Analyse: Warum die EU im Falle einer militärischen Besetzung Grönlands durch die USA militärisch dagegenhalten muss und warum die USA einen Krieg gegen Europa in Europa nicht gewinnen können – Ein Vergleich mit Vietnam, Irak und Afghanistan

Durch | Januar 13, 2026

Einleitung: Das hypothetische Szenario und seine geopolitische Relevanz

Stellen wir uns ein hypothetisches Szenario vor, in dem die Vereinigten Staaten von Amerika eine militärische Besetzung Grönlands durchführen. Grönland, die größte Insel der Welt, ist ein autonomes Gebiet innerhalb des Königreichs Dänemark und somit integraler Bestandteil der Europäischen Union (EU). Es genießt einen Sonderstatus als „Überseeisches Land und Hoheitsgebiet“ (OCT) der EU, was bedeutet, dass seine Bürger EU-Bürger sind und es enge wirtschaftliche und rechtliche Bindungen an die Union hat. Eine solche Besetzung würde nicht nur die Souveränität Dänemarks verletzen, sondern auch die territoriale Integrität der EU direkt bedrohen.

Die strategische Bedeutung Grönlands kann nicht unterschätzt werden. Es liegt zwischen Nordamerika und Europa und kontrolliert den sogenannten GIUK-Gap (Greenland-Iceland-United Kingdom Gap), einen maritimen Engpass, der den Übergang vom Arktischen Ozean in den Nordatlantik regelt. Dieser Korridor ist entscheidend für den Handel, die Schifffahrt und die militärische Bewegungsfreiheit. Aufgrund des Klimawandels schmelzen die arktischen Eismassen, was neue Schifffahrtsrouten wie die Nordwestpassage und die Nördliche Seeroute eröffnet. Diese Routen könnten die Transportzeiten zwischen Asien und Europa um bis zu 7.000 Kilometer verkürzen und Milliarden an Kosten sparen. Zudem birgt Grönland enorme natürliche Ressourcen: Erdöl, Erdgas, seltene Erden und Mineralien wie Zink, Eisen und Uran, die für moderne Technologien unverzichtbar sind. China hat bereits Investitionen in den Bergbau getätigt, um seine Dominanz bei seltenen Erden zu sichern, was die USA unter Druck setzt.

Historisch gesehen hat die USA ein starkes Interesse an Grönland gezeigt. Während des Zweiten Weltkriegs besetzten US-Truppen die Insel, um sie vor deutscher Kontrolle zu schützen, und bauten Basen aus. 1946 bot Präsident Truman 100 Millionen Dollar für den Kauf Grönlands, was Dänemark ablehnte. 1951 wurde ein Verteidigungsabkommen geschlossen, das den USA die Nutzung von Basen wie der Pituffik Space Base (ehemals Thule Air Base) erlaubt, die für Raketenabwehr und Raumüberwachung genutzt wird. Diese Basis ist die nördlichste US-Installation und dient der Früherkennung von Raketenangriffen aus Russland oder China. Aktuelle Entwicklungen, wie die Verlagerung Grönlands vom US European Command zum Northern Command im Jahr 2025, unterstreichen die wachsende Bedeutung der Arktis im Kontext des Wettbewerbs mit Russland und China.

In diesem Szenario würde eine US-Besetzung nicht nur ein Akt der Aggression gegen ein EU-Mitglied sein, sondern auch das transatlantische Bündnis zerreißen. Die EU müsste militärisch dagegenhalten, um ihre Souveränität, ihre strategischen Interessen und die Stabilität des Kontinents zu wahren. Im Folgenden wird erläutert, warum dies notwendig ist, und warum die USA einen solchen Krieg in Europa nicht gewinnen könnten. Abschließend werden Vergleiche zu den US-Kriegen in Vietnam, Irak und Afghanistan gezogen, die zeigen, wie überlegene Militärmacht allein kein Garant für den Sieg ist.

Warum die EU militärisch dagegenhalten muss

Eine militärische Besetzung Grönlands durch die USA würde eine Kaskade von Konsequenzen auslösen, die die EU zwingen würden, aktiv zu intervenieren. Zunächst einmal würde dies einen direkten Verstoß gegen das Völkerrecht darstellen, insbesondere gegen die UN-Charta, die die territoriale Integrität von Staaten schützt. Dänemark, als EU-Mitglied, könnte auf Artikel 42 Absatz 7 des Vertrags über die Europäische Union (TEU) zurückgreifen, der eine gegenseitige Verteidigungspflicht vorsieht: „Im Falle eines bewaffneten Angriffs auf das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats sind die anderen Mitgliedstaaten verpflichtet, ihm mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Hilfe und Beistand zu leisten.“ Dieser Artikel ist stärker formuliert als Artikel 5 des NATO-Vertrags, da er eine „Verpflichtung“ statt einer bloßen „Beratung“ impliziert und keine geografischen Einschränkungen hat. Er wurde 2015 nach den Terroranschlägen in Paris erstmals aktiviert, was zeigt, dass die EU in Krisen solidarisch handelt.

