Gift-Dip zum Snack: Ein Dutzend Weißstörche sucht auf einem Herbizid-Acker nach Nahrung – Pugnalom KOMMENTAR

Durch | Mai 13, 2025
Credits: Pugnalom

Beobachtet am 11. Mai 2025, Nähe Diepenau (Landkreis Nienburg/Weser), Mindenerwald (52°24’05.9″N 8°45’47.8″E). Der Mindenerwald ist zu großen Teilen unter Naturschutz gestellt: Unter anderem bieten Röhrichte, Quellbereiche, Eschen-Eichenwälder und Seggenriede zahlreichen (geschützten) Tierarten Unterschlupf und Nahrung.

Auf der Durchreise fielen uns viele gelbe Flächen auf – hier wurden selektive Gifte gespritzt: Sie schonen die Feldfrucht, vernichten aber sämtlichen anderen Bewuchs. Auf diesem Feld steht der Mais wenige Zentimeter hoch und ist grün, während alle anderen Pflanzen gelb aussehen und verdorrt sind. Schockierend war die Beobachtung vor allem deshalb, weil zwölf Weißstörche (Ciconia ciconia) hier lange und ausdauernd nach Nahrung suchten – auch nach unserem Stopp blieben sie dort.

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Weißstörche ernähren sich von Kleintieren wie Insekten, Regenwürmern und Schnecken, fressen aber auch Mäuse und Frösche. Sie verschmähen selbst Aas nicht – Weißstörche sind nicht sehr wählerisch. Dass die Störche auf diesem pestizidbelasteten Acker nach Nahrung suchen, der übrigens an ein Naturschutzgebiet grenzt, kann nur eines bedeuten: Sie finden dort mehr als anderswo. Warum aber ist das so?

Die Antwort liegt auf der Hand: Pestizide schwächen Nicht-Zielorganismen. Alles, was im und auf dem Boden lebt, wird beeinträchtigt oder unmittelbar getötet. Die potentielle Beute wird langsamer, desorientierter, schwächer oder konnte dem Giftregen nicht rechtzeitig entfliehen – ein Pestizid-Happen für die Weißstörche und andere tierische Jäger.

Dass Pestizide auch Nicht-Zielorganismen schädigen, ist lange bekannt und wird immer wieder durch neue Studien bestätigt.

Regenwürmer beispielsweise, die für die Bodenqualität essenziell sind, werden durch Herbizide wie Glyphosat (Hersteller: Bayer) und Atrazin (Hauptproduzent: Syngenta) so stark negativ beeinflusst, dass die Population einer Fläche zusammenbrechen kann. Der Grund: Herbizide lassen die mikrobielle Nahrungsgrundlage der Regenwürmer kollabieren. Durch den Verlust der Regenwürmer wiederum wird der Boden nicht mehr ausreichend belüftet und der Nährstoffkreislauf durcheinander gebracht, was langfristig die Bodenfruchtbarkeit gefährdet – das ist „nur“ die Folge aus der Sicht der Landwirtschaft.

Pestizide spielen auch eine bedeutende Rolle bei der Veränderung des Verhaltens von Regenwürmern und können sie dazu veranlassen, den Boden zu verlassen. Herbizide wie Glyphosat beeinträchtigen die Aktivität und Fortpflanzung von Regenwürmern erheblich. Eine Studie aus Scientific Reports zeigt beispielsweise, dass Glyphosat die Fortpflanzungsrate von Regenwürmern um bis zu 60 Prozent reduziert und ihre allgemeine Aktivität einschränkt, was sie zur Flucht aus dem Boden veranlassen kann. Ähnliche Effekte wurden bei Neonicotinoiden beobachtet, einer Klasse von Insektiziden, die in der Saatgutbeizung verwendet werden. Diese Stoffe haben eine lange Halbwertszeit im Boden, die bis zu 7.000 Tage betragen kann, und führen zu einer Anreicherung, die die Bodenfauna schädigt. Eine Untersuchung aus Environmental Science and Pollution Research dokumentiert, dass Neonicotinoide in Konzentrationen zwischen zwei und vier Milligramm je Kilogramm Boden bis zu 50 Prozent einer Regenwurmpopulation töten können, während niedrigere Dosen subletale Effekte wie verändertes Grabeverhalten hervorrufen, was die Würmer an die Oberfläche treiben kann.

Insekten, die für die Bestäubung und die biologische Schädlingsbekämpfung entscheidend sind, erleben durch Herbizide gleichfalls negative Auswirkungen. Hierzu zählen eine verminderte Reproduktionsfähigkeit, ein geringeres Überleben, eine geschwächte Konstitution und eine abnehmende Reproduktion.

