Baumfachbetriebe, die Bäume kappen: Fachwissen versus Geschäft? – ein Kommentar

Durch | Februar 9, 2026
Kappungen: Die Firma Pro Baum GmbH Göttingen im Einsatz. Credits: Pugnalom by Lab News Media LLC

Wer Stadtbäume liebt, muss sie gegen ihre angeblichen „Freunde“ verteidigen – gegen jene Unternehmen also, die sich als Baumfachbetriebe inszenieren und zugleich genau das tun, was moderne Baumpflege klar als schädlich einstuft: Kappungen und radikale Kronenverstümmelungen. Denn was als „Verjüngung“ oder „Sicherung“ verkauft wird, ist in Wahrheit der Einstieg in einen schleichenden Baumtod, der Jahre dauert, aber fachlich absehbar ist.

Die ZTV Baumpflege formuliert unmissverständlich, was Stand der Technik ist: Kronenpflege hat struktur- und artgerecht, statik- und physiologieorientiert zu erfolgen; Kappungen – also das Absetzen ganzer Kronenteile oder der gesamten Krone auf Stummel – gelten als baumzerstörende Maßnahme und sind nicht fachgerecht. Wer dennoch ganze Kronen ausräumt, handelt nicht im Grenzbereich, sondern klar außerhalb anerkannter Regeln.

Kappung beraubt den Baum elementar seiner Funktionseinheiten, so dass der verbleibende Anteil nicht mehr in der Lage ist, die notwendige Blattmasse und damit die essentielle Photosyntheseleistung zu erbringen – und sie zwingt ihn, seine Reservestoffe für Nottriebe, sogenannte Wasserreiser, zu verbrauchen. Diese verzweifelte Reaktion des Baums wird gerne als Zeichen neuer Vitalität verkauft. Dabei sind diese besenartigen Auswüchse anatomisch schlecht angebunden, statisch problematisch und in Kombination mit großflächigen Wunden ein Sicherheitsrisiko. Parallel öffnen die unvermeidlich großen Schnittflächen Tür und Tor für holzabbauende Pilze; Fäule, statische Schwächung und steigende Bruchgefahr sind nur eine Frage der Zeit. Am Ende steht oft genau das, was angeblich vermieden werden sollte: die „notwendige“ Fällung eines nun tatsächlich geschädigten Baumes – oder hohe Kosten für wiederholte Kontrollen und Nachschnitte.

Besonders fragwürdig wird dieses Geschäftsmodell, wenn es sich um Bäume handelt, die ohnehin unter Krankheitsdruck stehen. Das Eschentriebsterben ist ein prominentes Beispiel: Studien zu Fraxinus excelsior zeigen, dass Wachstumsdynamik, Holzstruktur und Kronengröße entscheidende Faktoren für die Überlebenswahrscheinlichkeit sind. Vitalere, großkronige Bäume mit guter Zuwachsleistung haben bessere Chancen, mit dem Pilz zu koexistieren oder zumindest langsamer zu degenerieren; geschwächte, bereits reduzierte Bäume sterben deutlich häufiger und schneller ab. Wer solchen Eschen die Krone drastisch zurückschneidet, entzieht ihnen genau jene Ressourcen, die sie für Abwehr, Regeneration und Holzaufbau brauchen. Die Idee, man könne den Pilz „herausschneiden“, ignoriert, dass seine Wirkung systemisch ist und über Jahre immer neue Blatt- und Triebgenerationen betrifft. Die Folge radikaler Eingriffe ist nicht Heilung, sondern eine beschleunigte Entkräftung bei gleichzeitig vergrößerter Angriffsfläche für weitere Schaderreger.

Vor diesem Hintergrund sind Firmen, die offensiv Kompetenz und Liebe zum Baum vermarkten, besonders in der Pflicht. Die Pro Baum GmbH aus Göttingen beispielsweise wirbt mit Slogans wie „Ideen rund um den Baum“, bietet neben Baumpflege auch Baumgutachten an und stellt ihr Team als hochqualifiziert dar – mit Forstwirten, Diplom-Forstingenieuren, European Treeworkern und seilklettertechnisch geschulten Kräften. Das sind genau jene Qualifikationen, bei denen man voraussetzen darf, dass ZTV Baumpflege, aktuelle Fachliteratur und die bekannten Folgen von Kappungen und radikalen Kroneneingriffen nicht nur bekannt sind, sondern handlungsleitend sein müssten. Dennoch räumte die Firma am 2. Februar 2026 in Osterode am Harz nahe dem Tilman-Riemenschneider-Gymnasium die Kronen von rund zehn großen Bäumen vollständig aus. Wenn ein solcher Betrieb wie Pro Baum derartige Radikalschnitte als Lösung für Platzprobleme, Lichtwünsche oder Krankheitsbilder anbietet oder zumindest nicht konsequent ablehnt, ist das kein Versehen, sondern ein bewusster Bruch mit fachlichen Standards.

Kappungen: Die Firma Pro Baum GmbH Göttingen im Einsatz. Credits: Pugnalom by Lab News Media LLC
Kappungen Die Firma Pro Baum GmbH Göttingen im Einsatz Credits Pugnalom by Lab News Media LLC

Der Kern der Verantwortung liegt dabei nicht beim verunsicherten Grundstückseigentümer, der „irgendwas machen lassen“ will, sondern bei der angeblich fachkundigen Firma, die aus diesem Wunsch ein Angebot formt. Wer Baumgutachten erstellt, European-Treeworker-Kompetenz ins Feld führt und mit dem „neuesten Stand der Technik“ wirbt, muss Auftraggebern erklären, warum Kappung keine Pflege, sondern Schaden ist und warum bei kranken Bäumen differenzierte Entscheidungen gefragt sind – von maßvoller, strukturwahrender Kronenpflege über Monitoring bis hin zum begründeten Ersatz – statt katastrophaler Verstümmelungen, die nur Probleme verschärfen statt sie zu lösen.

Ein Kommentar zu dieser Praxis kommt deshalb an einer klaren Forderung nicht vorbei: Kommunen, Behörden, Auftraggeber und Gerichte sollten bei Ausschreibungen, Kontrollen und Bewertungen konsequent auf ZTV-konforme Baumpflege, zertifizierte Fachbetriebe mit nachweislich regelgerechte Praxis und nachvollziehbare Gutachten setzen. Firmen, die unter dem Deckmantel wohlklingender Slogans Bäume systematisch kaputt „pflegen“, gehören nicht mit öffentlichen Aufträgen belohnt, sondern mit kritischer Nachfrage und, wo möglich, mit klaren Konsequenzen bedacht. Wer sich „Baumpflege“ auf das Firmenfahrzeug schreibt, muss Bäume länger leben lassen – nicht kürzer.

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