Zusätzlich ist Dänemark NATO-Mitglied, und ein Angriff würde Artikel 5 des Nordatlantikvertrags auslösen: „Ein bewaffneter Angriff gegen einen oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika soll als ein Angriff gegen sie alle betrachtet werden.“ Hier liegt jedoch das Paradoxon: Die USA sind ebenfalls NATO-Mitglied, was einen inneren Konflikt im Bündnis schaffen würde. Eine US-Besetzung würde die NATO spalten, da viele EU-Staaten (wie Frankreich, Deutschland und die Niederlande) enge Bindungen zu Dänemark haben. Die EU könnte nicht untätig bleiben, da dies ihre Glaubwürdigkeit untergraben würde. Frankreich und das Vereinigte Königreich, beide Nuklearmächte, hätten ein besonderes Interesse, da sie eigene arktische Ambitionen verfolgen und Grönland als Pufferzone gegen russische Expansion sehen.

Strategisch gesehen würde der Verlust Grönlands die EU schwächen. Die Insel ist zentral für die Überwachung russischer U-Boote und Schiffe im Atlantik. Russland hat seine arktische Militärpräsenz ausgebaut, mit neuen Basen und der Entwicklung der Nördlichen Seeroute, die es mit China teilt. Eine US-Kontrolle würde die EU von diesen Ressourcen abschneiden und ihre Abhängigkeit von US-Technologie erhöhen. Wirtschaftlich hängen EU-Staaten wie Deutschland von seltenen Erden ab, die in Grönland reichlich vorhanden sind; eine Besetzung könnte Lieferketten stören und Preise in die Höhe treiben.

Politisch würde eine Besetzung die EU als schwach dastehen lassen. Die Union hat in den letzten Jahren ihre Verteidigungspolitik gestärkt, mit der Strategischen Kompass-Initiative und erhöhten Ausgaben (EU-weit über 295 Milliarden Dollar im Jahr 2023, verglichen mit Russlands 100 Milliarden). Frankreichs Präsident Macron hat mehrmals „strategische Autonomie“ gefordert, und Finnland sowie Schweden haben 2024 der NATO beigetreten, was die EU-Arktis-Staaten stärkt. Eine passive Haltung würde Populisten in Europa stärken und die EU-Integration untergraben. Militärisch müsste die EU intervenieren, um Eskalation zu verhindern: Eine schnelle Reaktion mit Marine- und Luftstreitkräften könnte die USA zu Verhandlungen zwingen, bevor ein größerer Konflikt ausbricht.

Belege, dass die USA einen Krieg gegen Europa in Europa nicht gewinnen können

Trotz der unbestrittenen militärischen Überlegenheit der USA in Bereichen wie Marine und Luftwaffe wäre ein Krieg gegen die EU in Europa für die USA nicht gewinnbar. Die EU-Staaten verfügen kombiniert über erhebliche Ressourcen: Etwa 1,36 Millionen aktive Soldaten (verglichen mit 1,35 Millionen in den USA), 4.352 Panzer (gegenüber 5.652), 34.164 gepanzerte Fahrzeuge (gegenüber 38.639) und eine starke Artillerie mit 6.242 Einheiten. Die EU hat zudem 2,12 Millionen Reservisten und eine Bevölkerung von über 513 Millionen, die eine langfristige Mobilisierung ermöglichen würde.

Der Schlüssel liegt in der Logistik: Die USA müssten Truppen und Material über den Atlantik transportieren, was anfällig für U-Boot-Angriffe, Minen und Cyber-Attacken wäre. Europas Marinekräfte, einschließlich Frankreichs und Großbritanniens Atom-U-Boote, könnten Konvois stören. Im Gegensatz dazu hat Europa kurze Versorgungslinien und den Heimvorteil: Es verteidigt sein eigenes Terrain, mit dichten Städten, Wäldern und Bergen, die Guerilla-Taktiken begünstigen. Die USA haben 11 Flugzeugträger, die EU nur 7, aber in europäischen Gewässern wären diese Träger verwundbar durch landgestützte Raketen und Drohnen.

