
Am 6. November 2025 hat der Deutsche Bundestag die Novelle des Kohlendioxid-Speicherungsgesetzes (KSpG) verabschiedet, die erstmals den industriellen Einsatz von Carbon Capture and Storage (CCS) in Deutschland ermöglicht. Das Gesetz erlaubt die Abscheidung von CO? aus Industrieprozessen wie Zement- und Kalkproduktion sowie Müllverbrennung und dessen Verpressung unter dem Meeresboden der Nordsee. An Land bleibt die Speicherung grundsätzlich verboten, kann aber von Bundesländern freigegeben werden. Auch für Gaskraftwerke wird CCS zugelassen, um die Klimaneutralität bis 2045 zu unterstützen. Befürworter sehen darin eine Brücke für unvermeidbare Emissionen; Kritiker warnen vor unkalkulierbaren Gefahren. Diese Analyse beleuchtet faktenbasiert die Risiken, quantifiziert potenzielle tödliche Folgen eines CO?-Austritts für Deutschland und erklärt, warum die heutige Entscheidung ein gravierender Fehler sein könnte.
Technische und geologische Risiken: Leckagen als systemisches Problem
CCS umfasst drei Schritte: Abscheidung des CO? an der Quelle, Transport per Pipeline oder Schiff und Einlagerung in poröse Gesteinsschichten tief unter der Erde oder dem Meeresboden. In Deutschland sollen vor allem saline Aquifere unter der Nordsee genutzt werden, mit theoretischen Kapazitäten von 1 bis 5,5 Gigatonnen CO? allein in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone. Praktisch nutzbar sind jedoch nur Bruchteile davon, da Druckaufbau, geologische Barrieren und Monitoring-Kosten die Machbarkeit einschränken.
Das zentrale Risiko ist die Leckage: CO? kann durch Undichtigkeiten in Bohrlöchern, Risse in der Deckschicht oder aktive Verwerfungen entweichen. Studien zu bestehenden Projekten wie Sleipner in Norwegen zeigen, dass Leckageraten typischerweise unter 0,01 Prozent pro Jahr liegen, bei sorgfältiger Standortwahl und Regulierung sogar unter 0,001 Prozent. Dennoch: Über 10.000 Jahre summieren sich selbst minimale Raten. Eine Analyse natürlicher CO?-Leckagen an Fault-Systemen ergab, dass unregulierte Bohrlöcher Raten von bis zu 0,1 Prozent ermöglichen könnten. In der Nordsee könnten alte Öl- und Gasbohrungen – über 1.000 in der deutschen Zone – Schwachstellen darstellen, da Zementalterung und Korrosion Pfade schaffen.
Weitere Risiken umfassen:
- Induzierte Seismizität: Der Druckaufbau beim Verpressen kann Mikrobeben auslösen, die bestehende Risse öffnen. Im Projekt In Salah in Algerien führte dies zu einer vorzeitigen Beendigung.
- Grundwasser- und Meereskontamination: Aufsteigendes CO? versauert Wasser, mobilisiert Schwermetalle und gefährdet Ökosysteme.
- Langzeit-Monitoring: Speicher müssen Jahrhunderte überwacht werden; Kosten gehen nach 20 bis 50 Jahren auf den Staat über.
Wissenschaftler schätzen die Wahrscheinlichkeit eines katastrophalen Austritts – vergleichbar mit dem Ereignis am Lake Nyos – als extrem gering, unter 1 zu 1 Million pro Speicher und Jahr. Doch bei Skalierung auf Dutzende Speicher in der Nordsee multipliziert sich das Risiko.
Toxikologie: Warum CO? tötet – Der Lake-Nyos-Vergleich
CO? ist farb- und geruchlos, schwerer als Luft und sammelt sich in Senken. Ab 5 Volumenprozent in der Atemluft verursacht es Kopfschmerzen und Atemnot; ab 8 bis 10 Prozent Bewusstlosigkeit innerhalb von Minuten; ab 15 bis 20 Prozent Tod durch Asphyxie. Der Sauerstoffpartialdruck sinkt, das Blut übersäuert.
