sachsen, wo der Wolf dem Jagdrecht unterliegt, gilt eine ganzjährige Schonzeit.
Die von Bundesumweltministerin Steffi Lemke 2023 angekündigten „rechtssicheren Schnellabschüsse“ für übergriffige Wölfe sind gescheitert. „Bisher haben Gerichte alle Anträge abgelehnt“, kritisiert der DJV. Dennoch fordern Landwirte und Jäger ein aktives Bestandsmanagement. Ein X-Post des Jagdverbandschefs Dirk-Henner Wellershoff (@bzberlin, 2. Juli 2025) zeigt die Radikalität: Er fordert, die meisten der 600–700 Wölfe in Brandenburg abzuschießen und den Artenschutz aufzuheben. Solche Forderungen ignorieren jedoch wissenschaftliche Erkenntnisse. „Die generelle Jagd auf den Wolf ist ein Irrweg“, sagt BUND-Wolf-Experte Thomas Norgall, der auf eine slowakische Studie verweist, die zeigte, dass Wolfsjagd die Nutztierrisse nicht reduziert.
Bedrohung für Jagdpächter: Ökologische und wirtschaftliche Folgen
Die zunehmende Jagd auf Wölfe bedroht das Geschäftsmodell von Jagdpächtern, die gemäß dem Bundesjagdgesetz (§ 1 BJagdG) für die Hege und Regulierung von Wildbeständen verantwortlich sind. Wölfe spielen eine Schlüsselrolle im Ökosystem, indem sie Schalenwild wie Rehe und Hirsche jagen, die Waldschäden durch Verbiss verursachen. „Wölfe ernähren sich zu 97 Prozent von wildlebenden Huftieren“, betont das Bundesamt für Naturschutz (BfN). Ohne Wölfe könnten Jagdpächter höhere Abschussquoten für Schalenwild erfüllen müssen, was ihre Arbeitsbelastung und Kosten erhöht. „Es gibt den Ruf: ‘Wir müssen nur mehr Hirsche schießen, dann wächst der Wald.’ Aber das ist ein Irrglaube“, kritisiert Torsten Reinwald vom DJV.
Finanziell sind Jagdpächter zudem durch Wildschadensersatz belastet, der bei Schäden durch Schalenwild, Wildkaninchen oder Fasanen anfällt. „Eine gesetzliche Wildschadensersatzpflicht besteht für Jagdpächter nicht für vom Wolf gerissene Nutztiere“, erklärt Otte-Kinast. Doch eine wachsende Wolfsjagd könnte die Schalenwildpopulation destabilisieren, was indirekt die Schadensersatzforderungen erhöht. Zudem riskieren Jagdpächter, die Wölfe illegal töten, hohe Bußgelder (bis zu 50.000 Euro) oder Haftstrafen (bis zu 5 Jahre), wie der Tierschutz-Bußgeldkatalog 2025 festlegt.
Bedrohung für Landesforsten: Waldschutz im Fokus
Landesforsten, die den klimagerechten Waldumbau vorantreiben, profitieren von der natürlichen Regulation durch Wölfe. „Die Waldverjüngung wird zunehmend durch Wildverbiss bedroht“, sagte Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsministerin Susanna Karawanskij. Wölfe reduzieren die Dichte von Rehen und Hirschen, die junge Bäume schädigen, und entlasten damit Forstbetriebe. „Wald vor Wild“, betont Wolfhardt Paul vom Landesforstbetrieb Sachsen-Anhalt, doch eine intensivere Wolfsjagd könnte dieses Gleichgewicht stören. Ohne Wölfe müssten Landesforsten mehr in künstliche Schutzmaßnahmen wie Zäune investieren, was die Kosten erhöht. „Mehr als 20 Milliarden Euro Schaden haben die Begleiterscheinungen des Klimawandels seit 2018 in den deutschen Wäldern angerichtet“, schätzt der Dachverband der Waldeigentümer.
