KOMMENTAR: Das deutsche ABC des Stadtgrüns – praktizierter Untergang der Biodiversität

Durch | Oktober 27, 2025
Credits: Pugnalom

Das ABC der Stadtgrünplanung – Asphalt, Beton, Cotoneaster – steht sinnbildlich für die Verarmung öffentlicher Grünräume in vielen ländlichen Siedlungen und die tatsächliche Einstellung der Stadtverwaltungen zu Artensterben und Klimawandel. Asphalt und Beton dominieren nach wie vor die Böden, unterbinden den natürlichen Wasserhaushalt und schaffen Hitzeinseln, deren Folgen wissenschaftlich gut dokumentiert sind: Das Stadtklima verschlechtert sich messbar, extreme Temperaturen und Starkregen verursachen zunehmend Probleme für Mensch und Infrastruktur. Wo monotone Rasenflächen, als pflegeleichte „Architektenpetersilie“ verwendete Cotoneaster-Inseln, gekappte Bäume und quaderförmig gestutzte Sträucher das Bild urbaner Räume prägen, hat das Leben keine Chance.

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?Blütenwildkräuter, strukturreiche Stauden und Hecken sind in solchen Konzepten extrem unterrepräsentiert, was die Insekten- und Vogelpopulationen massiv dezimiert. Studien zeigen solche Zusammenhänge immer wieder. 2020 beispielsweise untersuchte ein internationales Forschungsteam aus Deutschland, Norwegen, Finnland, Schweden und Australien Rasenflächen in Städten weltweit. Es stellte fest: Die Monokultur aus nur wenigen Gräsern reduziert die Artenvielfalt um bis zu 70 Prozent im Vergleich zu naturnahen Wiesen, da sie keine Blütenpflanzen für Bestäuber bietet. Besonders hart treffen die Verluste Insekten und das Bodenmikrobiom; letzteres aber entscheidet über Bodengesundheit, Nährstoffverfügbarkeit, Wasserhaushalt, Stresstoleranz und damit wiederum über Pflanzenwachstum und -gesundheit.

Ebenso fatal ist der vielerorts zu beobachtende dramatisch ignorante Umgang mit Bäumen und Sträuchern: Kappungen rauben Bäumen einen Großteil ihrer Krone, die meisten Sträucher werden unabhängig von ihrem natürlichen Wuchs und Austrieb, unabhängig auch von ihrem Blüh- und Fruchtansatzverhalten kastenförmig gestutzt.

Die Angst vor großen Bäumen prägt schon seit Jahren das Denken und Handeln von Verwaltungen, Bauherren und Hausbesitzern. Das Resultat: Gerade in bewohnten Gebieten entdeckt man kaum mehr große Bäume. Fehlende Bäume aber führen zu ökologischer Auszehrung. An einer einzelnen Eiche beispielsweise können je nach Standort, Alter und Habitus zwischen 400 und 1.000 Käferarten leben, insgesamt sind über 5.000 bis 6.000 Insektenarten dokumentiert – „gefundenes Fressen“ für zahlreiche Vogelarten, wenn es sie denn genug gäbe. Die Linde wiederum bietet als letzte große Massentracht des Sommers Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und Käfern reichlich Nektar. Weil es ohnehin an Blütenpflanzen mangelt und um diese Zeit die meisten Blumen verblüht sind, stellt sie die einzig nennenswerte Nahrungsquelle für Bestäuber dar.

In der Schnittsaison zwischen Oktober und Februar regiert dagegen vielerorts die Motorsäge. Binnen weniger Stunden ist ein 50jähriger Baum gefällt, ist sein Stamm aufgemetert und sind seine Äste geschreddert – was er in seinen Lebensjahren an Leistung hinsichtlich Klima und Ökologie erbracht hat und weitere hunderte Jahre erbringen würde (Eichen und Linden können bis zu 1.000 Jahre alt werden), spielt bei der Entscheidung, ihn zu eliminieren, meist keine Rolle. Bundesweit gibt es zwar Verwaltungsrichtlinien für Ersatzpflanzungen, aber Städte und Gemeinden sind nicht verpflichtet, spezielle Baumschutzsatzungen oder -verordnungen zu erlassen, die darüber hinaus genaue Bedingungen für Ersatzpflanzungen festlegen. So existiert in Deutschland ein Potpourri an Richtlinien, und die meisten kleinen und mittleren Gemeinden scheuen solche Festsetzungen wie der Teufel das Weihwasser. Auch schwankt die Zahl der nachzupflanzenden Jungbäume von Ort zu Ort: Während die eine Stadt vier bis fünf ansetzt, sind es bei der anderen zehn bis 15. Und selbst dieser sogenannte Ersatz ist beileibe nicht ausreichend, zeigen aktuelle forstwissenschaftliche Erkenntnisse der TU Dresden. Tatsächlich wären rund 400 Jungbäume notwendig, um die Umweltleistungen eines etwa 50 Jahre alten gesunden Stadtbaums mit einem Kronendurchmesser von ca. 20 Metern adäquat zu ersetzen.