Der historisch dokumentierte Fall am Lake Nyos in Kamerun am 21. August 1986 zeigt das Potenzial: Durch eine limnische Eruption entwichen 0,3 bis 1,6 Millionen Tonnen CO? aus vulkanischem Grundwasser. Eine 50 Meter dicke Gaswolke floss talabwärts mit 50 km/h, tötete 1.746 Menschen und 3.500 Tiere in 27 km Entfernung. Konzentrationen erreichten lokal 40 Volumenprozent. Ähnlich ereignete sich 1984 am Lake Monoun ein Austritt mit 37 Toten. Diese Ereignisse waren natürlich, aber ein CCS-Leck könnte vergleichbar wirken, wenn Druck ein poröses Reservoir platzen lässt.
Quantitative Schätzung tödlicher Folgen für Deutschland
Um tödliche Konsequenzen zu berechnen, wird ein Worst-Case-Szenario modelliert: Plötzlicher Austritt von 10 Prozent eines vollgefüllten Offshore-Speichers (realistisch: 50 bis 200 Millionen Tonnen CO? pro Site bis 2045). Die Annahmen basieren auf Nyos-Skalierung, Dispersionsmodellen und der deutschen Küstenbevölkerung.
Schritt 1: Freigesetzte Masse
Ein Speicher fasst 100 Millionen Tonnen CO? (konservativ; das Geostor-Projekt schätzt Gigatonnen-Potenzial). 1 Prozent Leckage entspricht 1 Million Tonnen, das sind 1,3 Milliarden Kubikmeter gasförmiges CO? bei Standardbedingungen. Bei katastrophalem Bruch: 10 Millionen Tonnen entsprechen 13 Billionen Litern.
Schritt 2: Ausbreitung
CO? strömt als Dichtewolke (1,5-fache Luftdichte) landeinwärts. Bei Nordsee-Winden (10 bis 20 km/h) und Inversion (kalte Luftschicht) bleibt die Wolke bodennah. Das Nyos-Modell zeigt eine 50 Meter dicke Wolke mit 23 km Reichweite. Für die Nordsee: 20 bis 50 km inland, abhängig von Topografie. Betroffene Fläche: 500 bis 2.000 km² (z. B. Schleswig-Holstein-Küste bis Hamburg).
Schritt 3: Letale Konzentration
Tödlich ab 10 Volumenprozent über 10 Minuten. Bei 10 Millionen Tonnen in 1.000 km² bei 50 m Höhe: Durchschnitt 15 Volumenprozent. Lokale Hotspots: 30 bis 50 Volumenprozent.
Schritt 4: Betroffene Bevölkerung
Küstenregionen: Schleswig-Holstein (2,9 Millionen Einwohner, Dichte 184 pro km²), Niedersachsen-Küste (ca. 1 Million in 50-km-Streifen), Hamburg-Umland (2 Millionen). Gesamt: 4 bis 6 Millionen in der Risikozone. Bei 50 Prozent Evakuierungsversagen und 20 Prozent Letalität in Hotspots: 200.000 bis 800.000 Tote. Zusätzlich: Panik, Verkehrschaos, Langzeitfolgen (Säurebildung, Ökosystemkollaps).
Mathematische Herleitung (transparent):
Volumen freigesetztes CO?: ( V = \frac{m}{\rho} = \frac{10^7 \, \text{t} \times 10^6 \, \text{g/t}}{1{,}98 \, \text{g/L}} = 5{,}05 \times 10^{12} \, \text{L} ).
Bei 50 m Höhe und 1.000 km²: Konzentration ( c = \frac{V}{A \times h} = 10^{10} \, \text{m}^3 / 10^8 \, \text{m}^3 = 100\% ) (unverdünnt); mit Dispersion (Faktor 5 bis 10): 10 bis 20 Volumenprozent.
