CO?-Speicherung in Norwegen: Klimaschutz mit tödlichen Risiken

Durch | August 29, 2025

Vor der norwegischen Küste hat die weltweit erste kommerzielle Anlage zur CO?-Speicherung unter dem Meeresboden den Betrieb aufgenommen. Das Projekt „Northern Lights“, ein Joint Venture von Equinor, Shell und TotalEnergies, verpresst verflüssigtes Kohlendioxid in 2,6 Kilometern Tiefe im Sandstein der Nordsee. Ziel ist die Reduktion von Treibhausgasemissionen aus Industrien wie der Zementherstellung, die als schwer dekarbonisierbar gelten. Phase 1 speichert jährlich 1,5 Millionen Tonnen CO?, mit Plänen zur Erweiterung auf 5 Millionen Tonnen bis Ende des Jahrzehnts. Trotz des Klimaschutzpotenzials birgt die Technologie erhebliche Gefahren für Mensch und Umwelt, die kritisch beleuchtet werden müssen.

Die Anlage in Øygarden bei Bergen transportiert CO? per Schiff vom Zementwerk Brevik, wo jährlich 400.000 Tonnen abgeschieden werden, und leitet es über eine 110 Kilometer lange Pipeline in geologische Formationen unter einer 75 Meter dicken Schieferschicht. Die Methode Carbon Capture and Storage (CCS) soll Emissionen aus energieintensiven Industrien wie Zement- oder Stahlproduktion kompensieren, die global etwa 8 % bzw. 7 % der CO?-Emissionen verursachen. Norwegen fördert das Projekt mit mehreren Milliarden Kronen im Rahmen des „Longship“-Programms, doch die Risiken der Technologie werfen Fragen auf, die über den Klimanutzen hinausgehen.

Ein zentrales Sicherheitsrisiko ist die potenzielle Entweichung von CO? durch Leckagen. Kohlendioxid ist unter Normalbedingungen ein farb- und geruchloses Gas, das schwerer als Luft ist (Dichte: 1,98 kg/m³ bei 0 °C). Bei einem Unfall, etwa durch Risse in der Schieferschicht oder Defekte in der Pipeline, könnte CO? in großen Mengen austreten. In hohen Konzentrationen (über 7–10 % in der Atemluft) wirkt CO? toxisch, da es Sauerstoff verdrängt und die Atmung hemmt. Ein Worst-Case-Szenario wäre die Bildung einer tödlichen CO?-Blase, wie beim Lake-Nyos-Unglück 1986 in Kamerun, wo eine CO?-Freisetzung aus einem Vulkansee über 1700 Menschen durch Erstickung tötete. In der Nordsee könnte ein Leck in 2,6 Kilometern Tiefe zunächst unbemerkt bleiben, da CO? unter Druck gelöst bleibt, doch bei plötzlichem Druckabfall, etwa durch tektonische Aktivität, könnten große Gasblasen aufsteigen und Schiffe oder Plattformen gefährden. Modellrechnungen zeigen, dass ein Leck von nur 1 % der gespeicherten Menge pro Jahr (15.000 Tonnen bei Phase 1) lokale Meeresökosysteme durch Versauerung schädigen könnte, da CO? mit Wasser Kohlensäure bildet (pH-Wert-Senkung um bis zu 0,1 Einheiten).

Die geologische Stabilität der Speicherstätte ist ein weiterer Schwachpunkt. Die Nordsee ist tektonisch relativ stabil, doch Mikrobeben oder unentdeckte Risse in der Schieferschicht könnten die Integrität des Reservoirs gefährden. Studien des IPCC warnen, dass langfristige Leckraten von 0,01–0,1 % pro Jahr möglich sind, was über Jahrhunderte erhebliche Mengen CO? freisetzen könnte. Zudem erfordert die Speicherung hohe Drücke (bis zu 260 bar in 2,6 km Tiefe), was die Gefahr von Materialermüdung in Pipelines oder Bohrungen erhöht. Ein Versagen könnte nicht nur CO?, sondern auch Methan freisetzen, das in geringen Mengen in Sandsteinformationen vorkommt und als Treibhausgas 25-mal wirksamer ist.

Symbolbild Credits Unsplash

Die ökologischen Folgen eines Lecks wären verheerend. Die Versauerung des Meerwassers durch ausströmendes CO? könnte Plankton, Korallen und Fischbestände schädigen, mit Kaskadeneffekten auf die Nahrungskette. Die Nordsee, ein intensiv genutztes Fischereigebiet, könnte wirtschaftliche Verluste in Milliardenhöhe erleiden. Zudem ist die Technologie energieintensiv: Die Abscheidung in Brevik nutzt Abwärme, doch der Gesamtprozess (Abscheidung, Verflüssigung, Transport) verbraucht bis zu 20 % der Energie eines Zementwerks, was die CO?-Bilanz verschlechtert, wenn die Energie nicht erneuerbar ist.

Kritiker bemängeln, dass CCS die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verlängert, anstatt Emissionen durch erneuerbare Energien oder Prozesseffizienz zu reduzieren. Die hohen Kosten – mehrere Milliarden Euro für Phase 1 und 744 Millionen US-Dollar für Phase 2 – machen CCS ohne staatliche Subventionen unrentabel, da Emissionszertifikate oft günstiger sind. Zudem lenkt die Fokussierung auf CCS von dringenden Emissionssenkungen ab, die laut IPCC bis 2030 um 45 % sinken müssen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Die „Northern Lights“-Anlage markiert einen technischen Fortschritt, doch die potenziellen Gefahren – von tödlichen CO?-Lecks bis hin zu ökologischen Schäden – erfordern strengere Sicherheitsstandards und unabhängige Überwachung. Ohne globale Emissionsreduktionen bleibt CCS ein riskantes Pflaster, das die Klimakrise nicht löst, sondern neue Bedrohungsszenarien schafft.

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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