
Die zunehmende Nutzung von Windenergie als nachhaltige Energiequelle hat weltweit an Bedeutung gewonnen. Doch parallel dazu wächst die Besorgnis über mögliche Gesundheitsrisiken durch Windkraftanlagen (WKA), insbesondere durch Infraschall – Schallwellen mit Frequenzen unterhalb der menschlichen Hörschwelle von 20 Hertz. Dieser Bericht beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse aus peer-reviewed Studien zu den potenziellen Gesundheitsgefahren von Infraschall durch Windräder, analysiert die wissenschaftliche Evidenz und diskutiert die Herausforderungen in der Forschung.
Infraschall: Unsichtbare Schwingungen mit umstrittenen Effekten
Infraschall entsteht durch die Bewegung der Rotorblätter von Windkraftanlagen, die Druckschwankungen in der Luft erzeugen. Diese Schallwellen sind für das menschliche Ohr unhörbar, können aber über Mechanorezeptoren im Körper wahrgenommen werden, etwa als Druckgefühl oder Vibrationen. Anwohner von Windparks berichten über Symptome wie Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Tinnitus, Übelkeit und Erschöpfung, die sie mit Infraschall in Verbindung bringen – ein Phänomen, das als „Wind Turbine Syndrome“ (WTS) bezeichnet wird. Doch die wissenschaftliche Evidenz für einen direkten Zusammenhang zwischen Infraschall und diesen Beschwerden ist uneinheitlich.
Eine umfassende Übersicht im „Deutschen Ärzteblatt“ (2019) betont, dass Infraschall nicht nur von Windkraftanlagen, sondern auch von natürlichen Quellen wie Meeresrauschen oder Verkehr erzeugt wird. Dennoch steht der Infraschall von WKA im Fokus, da er in der Nähe von Windparks messbar ist und Anwohner ihm kontinuierlich ausgesetzt sind. Die Autoren verweisen auf Studien, die messbare Effekte von Infraschall auf Organe wie das Innenohr oder das Herz nachweisen, fordern jedoch weitere Forschung, um die gesundheitlichen Auswirkungen präzise zu bewerten. „Infraschall erreicht das Innenohr, raubt kardialen Myozyten ihre Kraft und schlägt sich im Gehirnscan nieder“, heißt es im Bericht, wobei die genauen Mechanismen noch unklar bleiben.
Wissenschaftliche Studien: Gemischte Ergebnisse
Eine der zentralen Herausforderungen in der Infraschallforschung ist die Unterscheidung zwischen direkten physiologischen Effekten und psychologischen Faktoren wie Nocebo-Effekten. Eine Studie von Keith J. Petrie (Universität Auckland, 2013) untersuchte den Einfluss negativer Erwartungshaltungen auf Beschwerden in der Nähe von Windkraftanlagen. Die Forscher fanden, dass nach der Veröffentlichung des Buches „Wind Turbine Syndrome“ (2009) die Anzahl der Beschwerden in Australien signifikant stieg – 90 % der Klagen wurden nach 2009 registriert. Experimente mit Placebo-Infraschall bestätigten, dass negative Erwartungen Symptome wie Kopfschmerzen oder Schwindel verstärken können. „Die Psyche triggert eher Symptome als der Infraschall selbst“, schlussfolgerte Petrie.
Dennoch gibt es Hinweise auf physiologische Effekte. Eine Studie von Alec Salt (Washington University, 2014) zeigt, dass Infraschall die äußeren Haarzellen der Cochlea im Innenohr anregen kann, was indirekt die Hörwahrnehmung beeinflussen könnte. Besonders Menschen mit Erkrankungen wie Morbus Menière oder anderen Anomalien des Gleichgewichtsorgans könnten empfindlicher auf Infraschall reagieren. Robert V. Harrison (Universität Toronto) vergleicht die Symptome des WTS mit Seekrankheit, die nur bei einem kleinen Teil der Bevölkerung (5–10 %) auftritt, was erklären könnte, warum nicht alle Anwohner betroffen sind.
Eine weitere peer-reviewed Studie von Ursula Maria Bellut-Staeck (Journal of Biosciences and Medicines, 2023) untersuchte die Auswirkungen chronischer Infraschallbelastung auf zellulärer Ebene. Sie fand, dass Infraschall und Vibrationen bei bestimmten Frequenzen und Impulsivität die Mikrozirkulation stören können, was zu funktionellen Störungen wie Blutdruckschwankungen oder oxidativem Stress führt. „Unter chronischer Belastung tendieren funktionelle Störungen zu organisch fixierten Läsionen“, so Bellut-Staeck. Diese Ergebnisse deuten auf langfristige Gesundheitsrisiken hin, insbesondere bei kontinuierlicher Exposition.