Die konservative Haltung von Stadtverwaltungen in Bezug auf Klima- und Biodiversitätsschutz, das Festhalten am veralteten ABC-Dogma der Grünflächenpflege, ist ein vielschichtiges Problem, das durch strukturelle, kulturelle, wirtschaftliche und bildungsbezogene Faktoren geprägt ist. Bürokratische Trägheit, verankert in hierarchischen, risikoaversen Verwaltungsstrukturen behindert Innovationen, da Entscheidungsprozesse langwierig sind und bewährte, kostensichere Methoden wie monotone Rasenpflege bevorzugt werden. Die fehlende Leistungsabhängigkeit im öffentlichen Dienst, wo Beförderungen an Dienstalter statt an Innovationskraft gekoppelt sind, verstärkt die Beibehaltung konservativer Praktiken. Zudem erschweren langfristige Verträge mit festgelegten, nicht-ökologischen Pflegeplänen eine Umstellung, da diese Neuverhandlungen erfordern.

Ein weiteres Hindernis ist der Mangel an Fachwissen. Mitarbeitende in Bauhöfen und Verwaltungen verfügen bestenfalls über traditionelle Ausbildungen im Garten- und Landschaftsbau, die in erster Linie pflegeintensive Ansätze priorisieren, während moderne Konzepte wie extensive Wiesenpflege oder klimaadaptive Bepflanzung nicht vermittelt werden. EntscheidungsträgerInnen fehlt häufig spezifisches Wissen über Ökologie und Klimaschutz, wodurch Entscheidungen auf veralteten Standards oder überholten ästhetischen Präferenzen basieren. Darüber hinaus dürfte es an einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen StadtplanerInnen, BiologInnen und Verwaltungsmitarbeitenden mangeln, was die Umsetzung innovativer Ansätze zusätzlich hemmt.

Gesellschaftlicher Druck und Bewusstsein spielen mit Sicherheit ebenfalls eine Rolle. So bevorzugen BürgerInnen häufig sogenannte ordentliche, also kurzgehaltene Grünflächen, da sie mangels Wissen die ökologischen Vorteile von Wildwiesen oder artenreichen Beeten nicht erkennen. Ohne öffentlichen Druck jedoch bleibt der Anreiz für Verwaltungen gering, bestehende Praktiken zu ändern. Zudem stellen Verwaltungen unter dem Druck eng terminierter Budgetziele oder unmittelbar sichtbarer Ergebnisse wie ein „gepflegtes Erscheinungsbild“ kurzfristige über langfristige Ziele wie Biodiversitäts- und Klimaschutz. Dazu kommt, dass in Deutschland die Präferenz für uniformes, pflegeleichtes Design und maschinell handelbares Grün – eben das ABC-Dogma – tief in der Planungskultur verwurzelt ist. Fehlende rechtliche Vorgaben, die ökologische Standards verbindlich machen, lassen den Status quo bestehen und verschlechtern ihn letztendlich deutlich.

Es sind gerade die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die die Probleme verschärfen. Nicht zuletzt führen Budgetbeschränkungen dazu, dass ökologische Ansätze, die anfänglich höhere Investitionen erfordern, zugunsten kostengünstiger Lösungen zurückgestellt werden. Politisch stehen Klimaschutz und Biodiversität ohnehin hinter wirtschaftlichem Wachstumsdrang, Infrastrukturprojekten und angeblich drängenden Rüstungsausgaben zurück – was sich in dieser Zeit auf erschreckende Weise auch international zeigt.

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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