Nuklearwaffen spielen eine Rolle: Die USA haben etwa 5.000 Sprengköpfe, aber Frankreich (290) und das UK (225) zusammen haben genug, um eine gegenseitige Zerstörung (MAD) zu gewährleisten. Ein nuklearer Schlag würde den Krieg sofort beenden, da keine Seite überleben würde. Konventionell gesehen ist die EU-Luftwaffe mit 1.324 Kampfflugzeugen (gegenüber 3.233 in den USA) unterlegen, aber mit integrierten Systemen wie Eurofighter und Rafale könnte sie lokale Überlegenheit erlangen.

Ökonomisch wäre ein Krieg ruinös: Die EU-GDP beträgt etwa 18 Billionen Dollar (vergleichbar mit den USA), aber ein längerer Konflikt würde globale Lieferketten zerstören. Die USA sind abhängig von Importen aus Europa (z.B. Maschinen, Pharmazeutika), und Sanktionen würden beidseitig wirken. Historisch haben die USA in symmetrischen Kriegen gegen Gleichstarke nie gekämpft; ihre Stärke liegt in der Projection of Power, nicht in der Besetzung eines Kontinents mit 27 Nationen.

Die NATO-Spaltung würde die USA isolieren: Viele NATO-Mitglieder sind EU-Staaten, und ein Angriff würde das Bündnis auflösen. Die EU hat 1,9 Millionen Soldaten in ihren Streitkräften, und mit der neuen NATO-Kraftstruktur (über 300.000 Truppen in 30 Tagen mobilisierbar) könnte sie schnell reagieren. Die USA könnten initial Erfolge erzielen, aber ein langer Krieg würde zu hohen Verlusten und innerer Opposition führen, wie in vergangenen Konflikten.

Vergleiche mit Vietnam, Irak und Afghanistan: Lektionen aus asymmetrischen Kriegen

Die US-Kriege in Vietnam (1955–1975), Irak (2003–2011) und Afghanistan (2001–2021) zeigen, dass militärische Überlegenheit allein keinen Sieg garantiert. In allen Fällen scheiterten die USA an asymmetrischen Herausforderungen, mangelnder lokaler Unterstützung und hohen Kosten – Parallelen, die in einem Europa-Krieg verstärkt auftreten würden.

In Vietnam scheiterten die USA trotz 2,7 Millionen eingesetzter Soldaten und über 58.000 Toten. Die Vietcong nutzten Guerilla-Taktiken, Tunnelnetze und den Dschungel, um konventionelle Überlegenheit zu konterkarieren. Chemiewaffen wie Agent Orange und Napalm verursachten Zivilopfer, was den Widerstand steigerte. Die USA gewannen Schlachten wie Tet-Offensive (1968), verloren aber den Krieg durch fehlende Strategie und innere Proteste. Kosten: Über 168 Milliarden Dollar (heute über 1 Billion). In Europa würde ähnlicher Widerstand entstehen: Partisanen in Wäldern, Städtekämpfe und Cyber-Guerilla.

Im Irak (2003–2011) stürzten die USA Saddam Hussein in Wochen, aber der Aufstand (2004–2007) führte zu 4.500 US-Toten und 300.000 irakischen Zivilopfern. Fehlende WMDs (die Begründung war falsch) untergrub Glaubwürdigkeit. Die Besatzung scheiterte am Nation-Building: Korruption, Sektenkonflikte und ISIS-Aufstieg. Kosten: Über 2 Billionen Dollar. In Europa würde eine Besatzung ähnlich scheitern: Kulturelle Unterschiede, Widerstand in Ländern wie Frankreich oder Deutschland, und keine klare „Victory“-Definition.

Afghanistan (2001–2021) war der längste US-Krieg: 2.400 Tote, 20.700 Verletzte, Kosten über 2 Billionen Dollar. Die Taliban wurden 2001 vertrieben, kehrten 2021 zurück. Gründe: Korrupte Regierung, mangelnde lokale Unterstützung, Guerilla in Bergen. Der Abzug 2021 war chaotisch, mit Taliban-Übernahme. In Europa würde ein Krieg zu langfristigem Aufstand führen: EU-Bürger würden nicht kooperieren, und Kosten würden die US-Wirtschaft belasten.

Diese Kriege zeigen: USA scheitern an Asymmetrie, fehlender Strategie und Kosten. In Europa, mit stärkerem Gegner, wäre der Misserfolg größer.

Schlussfolgerung

Eine US-Besetzung Grönlands würde die EU zu militärischem Widerstand zwingen, um Souveränität und Strategie zu schützen. Die USA könnten nicht gewinnen, da Logistik, Heimvorteil und Kosten sie überfordern würden. Die Vergleiche zu Vietnam, Irak und Afghanistan unterstreichen, dass Macht allein nicht siegt. Ein solcher Konflikt wäre katastrophal und sollte vermieden werden – Diplomatie bleibt der Schlüssel.


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