
Die nächsten zehn Jahre werden das Schicksal der Antarktis für Jahrhunderte bestimmen. Eine neue Studie zur Antarktischen Halbinsel zeigt in modellierten Szenarien, dass ambitionierte Emissionsreduktionen die schwerwiegendsten Folgen des Klimawandels dort noch abwenden können. Bei anhaltend hohen Emissionen drohen dagegen massive und weitgehend irreversible Verluste von Meereis, Schelfeis, Gletschern sowie dramatische Auswirkungen auf das Ökosystem und den globalen Meeresspiegel.
Die Peer-Review-Studie erschien in der Fachzeitschrift Frontiers in Environmental Science. Hauptautorin ist Prof. Bethan Davies von der Newcastle University. Sie betont, dass die Antarktische Halbinsel – ein Hotspot für Forschung, Tourismus und Fischerei – besonders empfindlich auf anthropogene Erwärmung reagiert. Veränderungen dort wirken sich jedoch weltweit aus, etwa über Meeresspiegelanstieg, Veränderungen der Ozean- und Atmosphärenzirkulation.
Das Team modellierte drei Emissionsszenarien bis 2100: niedrige Emissionen mit einem globalen Temperaturanstieg von 1,8 °C gegenüber vorindustriellem Niveau, mittelhohe mit 3,6 °C sowie sehr hohe mit 4,4 °C. Untersucht wurden acht Schlüsselbereiche: marine und terrestrische Ökosysteme, Land- und Meereis, Schelfeis, Südlicher Ozean, Atmosphäre sowie Extremereignisse wie Hitzewellen.
Bei niedrigen Emissionen bliebe der winterliche Meereisverlust gering, der Beitrag der Halbinsel zum globalen Meeresspiegelanstieg beschränkte sich auf wenige Millimeter. Die meisten Gletscher und tragenden Schelfeise wären erhalten. Bei sehr hohen Emissionen hingegen könnte die Meereisbedeckung um bis zu 20 Prozent zurückgehen. Wärmeres Meerwasser würde Schelfeis und Gletscher von unten erodieren, was zu verstärktem Eisverlust und höherem Meeresspiegelanstieg führt. Krill als Schlüsselart im Nahrungsnetz würde leiden, was Wale, Pinguine und andere Prädatoren bedroht. Viele Arten könnten nach Süden abwandern, warmblütige Räuber riskierten jedoch Nahrungsknappheit.
Prof. Peter Convey vom British Antarctic Survey, Mitautor der Studie, beschreibt sichtbare Veränderungen aus eigener langjähriger Erfahrung: Als er 1989–1991 auf der Signy-Station überwinterte, ragte ein kleiner Felsen – heute als „Manhaul Rock“ bekannter Nunatak – noch aus der Eisoberfläche. Heute ist der McCloud-Gletscher deutlich zurückgegangen.
Prof. Martin Siegert von der Universität Exeter verweist darauf, dass bereits eine frühere Arbeit aus dem Jahr 2019 die Folgen einer Erwärmung um 1,5 °C beschrieb. Die aktuelle Studie zeige nun die Konsequenzen einer Überschreitung dieses Ziels – eine „erschreckende Aussicht“.
Die Forschenden warnen zudem vor einer Gefährdung der eigenen Arbeit: Schäden an Forschungsstationen durch Extremwetter erschweren die Datenerhebung, die für genauere Prognosen unerlässlich ist. Derzeit bewegt sich die Welt auf einem Pfad mittlerer bis mittelhoher Emissionen. Davies unterstreicht, dass selbst in einem Szenario mit niedrigen Emissionen Trends wie Eisverlust und Extremereignisse anhalten, jedoch deutlich abgeschwächt. Bei hohen Emissionen seien viele Veränderungen auf menschlicher Zeitskala irreversibel – Gletscher ließen sich nicht wieder aufbauen, Ökosysteme nicht einfach zurückholen.
Die Autorinnen und Autoren fordern dringendes Handeln in den kommenden Jahren, um die schlimmsten Szenarien zu verhindern. Die Antarktis bleibe zwar weit entfernt, ihre Veränderungen jedoch keineswegs lokal begrenzt.
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Credits Professorin Bethan Davies