Ebenso sind kleine Säugetiere wie Mäuse anfällig gegenüber einer Herbizidexposition. Nicht nur kann beispielsweise Glyphosat die Spermatogenese stören, was zu reproduktiven Problemen führt. Weitere Untersuchungen deuten auf entwicklungsbedingte Anomalien hin, die durch vorgeburtliche Exposition mit Herbiziden hervorgerufen werden, die körperliche Fitness und das Überleben einschränkt.

Amphibien, insbesondere Frösche, sind aufgrund ihrer durchlässigen Haut besonders anfällig für Herbizide. Forscher fanden heraus, dass Atrazin bei männlichen Afrikanischen Krallenfröschen zu vollständiger Feminisierung und chemischer Kastration führen kann, was ihre Fortpflanzungsfähigkeit erheblich beeinträchtigt. Weitere Studien belegen, dass andere Herbizide die körperliche Entwicklung von Fröschen behindert und ihre Überlebensfähigkeit verringert. Hierbei spielt nicht nur der direkte Kontakt mit Herbiziden bei der Ausbringung eine Rolle, sondern auch die Aufnahme von Herbizid-Rückständen über Wasserläufe und belastete Areale, die sie durchqueren.

Die aufgeführten Zusammenhänge geben nur einen Bruchteil der Studien wieder, die es zum Thema Pestizide und ihren Einfluss auf Nicht-Zielorganismen (und die menschliche Gesundheit) gibt. Trotz dieser Vielzahl an wissenschaftlichen Erkenntnissen wird nach wie vor auf die Schlagkraft von Pestiziden gesetzt, ist ihr Einsatz unvermindert hoch: Sie sollen Höchsterträge möglich machen und die „Nahrungssicherheit gewährleisten“. Gerade Letzteres ist aber auch ohne ein Zuviel an Chemie möglich:

  • mit dem ökologischen Landbau (derzeit nur acht Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der EU)
  • dem Stopp der Lebensmittelverschwendung (derzeit 1,3 Milliarden Tonnen weltweit; davon allein rund 59 Millionen Tonnen in der EU)
  • dem Minimieren der Überproduktion (in der EU 10 kg pro Kopf und Monat)
  • dem Umsetzen aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis (Agroforst, Permakultur, Pflanzenschutz über Nützlinge, Mischkulturen, Blühstreifen, deutlich erweiterte Fruchtfolge und Anpassung der Anbauzeiten…)
  • der verbindlichen Weiterbildung von LandwirtInnen.

Die derzeitige Politik mit ihrer Vorliebe für die industrielle Landwirtschaft (und die Megakonzerne der Agrarbranche) allerdings spricht eine andere Sprache.

Wir von Pugnalom jedenfalls haben ein ungutes Gefühl bei der Vorstellung, dass die Störche, die sich über den Sommer mit kontaminierter Beute versorgen mussten, ab September eine rund 20.000 Kilometer weite Reise nach Afrika absolvieren sollen – rund 400 Kilometer pro Tag, 49 Tage lang.

Zum Weiterlesen (wissenschaftliche Veröffentlichungen, engl.)

Meta-Analyse der Nicht-Ziel-Effekte von Herbiziden auf natürliche Feinde von Schädlingen

Perinatale Exposition gegenüber Glyphosat und einem Herbizid auf Glyphosat-Basis beeinflusst die Spermatogenese bei Mäusen

Atrazin induziert eine vollständige Verweiblichung und chemische Kastration bei männlichen afrikanischen Krallenfröschen (Xenopus laevis)

Ökologische Risikobewertung von Atrazin in nordamerikanischen Oberflächengewässern

Glyphosat-Herbizid beeinflusst unterirdische Interaktionen zwischen Regenwürmern und symbiotischen Mykorrhizapilzen in einem Modell-Ökosystem

REVIEW: Ein Überblick über die Umweltrisiken von neonicotinoiden Insektiziden

Auswirkungen von Neonicotinoiden und Fipronil auf wirbellose Nicht-Zieltiere

Zum Weiterlesen (deutsch)

Systemische Pestizide sind eine weltweite Bedrohung für die Biodiversität und die Ökosystem-Funktionen

Nicht nur zu Spritzphasen: Pestizidmischungen das ganze Jahr in Pflanzen und Böden nachweisbar

Wiener Studie: Glyphosat-Alarm für Regenwürmer

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