
Eine orange Blinklampe, ein leises Sauggeräusch – langsam fährt eine kompakte weiße Box über die Grasanlage mitten im Spreebogenpark. Zwischen Berliner Hauptbahnhof und Kanzleramt zieht ein ungewöhnlicher Helfer die Blicke auf sich: Ein autonomer Reinigungsroboter der Berliner Stadtreinigung (BSR), der Zigarettenstummel, Kronkorken und anderen Kleinstmüll von der Wiese saugt. Entwickelt wurde er von der Firma Angsa Robotics, begleitet wird er unter anderem von WissenschaftlerInnen der Technischen Universität Berlin, die im Rahmen des Forschungsprojekts ROKIT (Roboter im öffentlichen Raum: Kompetenzcluster für interdisziplinäre Technikgestaltung) untersuchen, wie mobile Roboter sinnvoll, sicher und gerecht im öffentlichen Raum eingesetzt werden können.

Die Testphase im Park ist Teil einer umfassenden Feldstudie, insgesamt ist es der dritte Feldtest im Projekt. Die Technikphilosophin Lena Fiedler beobachtet mit einem Tablet, wie PassantInnen auf den Roboter reagieren – interessiert, neugierig, manchmal filmend. „Angst hat bislang niemand gezeigt“, sagt sie. „Unsere Aufgabe im Projekt ist es, ethische Herausforderungen aufzudecken und Lösungsansätze zu entwickeln – zum Beispiel, wenn technische Machbarkeit mit ethischen Ansprüchen kollidieren: Das Sauggeräusch ist sehr laut und kann Tiere und Menschen stören oder Insekten einsaugen. Ein Greifarm wäre deshalb schonender, aber auch technisch anfälliger.“ Ein typisches Beispiel der Werteabwägung, das am Fachgebiet Wissensdynamik und Nachhaltigkeit in den Technikwissenschaften der TU Berlin durchgeführt wird: Was ist möglich? Was ist uns wichtig?
Um diese Fragen zu beantworten, braucht es partizipative Forschungsansätze, wie den von Sophie Schwartz. Sie studiert Human Factors an der TU Berlin und schreibt ihre Masterarbeit im ROKIT Projekt. Dafür hat sie blinde Menschen und Menschen mit Seheinschränkung eingeladen, mit dem Roboter zu interagieren und anschließend eine Fokus-Gruppe durchgeführt. „Wir müssen Menschen mit Behinderung als Expert*innen für ihre Bedarfe anerkennen und möglichst früh als Mitgestaltende in die Forschung einbeziehen“, sagt sie. Diese Perspektive ist sehr wichtig, um den Roboter möglichst inklusiv für die diverse Nutzer*innengruppe im öffentlichen Raum zu gestalten.
Das ROKIT Projekt bringt ForscherInnen aus Ethik, Technik, Recht und Gestaltung zusammen. Ziel ist es, Gestaltungsvorschläge für die Entwicklung von mobilen Robotern zu entwerfen, damit diese nicht nur funktional sind, sondern sich im öffentlichen Raum auch sozial verträglich und gerecht verhalten. Das TU-Team untersucht dabei auch: Was ist ein gerechter öffentlicher Raum? Welchen Verhaltensregeln sollen Roboter hier folgen? Ein wichtiges Ergebnis aus dem Projekt: Soziale Normen sind nicht notwendigerweise moralisch gut. Insofern sollten Roboter menschliches Verhalten nicht einfach reproduzieren. „Ein Roboter darf nicht die ungerechten Normen des öffentlichen Raums übernehmen. Wenn Frauen in Begegnungssituationen häufiger ausweichen müssen als Männer, dann darf ein Roboter dieses Verhalten nicht reproduzieren“, erklärt die Leiterin des Projekts am Berlin Ethics Lab der TU Berlin, Prof. Dr. Sabine Ammon. „Der öffentliche Raum ist Begegnungsstätte und Allgemeingut. Diversität, Inklusion und Gerechtigkeit sind Werte, die hier unbedingt erhalten bleiben müssen – für Menschen, Tiere und Natur.“ Im Projekt werden deshalb zentrale Impulse für eine ethisch fundierte Technikgestaltung geliefert.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Integration ethischer Reflexion in den Designprozess. Mit dem Konzept „Ethics Consultation“ entwickelt das Team um Professorin Ammon ein neues Verfahren, das gezielte ethische Interventionen in verschiedenen Entwicklungsphasen ermöglicht – ohne dass EthikerInnen permanent in den technischen Arbeitsprozess eingebunden sind.
„Wir brauchen dringend ethische Design-Methoden innerhalb des Forschungs- und Entwicklungsprozesses, um frühzeitig zu reflektieren: Was für eine Technik wird hier eigentlich entwickelt? Welche sozialen Folgen hat sie?“, so Ammon, die das interdisziplinäre Fachgebiet „Wissensdynamik und Nachhaltigkeit in den Technikwissenschaften“ leitet.
Die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Projekt sollen auch an StudentInnen vermittelt werden, sodass diese das neue Wissen bei ihrer späteren Arbeit mit einfließen lassen können. Hierfür steht auch das Berliner Ethik Zertifikat, dass alle StudentInnen im Rahmen ihres Studiums absolvieren und dabei wichtige ethische Reflektionsmaßnahmen erwerben können. So erhalten sie die Möglichkeit, sich frühzeitig und praxisnah mit den ethischen Fragen rund um KI und Robotik auseinanderzusetzen.
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