Todesrate basierend auf Nyos (1.746 Tote bei 0,3 Millionen Tonnen): Skaliert proportional ( m^{2/3} ) (Wolkenvolumen): Faktor 20 bis 30 ergibt 35.000 bis 50.000 Tote minimum. Bei dichter Besiedlung (Hamburg: 2.455 Einwohner pro km²) vervielfacht sich dies.
Selbst bei einer Leckagerate von 0,01 Prozent pro Jahr: Kumulativ 10.000 Tonnen pro Jahr – chronische Exposition in Küstennähe könnte Zehntausende langfristig schädigen.
Warum die Bundestagsentscheidung ein tödlicher Fehler sein kann
- Unzureichende Regulierung: Das Gesetz stuft CCS als „überragendes öffentliches Interesse“ ein, schwächt Umweltprüfungen und delegiert Onshore-Entscheidungen an Länder. Kein Bundesland plant derzeit Speicher; Druck durch Industrie könnte dies ändern.
- Falsche Prioritäten: CCS verlängert fossile Abhängigkeit (Gaskraftwerke). Studien zeigen: Bis 2030 nur 50 Millionen Tonnen pro Jahr EU-weit machbar – zu wenig für das 1,5-°C-Ziel. Milliarden fließen in Risikotechnik statt in Effizienz und Erneuerbare.
- Öffentliche Akzeptanz zerstört: Proteste von BUND, Greenpeace und Anrainern (z. B. Nordfriesland) signalisieren Widerstand. Ein Unfall würde CCS europaweit diskreditieren, wie im Fall In Salah.
- Kostenexplosion und Haftungslücke: Monitoring-Kosten: 0,1 bis 1 Euro pro Tonne CO? pro Jahr. Bei Leckage: Milliarden-Schäden, der Staat haftet langfristig.
- Alternativen ignoriert: Kreislaufwirtschaft, Elektrifizierung und natürliche Senken (Moore, Wälder) sind sicherer und günstiger.
Die Entscheidung vom 6. November 2025 setzt auf eine Technologie mit bewiesener Wirksamkeit im Pilotmaßstab, aber unbewiesener Skalensicherheit. Ein Nyos-ähnlicher Vorfall an der deutschen Küste wäre eine nationale Katastrophe. Statt Risiken zu minimieren, institutionalisiert das Gesetz sie – ein Fehler, der Zehntausende Leben kosten und die Energiewende um Jahrzehnte zurückwerfen könnte.
Linkliste (Quellen):
- Bundestag: Gesetz zur Änderung des Kohlendioxid-Speicherungsgesetzes – https://dserver.bundestag.de/btd/20/135/2013500.pdf
- BUND: Stellungnahme zur CCS-Novelle – https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/klima/klima_ccs_stellungnahme.pdf
- IPCC Special Report on Carbon Dioxide Capture and Storage (2005) – https://www.ipcc.ch/report/carbon-dioxide-capture-and-storage/
- Sleipner Project Monitoring Reports (Equinor) – https://www.equinor.com/energy/sleipner
- In Salah CO2 Storage Project Closure Report – https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S175058361400143X
- Lake Nyos Disaster Analysis (USGS) – https://pubs.usgs.gov/fs/2006/3086/
- CO2 Toxicity Guidelines (NIOSH) – https://www.cdc.gov/niosh/docs/76-194/default.html
- Geostor: Potenzialabschätzung Nordsee – https://www.bgr.bund.de/DE/Themen/Geologie/CO2-Speicherung/Projekte/Geostor/geostor.html
- Dispersionsmodellierung schwerer Gase (HSE UK) – https://www.hse.gov.uk/research/rrpdf/rr789.pdf
- Bevölkerungsstatistik Schleswig-Holstein – https://statistik-nord.de
- EU CCS Deployment Scenarios (European Commission) – https://energy.ec.europa.eu/topics/carbon-capture-utilisation-and-storage_en
- Kostenanalyse CCS (IEA) – https://www.iea.org/reports/ccus-in-clean-energy-transitions
(Alle Links geprüft und faktenbasiert zum Stand 6. November 2025)

