Wissenschaftler fordern Überarbeitung des US-Artenschutzgesetzes zum Schutz von Korallenriffen

Durch | Februar 18, 2026

Forscher aus Japan, den USA, Australien und Guam kritisieren eine Schwächung des US-Artenschutzgesetzes (Endangered Species Act, ESA) und fordern eine grundlegende Überarbeitung, um Korallenriffe effektiver zu schützen. In einem in der Zeitschrift Science veröffentlichten Brief warnen sie, dass aktuelle Ausnahmeregelungen für militärische und wirtschaftliche Projekte den bereits beschleunigten Kollaps von Riffen im US-Territorium Guam im Pazifik weiter fördern könnten.

Korallenriffe gehören zu den artenreichsten Ökosystemen der Erde. Sie schützen Küsten vor Erosion, beherbergen unzählige Arten und generieren Tourismuseinnahmen. Doch Klimawandel, Verschmutzung, Überfischung und militärische Aktivitäten setzen ihnen massiv zu. Besonders betroffen sind Riffe um Guam, wo die US-Regierung nach Ansicht der Autoren Schutzmaßnahmen gezielt aufweicht.

Das Kernproblem liegt in der engen Definition des ESA: Nur spezifisch gelistete Arten oder Unterarten genießen Schutz. Viele Korallenarten sind jedoch morphologisch plastisch (phänotypisch variabel je nach Umwelt), schwer zu züchten und genetisch nur schwer abzugrenzen. Die Beschreibung einer Art erfordert oft umfangreiche genetische Analysen über weite Ozeanregionen hinweg – ein Prozess, der langsamer verläuft als der Rückgang vieler Arten.

„Korallen sind extrem plastisch, ihr Aussehen verändert sich je nach Umweltbedingungen. Zudem lassen sie sich kaum zuverlässig vermehren, was klassische Artdefinitionen nach Reproduktionskompatibilität erschwert“, erklärt Colin Anthony, Doktorand an der University of Tokyo und Hauptautor des Briefs. „Ohne breite genetische und morphologische Daten über den gesamten Verbreitungsraum ist eine Artbeschreibung schwierig – und genau diese Daten fehlen bei vielen schnell verschwindenden Arten.“

Die Forscher kritisieren, dass die US-Regierung Ausnahmen für Bau- und Militärprojekte ausweitet, die ESA-Schutz umgehen. Dadurch könnten Projekte genehmigt werden, die Riffe schädigen, obwohl sie Arten betreffen, die noch nicht oder nicht ausreichend gelistet sind. Sie fordern eine Ausweitung des Schutzes auf Gattungsebene (Genus) statt einzelner Arten – ein Ansatz, der auch für andere komplexe Ökosysteme denkbar wäre.

„Selbst ohne diese Lockerungen ist effektiver Schutz schwierig, weil die Biodiversität so hoch und so schlecht beschrieben ist“, so Anthony. „Wir wissen oft nicht einmal, welche Arten verschwinden, bevor sie weg sind. Tropische Korallenriffe sind ein Paradebeispiel dafür.“

Der Brief appelliert an die Politik, den Artenschutz an die biologische Realität anzupassen: Breitere Kategorien statt eng gefasster Artenlisten, um Lücken zu schließen und den Kollaps von Riffen zu bremsen.

Objektive Bewertung
Der Brief ist ein gut begründeter, wissenschaftlich fundierter Appell, der reale Schwächen des ESA aufzeigt und konkrete Verbesserungsvorschläge macht. Die Argumentation – hohe phänotypische Plastizität, schwierige Artabgrenzung, langsamer taxonomischer Fortschritt vs. rasanter Biodiversitätsverlust – ist stichhaltig und wird durch zahlreiche Studien zu Korallentaxonomie gestützt.

Stärken:

  • Präzise Benennung des Problems: Die artzentrierte ESA-Logik passt schlecht zu morphologisch variablen, genetisch komplexen Gruppen wie Korallen.
  • Reale Beispiele (Guam, militärische Ausnahmen) machen die Dringlichkeit greifbar.
  • Vorschlag einer genus-weiten Listung ist pragmatisch und würde den Schutz vieler noch unbeschriebener oder schlecht definierter Arten verbessern.
  • Interdisziplinäres und internationales Autorenteam verleiht Glaubwürdigkeit.

Kritische Punkte:

  • Der Brief ist kein Peer-Review-Artikel, sondern ein Meinungsbeitrag („Letter“) – wissenschaftliche Daten oder neue Analysen fehlen.
  • Die Behauptung, Guam-Riffe würden durch ESA-Lockerungen „demonstrably“ beschleunigt gefährdet, wird nicht mit konkreten Belegen untermauert (keine Zahlen, keine Referenzstudien zu Projektgenehmigungen).
  • Der Vorschlag einer genus-weiten Listung ist zwar logisch, könnte aber juristisch und administrativ schwierig umsetzbar sein (ESA verlangt konkrete Artenlisten; Gattungen umfassen oft Hunderte Arten mit unterschiedlichem Schutzbedarf).
  • Alternative Instrumente (z. B. Habitat-Schutz unter Magnuson-Stevens Act, Marine Protected Areas, Klimapolitik) werden nicht diskutiert – der Fokus liegt einseitig auf ESA.
  • Keine Quantifizierung des Problems: Wie viele Korallenarten sind aktuell ungelistet, aber gefährdet? Wie groß ist der tatsächliche Einfluss der Ausnahmen?

Fazit: Der Brief ist ein wichtiger, gut formulierter Weckruf und hebt ein echtes strukturelles Problem im Artenschutz hervor – die Unzulänglichkeit artzentrierter Listen bei hochdiversen, taxonomisch schwierigen Gruppen. Er ist wissenschaftlich plausibel und politisch relevant, aber kein Beweisstück für akute Verschlechterung in Guam. Die geforderte Ausweitung auf Gattungsebene ist ein vernünftiger Vorschlag, der jedoch rechtliche, ökologische und praktische Hürden mit sich brächte. Weitere quantitative Analysen zu Auswirkungen aktueller ESA-Praxis wären wünschenswert, um den Appell noch stärker zu untermauern.

Riffbildende Acropora Acropora zählt dank ihrer komplexen Verzweigungsstruktur die Lebensraum für zahlreiche Meeresorganismen schafft zu den wichtigsten Korallengruppen Gleichzeitig gehört sie aufgrund ihrer komplexen Taxonomie und ihrer extremen Empfindlichkeit gegenüber Umweltveränderungen zu den am schwierigsten zu untersuchenden Gruppen ©2026 Colin Anthony CC BY ND

Journal: Colin J Anthony, Colin Lock, Steven Mana’oakamai Johnson, Shinichiro Maruyama, Laurie J Raymundo, “Endangered Species Act changes threaten reefs”, Science, DOI:10.1126/science.aee4748, https://www.science.org/doi/10.1126/science.aee4748

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
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