Das Gros der Gärten in Stadt und Land ist artenarm und überpflegt: Monotone Rasenflächen mit einer marginalen Bepflanzung oder gar Schotter bieten unseren heimischen Singvögeln weder genug Lebensraum noch Nahrung. Das wird besonders im Frühjahr deutlich, wenn Rotkehlchen und Co. für Nachwuchs sorgen wollen.
Schon bei der Suche eines passenden Nistplatzes verbrauchen die Vögel viel Energie, und nur ein Teil wird überhaupt fündig. Während Amseln allein durch ihre Größe und ihr ausgeprägt territoriales Verhalten die kleineren Singvögel von Futterstellen und potenziellen Brutplätzen fernhält und recht häufig erfolgreich brütet, haben Mönchs- und Gartengrasmücke, Zilpzalp, Zaunkönig und Heckenbraunelle oft das Nachsehen. Denn was sie benötigen, ist rar geworden: dichte, strukturierte, möglichst dornige, laubabwerfende Sträucher. Viele Arten bauen ihre Nester nämlich bodennah oder im niedrigen Gestrüpp bis maximal zwei Meter – der früher so häufige Buchfink auch schon mal in drei Metern Höhe. Allerdings sind solche Strukturen selbst in der offenen Kulturlandschaft und in Parks selten geworden. Das Mantra der permanent nötigen Pflege hat inzwischen dazu geführt, dass Gebüsche und Gehölze regelmäßig kastenförmig gestutzt oder viel zu oft auf den Stock gesetzt werden – sogar mitten in der Landschaft.
Doch der Mangel an geeigneten Bruthabitaten ist nicht das einzige Problem, mit dem potenzielle Elternvögel zu kämpfen haben. Denn die meisten von ihnen benötigen genau jenes Nistmaterial, das den Cleanikern unter den Gartenbesitzern ein Dorn im Auge ist: abgestorbenes Pflanzenmaterial vorjähriger Stauden und dürre Gräser, kleine Zweige, Moos und Laub.
Was uns als Menschen marginal und überschaubar vorkommt, ist für einen kleinen Vogel eine Mammutaufgabe. Sie zu stemmen kostet wiederum viel Energie – zumal nicht alles an Ort und Stelle zu finden ist. Je nach Verfügbarkeit des passenden Materials braucht beispielsweise der Zaunkönig für den Rohbau eines Nestes mehrere Stunden bis mehrere Tage; hinzu kommt die Innenpolsterung, für die er zusätzlich zwischen zwei Tagen und einer Woche benötigt. Da sich Vögel in der Zeit des Nestbaus häufig am Boden aufhalten, sind sie besonders gefährdet: Hauskatzen, von denen es inzwischen rund 16 Millionen in Deutschland gibt, sind hervorragende Jäger.
Sind all diese Hürden genommen, und war das Ausbrüten erfolgreich, steht ein weiteres Problem an: die Futtersuche für die Jungen und sich selbst. Von den rund 200 in Deutschland brütenden Singvogelarten sind zwischen 90 und 95 Prozent entweder ganz oder teilweise während der Aufzucht der Jungen auf Insekten und andere Wirbellose wie Spinnen und Asseln angewiesen. Auch wenn sich Arten wie Girlitz, Bluthänfling, Erlenzeisig, Dompfaff oder Sperling als adulte Tiere von Körnern und Samen ernähren, beträgt auch bei ihnen der Insektenanteil der Nestlingsnahrung in den ersten sieben bis zehn Tagen bis zu 100 Prozent. Praktisch gibt es keine Singvogelart, die komplett ohne Insekten auskommt. Selbst bei extremen Samenfressern wie manchen Kreuzschnäbeln, beispielsweise dem Fichtenkreuzschnabel, in Mastjahren mit reichlich Zapfen wird den Nestlingen zumindest ein kleiner Anteil tierischer Nahrung zugeführt – oft Spinnen oder kleine Insektenlarven. Der Grund: Nestlinge wachsen in den ersten sieben bis 14 Tagen extrem schnell und benötigen Raupen, Blattläuse, Spinnen, kleine Fliegen und Larven für die Entwicklung von Muskeln, Federn und Organen. Körner und Samen sind für sehr junge Küken zu trocken, zu schwer verdaulich oder nährstoffarm. Reine Körnerfütterung würde bei ihnen schnell zu Verdauungsproblemen, Mangelernährung und schließlich zum Tod führen.