Am Herzen zeigen Studien ebenfalls messbare Effekte. Christian Vahl (Universitätsmedizin Mainz) fand in Experimenten mit isolierten Herzmuskelzellen, dass Infraschall die Kontraktionskraft um bis zu 20 % reduzieren kann. „Unsere Experimente zeigten, dass Infraschall eine Wirkung auf Myokardgewebe hat. Nicht mehr und nicht weniger“, betonte Vahl. Tierversuche ergaben zudem Hinweise auf erhöhten oxidativen Stress und Veränderungen der Kalziumströme in Kardiomyozyten, was langfristig zu Herzschäden führen könnte.
Kontroverse Ergebnisse und methodische Herausforderungen
Widersprüchliche Ergebnisse prägen die Debatte. Eine Studie des Woolcock Institute of Medical Research (2023) untersuchte die Auswirkungen von Infraschall auf den Schlaf. 37 lärmempfindliche Probanden wurden einem Infraschallpegel von 90 dB ausgesetzt, was über dem typischen Pegel von Windparks liegt. Die Ergebnisse zeigten keine signifikanten Auswirkungen auf Schlaf, Herzgesundheit oder psychisches Wohlbefinden. „Wir konnten eindeutig zeigen, dass der Infraschall von Windturbinen nicht schwindlig oder übel macht und keinen Einfluss auf den Schlaf hat“, sagte Nathaniel Marshall, leitender Forscher. Kritiker bemängeln jedoch die geringe Stichprobengröße und die Kurzzeitexposition, die langfristige Effekte nicht abbilden kann.
Eine dänische Vollerhebung, zitiert von Hanns Moshammer (MedUni Wien, 2023), fand keinen Zusammenhang zwischen Infraschall und Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Stoffwechselerkrankungen. Erhöhte Schlafstörungen korrelierten jedoch mit einer kritischen Haltung gegenüber Windrädern, was auf Nocebo-Effekte hinweist. „Falsche Aussagen zu Herzinfarktrisiken entstehen in uninformierten Internetdiskussionen“, betonte Moshammer.

Forschungslücken und politische Relevanz
Die Forschung steht vor mehreren Herausforderungen. Erstens sind Langzeitstudien selten, da Infraschalleffekte oft erst nach Jahren spürbar werden. Frank Kameier (Hochschule Düsseldorf) betont: „Die Wirkungen von Infraschall benötigen eine Art Generationszeit, die sich in Kurzzeitstudien nicht nachbilden lässt.“ Zweitens ist die individuelle Empfindlichkeit ein entscheidender Faktor, der in vielen Studien unberücksichtigt bleibt. Drittens fehlen einheitliche Messstandards für Infraschall-Exposition.
Das Umweltbundesamt (2014) forderte in einer Machbarkeitsstudie die Entwicklung standardisierter Untersuchungsdesigns, um die Wirkungen von Infraschall besser zu verstehen. Auch der 118. Deutsche Ärztetag (2015) rief zu einer Intensivierung der Forschung auf, um mögliche Gesundheitsrisiken zu klären.
Fazit: Mehr Forschung nötig
Die wissenschaftliche Debatte über die Gesundheitsgefahren von Infraschall durch Windkraftanlagen ist komplex und von widersprüchlichen Befunden geprägt. Während einige Studien physiologische Effekte auf Innenohr, Herz und Gehirn nachweisen, deuten andere auf Nocebo-Effekte als Hauptursache für Beschwerden hin. Die individuelle Empfindlichkeit und die Dauer der Exposition scheinen entscheidende Faktoren zu sein. Angesichts der Dringlichkeit der Energiewende ist eine differenzierte Betrachtung unerlässlich, um sowohl den Nutzen der Windenergie als auch die Gesundheit der Anwohner zu schützen. Weitere Langzeitstudien und standardisierte Messmethoden sind dringend erforderlich, um Klarheit zu schaffen.
Quellen:
- Lenzen-Schulte, M. & Schenk, M. (2019). Windenergieanlagen und Infraschall: Der Schall, den man nicht hört. Deutsches Ärzteblatt, 6/2019.
- Bellut-Staeck, U. M. (2023). Infraschall-Einwirkung auf Mensch und Tier. Journal of Biosciences and Medicines, 11(6). DOI: 10.4236/jbm.2023.116003.
- Woolcock Institute of Medical Research (2023). Infraschall: Die unsichtbare Gefahr der Windkraftanlagen. Ingenieur.de.
- Moshammer, H. (2023). Studie bestätigt: Windräder gefährden nicht die Gesundheit. PULS 24.
- Umweltbundesamt (2014). Machbarkeitsstudie zu Wirkungen von Infraschall.

