Am 18. April 2026 erklärte ein Greenpeace-Sprecher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Die Chancen, dass er in der Nordsee landet und dort frei schwimmt, sind gering. Er gehe davon aus, dass der Wal dort ertrinken wird, weil er so geschwächt ist.“
Dieses Statement fällt genau an dem Tag, an dem die private Rettungsinitiative um Walter Gunz und Karin Walter-Mommert den Buckelwal Timmy (auch „Hope“) mit Luftkissen, Pontons und kontinuierlicher Hautpflege aus der flachen Kirchsee vor der Insel Poel heben will. Der Wal liegt seit dem 31. März 2026 – inzwischen 18 volle Tage – unverändert in derselben flachen Position.
In diesen 18 Tagen hat sich der Zustand des Tieres weiter verschlechtert. Die Ostsee bietet nur einen Salzgehalt von etwa 8–15 Promille, während Buckelwale an die rund 35 Promille des Atlantiks angepasst sind. Die Folge ist eine fortschreitende ulzerative Dermatitis: Die Haut quillt auf, bildet Blasen und Risse, die oberste Schicht löst sich in Platten ab. Infektionsrisiken steigen, Möwen picken an den offenen Stellen. Der eigene Körperdruck im flachen Wasser belastet zusätzlich Organe und Kreislauf. Die Hautpflege mit einer speziellen Salzlösung, die die Helfer seit dem 16. April einsetzen, kann diesen Prozess nur lindern, nicht rückgängig machen, solange der Wal im Brackwasser bleibt.
Bis zum 15. April folgte Umweltminister Till Backhaus (SPD) den Gutachten des Deutschen Meeresmuseums Stralsund und des ITAW. Diese schätzten die Erfolgsaussichten einer Lebendrettung als sehr gering ein und empfahlen, den Wal palliativ zu begleiten – mit Ruhe und Hautbefeuchtung – und ihn „in Ruhe und Würde sterben zu lassen“. Offizielle Rettungsversuche wurden eingestellt. Erst als die private Initiative ein konkretes Konzept mit Pontons und Luftkissen vorlegte, prüfte das Ministerium und duldete die Aktion, ohne eigene Verantwortung zu übernehmen.
Greenpeace und weitere Expertengruppen lehnten den Versuch von Beginn an ab. Sie argumentierten mit dem geschwächten Zustand des Wals, möglichen Netzresten im Maul, fehlender Nahrungsaufnahme und dem Risiko zusätzlichen Stresses. Der Sprecher von Greenpeace geht nun offen davon aus, dass Timmy im Falle eines Transports in die Nordsee ertrinken werde.
Faktisch hat die 18-tägige Phase des Abwartens den Wal weiter geschwächt. Jeder weitere Tag im flachen Brackwasser verstärkte die Hautschäden, den Flüssigkeitsverlust und die Erschöpfung. Die private Initiative handelt seit dem 16. April aktiv: Sie befeuchtet mit salzreicherer Lösung, spült Schlick frei und bereitet das schonende Anheben vor. Timmy zeigte in dieser Zeit teils stärkere Bewegungen und Schwanzschläge – ein Zeichen, dass noch Reserven vorhanden sind.
Sollte der Rettungsversuch scheitern und der Wal während des Transports oder in der Nordsee sterben, wäre dies ein langsamerer, möglicherweise qualvollerer Prozess als ein schnellerer Tod im offenen Atlantik oder durch natürliche Ursachen. In diesem Fall tragen sowohl die behördliche Zurückhaltung der ersten Wochen als auch die ablehnende Haltung von Greenpeace eine Mitverantwortung für die verlängerte Leidenszeit. Sie haben sich für das Abwarten entschieden – im Namen des Tierschutzes und unter Verweis auf wissenschaftliche Gutachten. Die privaten Retter hingegen haben gehandelt, obwohl die Prognose kritisch bleibt.
Die Denkweise hinter beiden Positionen ist verständlich: Niemand will einem bereits schwer geschädigten Tier zusätzliches Leid zufügen. Doch das lange Nichtstun hat den Wal objektiv geschwächt. Ein früherer Versuch mit vergleichbaren technischen Mitteln hätte die Hautschäden durch den niedrigen Salzgehalt möglicherweise begrenzen können. Stattdessen wurde auf „Ruhe“ gesetzt – und der Wal verbrachte weitere 18 Tage im flachen Wasser.
Der Fall Timmy zeigt die Grenzen einer reinen Abwarte-Haltung bei einem Einzelfall mit hohem öffentlichem Interesse. Tierschutz bedeutet nicht zwangsläufig, nichts zu tun, wenn eine konkrete, wenn auch unsichere Chance auf Besserung besteht. Die private Initiative nutzt diese Chance jetzt. Ob sie ausreicht, wird sich in den nächsten Stunden oder Tagen zeigen. Die Verantwortung für das Ergebnis teilen sich alle, die in den vergangenen Wochen entschieden haben – oder eben nicht gehandelt haben.