Für einen hohen Insektenreichtum in Gärten und Parks ist allerdings eine vielfältige Artenzusammensetzung heimischer Pflanzen entscheidend. Etwa ein Drittel der über 33.000 Insektenarten Deutschlands ist direkt oder indirekt in mindestens einem Lebensstadium auf heimische Gehölze angewiesen. Von 8.127 untersuchten pflanzenfressenden Insektenarten (u. a. Blattkäfer, Rüsselkäfer, Schmetterlinge, Wanzen, Zikaden) nutzen 3.140 Arten Gehölze als Nahrungspflanzen. Von den besonders wertvollen Sträuchern wie Weißdorn, Schwarzdorn, Wildrosen, Pfaffenhütchen oder Holunder abgesehen tragen auch heimische Baumarten erheblich zur Insektenvielfalt bei. Spitzenreiter sind hier die Eichen, an und von denen bis zu 6.000 Insektenarten leben. Ihnen folgen Birken mit etwa 300, Weiden mit 180, Kirschen (Prunus-Arten) mit 160 und die Buche mit immerhin über 70 Arten.
Letztlich ist es jeder einzelne Gartenbesitzer, der über Wohl oder Wehe unserer Singvögel mitentscheidet, denn nur eine strukturreiche Gestaltung mit Hecken, Bäumen, Staudenbeeten und Blühwiesen kann deren Bestand erhalten. Wo allerdings Motorsäge, Rasenmäher und Heckenschere regieren, wo Großbäume gekappt oder gefällt, Sträucher zu rechteckigen Gebilden verschnitten oder Rasenflächen alle zwei Wochen auf wenige Zentimeter über dem Boden gemäht werden, haben die gefiederten Sänger kaum eine Chance, langfristig zu überleben.
Tipps für einen vogelfreundlichen Garten
Wo sich Platz findet, Bäume pflanzen:
- Eberesche, Linde, Feldahorn, Hainbuche
Es gibt auch kleinere Baumarten, die ökologisch besonders wertvoll sind, zum Beispiel:
- Kirschpflaume (Prunus cerasifera)
- Vogelkirsche (Prunus avium)
Sträucher pflanzen, frei wachsen lassen oder artgerecht schneiden, und Hecken anlegen:
- heimische Mischhecken aus Schlehe, Weißdorn, Wildrosen, Hasel und Sal-Weide
- wenigstens stellenweise dichten Bewuchs um die Sträucher belassen, damit auch Zaunkönig, Zilpzalp oder Mönchsgrasmücke eine Chance auf Nachwuchs haben
Keine Schotterflächen!
Rasenflächen umgestalten:
- mindestens 30 bis 50 Prozent des Rasens in Blühwiesen umwandeln oder extensiv pflegen (nur ein- bis zweimal pro Jahr mähen)
- ruhige/verwilderte Stelle im Garten belassen: auch wenige Quadratmeter helfen
- Rasen „impfen“: Sode und Wurzeln entfernen, Blumen säen oder (oft erfolgreicher) mit heimischen Stauden bepflanzen, am besten mindestens einen halben Quadratmeter (z.B. Schafgarbe, Kriechender Günsel, Wiesen-Witwenblume, Wiesen-Schaumkraut, Wiesen-Salbei, Margerite, Johanniskraut, Wiesenknopf). Bei den Arten auf den Standort achten: sonnig, halbschattig; magerer, fetter (nährstoffreicher) Boden, eher trocken oder feucht.
Koniferen, exotische/nicht heimische Gewächse (z.B. Kirschlorbeer) sowie gefüllte Blüten meiden
Auf Vlies und Folie zur Bodenabdeckung verzichten!
Nistmaterial und Struktur fördern:
- Totholzhaufen, Reisig- oder Benjeshecken anlegen als Lebensraum für Insekten und Kleintiere.
- Abgestorbene Stängel, Moos, feine Zweige und Laub bewusst im Garten belassen (wichtig für Amsel, Sperlinge, Zaunkönig, Rotkehlchen).
- Nistkästen für Höhlenbrüter (Star, Haussperling, Hausrotschwanz) mit natürlichem Material aus dem eigenen Garten ausstatten.
- Vogeltränken mit flachem Rand katzensicher aufstellen und regelmäßig reinigen.
Fütterung auch außerhalb des Winters:
- Übliche Körnermischungen, wie sie im Handel häufig angeboten werden, sind meist ungeeignet, da sie einen hohen Anteil an herkömmlichem Getreide enthalten (Weizen). Gerne gefressen werden Sonnenblumenkerne, Haferflocken, Hirse; das Rotkehlchen mag auch Rosinen.
- Natürliche Quellen sind die besten: Wilde Karde, Wegwarte, Hirtentäschel, Beifuß, Natternkopf, Königskerze, Spitzwegerich, Breitwegerich, Flockenblume, Kornblume, Wilde Malve… wie auch Sträucher, an denen sich viele Insektenarten finden wie Weißdorn oder Wildrosen und vor allem (Wild-)Stauden und Pflanzen, die ungefüllte Blüten haben
- Auch Futterstellen müssen regelmäßig gereinigt und katzensicher aufgestellt werden.
Keine Chemie (Insektizide, Herbizide), kein mineralischer Dünger im Garten!
Diese Maßnahmen verbessern gleichzeitig Nistmaterial-Verfügbarkeit, Insektenreichtum und Bruterfolg vieler Singvogelarten.

