Der Frühling wird nicht stumm, er ist es – ein Erfahrungsbericht

Durch | März 13, 2025
Credits: pugnalom

Mein Name tut nichts zur Sache, meine Beobachtung schon.

Ich wohne in einer von Feld und Wald umgebenen Kleinstadt, in einem Haus mit Garten. Die wechselnden Jahreszeiten zu erleben, das Kommen und Gehen der Zugvögel, das „Tsitsibee-Tsitsibee“ der standorttreuen Kohlmeisen als Gruß an den letzten Schnee und das Einstimmen der Amseln, wenn die Tage wieder länger werden – all das scheint ein Ende genommen zu haben.

Credits: pugnalom
Credits pugnalom

Nicht nur, dass die Jahreszeiten verwischen, die schneereiche Zeit ausbleibt und plötzliche Wetterumschwünge auf den Kreislauf schlagen: Es ist still frühmorgens, so still, dass es schmerzt. Keine Kohlmeise, keine Amsel. Die Hauptsänger des Vorfrühlings sind verschwunden, und das melancholische Lied des (einzigen) Rotkehlchens kann auch nicht trösten.

In den frühen 2000ern war das noch anders. Buchfinken, Grünfinken und Bergfinken sammelten sich an den Futterplätzen, Blaumeisen ließen sich von Sperlingen vertreiben und Sperlinge von Amselhähnen. Selbst Kernbeißer holten sich dann und wann einen Sonnenblumenkern, und auch Goldammern huschten um das Futterhaus.

Diese Zeiten sind längst vorbei. Im Laufe der Jahre blieben erst die Kernbeißer und Goldammern aus, dann die Berg- und Grünfinken. Irgendwann sah ich keinen Buchfink mehr. Ich las viel über Lebensräume, die schrumpfen, und den Mangel an Insekten und Sämereien von Wildpflanzen, und ich wollte etwas tun. Also entschloss ich mich, ganzjährig zu füttern. Ich erweiterte das Angebot auf Mehlwürmer und Saaten für Wildvögel und freute mich über jeden gefiederten Besucher. Anfangs musste ich mindestens zweimal pro Tag füttern, dann genügte ein Mal. Heute würde das Futter mehrere Tage liegen, wenn ich es nicht regelmäßig entsorgen würde. Inzwischen sind Ringeltauben, eine Elster, ein Rotkehlchen und ein Paar Krähen die einzigen Besucher an der Futterstelle.

Was ist geschehen?

Sicher, das Usutu-Virus rafft extrem viele Amseln dahin. Aber was ist mit den anderen Vogelarten? Und: Bringt ein Erreger nur zu Ende, was wir begonnen haben? Erleben wir jetzt eine Eruption der sich kaskadenförmig auftürmenden Probleme, die unsere Art zu leben und zu wirtschaften verursacht? Seit Jahrzehnten ist die Rede von Lebensraummangel, von einer Belastung der Böden und der Gewässer mit Pestiziden und Düngemitteln, von Monokulturen und Strukturverarmung, von Müll, der in Ozeanen ländergroße Flächen bildet und bergeweise vergraben wird, von permanenter Versiegelung der Flächen, von Schottergärten, von allzu großen ökologischen Fußabdrücken – aber was hat sich wirklich geändert? Im Wesentlichen nichts.

Bleibt uns also nur, dem „Großen Sterben“ zuzuschauen?

Allein die Zahlen für Deutschland sprechen für sich:

Ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten ist gefährdet; etwa drei Prozent gelten als ausgestorben.

Typische Vogelarten der Agrarlandschaft haben seit 1998 um 36 Prozent abgenommen.

60 Prozent der Lebensraumtypen in Deutschland befinden sich in einem unzureichenden oder schlechten Erhaltungszustand.

42 Prozent der Insektenarten in Deutschland gelten als bestandsgefährdet oder ausgestorben.

Der 20-Jahres-Durchschnitt des Pestizideinsatzes liegt bei 95.000 Tonnen pro Jahr. Trotz der bekannten und wissenschaftlich belegten negativen Auswirkungen von Glyphosat zählt dieses Pflanzenschutzmittel mit 4.100 Tonnen pro Jahr zu den am meisten angewendeten Produkten.

Jährlich werden rund 4,1 Millionen Tonnen Düngemittel ausgebracht (Stickstoffdünger: 1 Millionen Tonnen, Phosphordünger: 116.000 Tonnen, Kalidünger: 239.000 Tonnen, Kalkdünger: 2,7 Millionen Tonnen)

An 35 Prozent der Messstellen wurden erhöhte Nitratwerte im Grundwasser festgestellt.

45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsflächen sind versiegelt (Asphalt, Beton, Gebäude). Aktuell werden in Deutschland zwischen 52 und 56 Hektar Fläche pro Tag versiegelt (entspricht 73 Fußballfeldern).

Deutschland ist der größte Müllproduzent in der EU mit  4,6 Tonnen pro Kopf Gesamtmüll pro Jahr. Insbesondere Plastikmüll wird exportiert (Malaysia, Niederlande, Polen, Türkei, illegal).

Autoren-Avatar
LabNews Media LLC
LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände