Neue SHOWCASE-Studie: 10 % natürlicher Lebensraum reichen nicht für Erholung der Bestäuber

Durch | Oktober 9, 2025

Insektenbestäuber wie Wildbienen, Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlinge sind essenziell für die Bestäubung von Kulturpflanzen und damit für die globale Ernährungssicherheit. Dennoch sinken ihre Populationen seit Jahren alarmierend. Eine neue Studie unter der Leitung von Forschern des EU-finanzierten SHOWCASE-Projekts zeigt: Die bloße bessere Bewirtschaftung bestehender natürlicher Habitate – wie Hecken, Wäldchen und extensive Grasländern – hilft zwar, reicht aber allein nicht aus, um den Verlust der Bestäuber zu stoppen. Stattdessen fordern die Wissenschaftler eine signifikante Erhöhung der Habitatfläche in Agrarlandschaften. Basierend auf einer Meta-Analyse von 59 Studien aus 19 Ländern, die über 178.000 individuelle Bestäuber-Datensätze umfasst, ergibt sich: Für effektiven Schutz benötigen Bestäuber 16 bis 37 Prozent Habitatbedeckung in landwirtschaftlichen Gebieten – deutlich mehr als die 10 Prozent, die die EU-Biodiversitätsstrategie anstrebt. Die Ergebnisse wurden am 25. September 2025 in der renommierten Fachzeitschrift Science veröffentlicht (DOI: 10.1126/science.adr2146).

Fläche und Qualität: Der doppelte Hebel für Bestäuber-Schutz

Die Studie untersuchte den Einfluss von Fläche und Qualität natürlicher Habitate auf Populationen von Wildbienen, Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlingen. Für alle Gruppen galt: Je mehr natürlicher Habitatanteil, desto höhere Bestäuber-Dichten in Agrarflächen. Habitate mit reichlich blühenden Pflanzen beherbergten zudem mehr Bestäuber als solche mit wenigen Blüten. „Es ist jedoch besser, zunächst die Fläche natürlicher Habitate zu erweitern, anstatt kleine Habitate zu managen, selbst wenn sie blütenreich sind“, betont Erstautorin Gabriella Bishop vom SHOWCASE-Projekt.

Bei niedriger Habitatqualität lagen die Schwellenwerte bei 6 Prozent semi-natürlicher Habitatbedeckung für Schwebfliegen, 16 Prozent für Solitärbienen, 18 Prozent für Hummeln und 37 Prozent für Schmetterlinge. Diese Werte stellen minimale Schwellen in Agrarlandschaften dar; bei begrenzter Fläche sind massive Qualitätsverbesserungen erforderlich, um vergleichbare Ergebnisse zu erzielen. Die Analyse basiert auf einem Rahmenwerk, das Habitatmenge und -qualität priorisiert und Schwellen definiert, ab denen Qualitätsmaßnahmen wirksam werden.

Qualität und Langlebigkeit: Jenseits temporärer Maßnahmen

Der Bestäuber-Schutz in Europa setzt derzeit stark auf temporäre Interventionen auf kleinen Flächen produktiven Landes, wie Wildblumenstreifen entlang von Feldern. Frühere Studien zeigten, dass dies zu kurzfristigen Insektenzuwächsen führt. Die neue Untersuchung unterstreicht jedoch: Es braucht dauerhaft hochwertige Habitate auf breiter Front. Letztautor Thijs Fijen warnt: „Um wirklich etwas zu bewirken, sollten Landwirte für die langfristige Schaffung und Erhaltung neuer natürlicher Habitate auf ihren Betrieben belohnt werden – über 20 bis 30 Jahre hinweg. Andernfalls entsteht zu viel Unsicherheit für die Landwirte und zu geringer Nutzen für die Bestäuber.“

Das SHOWCASE-Projekt, finanziert durch das EU-Horizon-2020-Programm (Grant Nr. 862480), integriert Daten aus globalen Studien und betont die Notwendigkeit evidenzbasierter Ziele für menschlich dominierte Landschaften.

Politische Relevanz: Impulse für EU-Nature Restoration Regulation

Es mehrt sich der Nachweis, dass Biodiversität nicht nur der Natur, sondern auch den Menschen dient: Bestäuber sichern die Produktion vieler Nahrungsmittel. Die kürzlich verabschiedete EU-Nature Restoration Regulation zielt darauf ab, den Biodiversitätsverlust – insbesondere bei Bestäubern – zu stoppen. Die Wiederherstellung oder der Schutz natürlicher Habitate in Agrarlandschaften ist ein zentrales Instrument. EU-Mitgliedstaaten erarbeiten derzeit konkrete Aktionspläne zur Umsetzung.

Die Studie bietet hierfür einen klaren Leitfaden: Die EU-Biodiversitätsstrategie, die 10 Prozent hoher Diversitätslandschaftselemente in Agrarflächen anstrebt, muss ambitionierter werden. „Biodiversität in menschlich geprägten Landschaften schwindet, doch evidenzbasierte Konservierungsziele fehlen“, fassen die Autoren zusammen. Die Ergebnisse flossen in Empfehlungen für Politik und Landwirtschaft ein und unterstreichen die Dringlichkeit, Habitatziele dynamisch an spezifische Bestäubergruppen anzupassen.

Ausblick und Kontakt

Die Studie eröffnet Wege für gezielte Maßnahmen: Förderprogramme sollten langfristige Habitatinvestitionen priorisieren, um Bestäuber-Recovery zu sichern und die Agrarproduktivität zu stärken. Die Autoren‘ akzeptierte Version des Artikels ist unter dem Link der Pressemitteilung abrufbar.

Referenz:
Bishop, G.A. et al. (2025). Critical habitat thresholds for effective pollinator conservation in agricultural landscapes. Science, 389(6767), 1314–1319. DOI: 10.1126/science.adr2146.

Diese Forschung markiert einen Meilenstein für den Bestäuber-Schutz und mahnt zu ambitionierteren Zielen in der EU-Umweltpolitik, um den Rückgang der Insektenpopulationen umzukehren.

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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