Eine verstärkte Jagd könnte zudem die Biodiversität gefährden. „Der Wolf ist ein wichtiger Teil des deutschen Ökosystems“, betont der WWF. Seine Rolle als Topprädator fördert artenreiche Lebensräume, indem er Beutetierpopulationen reguliert. Gesetzesänderungen, die die Jagd fördern, könnten langfristig die ökologischen Ziele der Landesforsten untergraben.
Finanzielle Aspekte als Treiber der Jagdgesetzänderungen
Die Änderungen im Jagdrecht, wie in Hessen oder Rheinland-Pfalz, sind maßgeblich durch finanzielle Interessen der Landwirtschaft getrieben. Nutztierrisse, insbesondere an Schafen (88,4 % der Übergriffe), verursachen laut DBBW im Jahr 2020 über 3.900 getötete oder verletzte Tiere. „Kein Geld der Welt kann die emotionale Bindung eines Tierhalters ausgleichen“, klagt DJV-Vertreter Helmut Dammann-Tamke. Entschädigungen für gerissene Nutztiere und Herdenschutzmaßnahmen kosteten die Länder 2019 über 14 Millionen Euro, mit steigender Tendenz. Diese Kosten motivieren Forderungen nach Abschüssen, um die finanzielle Belastung zu reduzieren.
Doch Naturschützer argumentieren, dass Herdenschutz effektiver ist. „Da bis zu drei Viertel aller Nutztierrisse an ungeschützten Weidetieren erfolgen, muss es dringend Verbesserungen im Herdenschutz geben“, fordert Norgall. Der BUND schlägt einen „Bundesstandard Herdenschutz“ vor, mit einheitlichen Zäunen und Schutzhunden, die Wölfe abschrecken. „Nach einer Begegnung mit einem Herdenschutzzaun halten sich Wölfe ihr Leben lang von Nutztieren fern“, erklärt Norgall. Finanzielle Mittel sollten in Prävention statt in Jagd investiert werden, um langfristig Kosten zu senken.
Pro-Wolf-Perspektive: Ökologische und gesellschaftliche Bedeutung
Die zunehmende Jagd auf Wölfe ist nicht nur ökologisch problematisch, sondern auch gesellschaftlich fragwürdig. „Der Wolf als bedrohte Art hat absoluten Vorrang vor Schlachtvieh“, betont Hendrik Spiess vom Verein Freundeskreis freilebender Wölfe. Seit der Rückkehr des Wolfs gab es in Deutschland keinen dokumentierten Angriff auf Menschen. „Wölfe in der Kulturlandschaft sind nicht gefährlicher als ihre Artgenossen in menschenleeren Gebieten“, erklärt das Bundesumweltministerium. Dennoch wird die Debatte emotional geführt, oft von falschen Bedrohungsszenarien geprägt.
Die Jagdgesetzänderungen, getrieben von kurzfristigen finanziellen Interessen, ignorieren die langfristigen Vorteile des Wolfs. „Eine Regulierung durch Jagd vermeidet keine Schäden bei Nutztieren“, betont das BMUV. Stattdessen destabilisiert sie Rudelstrukturen, was junge Wölfe eher zu Nutztierrissen verleitet. Ein nachhaltiges Wolfsmanagement sollte auf Herdenschutz, Aufklärung und Akzeptanzförderung setzen.
Ausblick: Ein Plädoyer für Koexistenz
Die zunehmende Jagd auf Wölfe gefährdet nicht nur die Art, sondern auch die wirtschaftlichen Grundlagen von Jagdpächtern und Landesforsten, die von der natürlichen Regulation profitieren. „Der Wolf ist ein natürlicher Bestandteil der heimischen Fauna“, betont das BfN. Anstatt finanzielle Mittel in Abschüsse zu investieren, sollten Bund und Länder den Herdenschutz stärken und die Gesellschaft für ein konfliktarmes Miteinander sensibilisieren. Die Zukunft des Wolfs in Deutschland hängt davon ab, ob ökologische Vernunft über kurzfristige wirtschaftliche Interessen siegt.


