Am 13. Januar 2026 veröffentlichte das US-amerikanische National Institutes of Health (NIH) die Ergebnisse einer großen, randomisierten klinischen Studie, die eine der wichtigsten Fragen der modernen Krebsprävention beantwortet: Reicht eine einzige Dosis des humanen Papillomavirus (HPV)-Impfstoffs aus, um einen vergleichbaren Schutz gegen HPV-Infektionen und die daraus resultierenden Krebserkrankungen zu bieten wie die bisher empfohlene Zwei-Dosis-Schema bei Jugendlichen?
Die Antwort lautet nach den nun publizierten Daten im New England Journal of Medicine (Ausgabe vom 18. Dezember 2025, Early Online am 3. Dezember 2025): Ja – statistisch nicht schlechter, in vielen Analysen sogar vergleichbar gut.
Hintergrund: HPV, Krebs und die globale Impflücke
Humanes Papillomavirus ist die häufigste sexuell übertragbare Infektion weltweit. Besonders die Hochrisiko-Typen HPV16 und HPV18 sind für mehr als 70 % aller Zervixkarzinome (Gebärmutterhalskrebs) verantwortlich, der weltweit etwa 250.000 Frauen pro Jahr das Leben kostet. Weitere HPV-Typen verursachen Vulva-, Vagina-, Penis-, Analkarzinome sowie einen Großteil der Oropharynxkarzinome (Rachen-/Mundhöhlenkrebs), vor allem bei Männern.
Seit 2006 sind prophylaktische HPV-Impfstoffe verfügbar – zunächst bivalent (Cervarix: HPV16/18), später quadrivalent und nonavalent (Gardasil/Gardasil 9: zusätzlich Typen 6/11/31/33/45/52/58). Die ursprüngliche Zulassung sah für Jugendliche zwei Dosen vor (heute oft drei Dosen bei Erwachsenen oder Immunsupprimierten). Die Impfraten sind jedoch global alarmierend niedrig: Weniger als 30 % der jungen Mädchen weltweit sind geimpft – in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas liegt die Rate unter 10 %.
Eine Reduktion auf eine einzige Dosis würde Logistik, Kosten und Akzeptanz dramatisch verbessern – besonders in ressourcenarmen Regionen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt seit 2022 eine Ein-Dosis-Regelung bereits als Alternative, wenn zwei Dosen logistisch nicht machbar sind. Bislang fehlte jedoch eine direkte, randomisierte Vergleichsstudie.
Die Costa-Rica-Studie: Design und Ergebnisse
Die NIH-finanzierte Studie unter Leitung von Aimée Kreimer (National Cancer Institute) und Carolina Porras (Agencia Costarricense de Investigaciones Biomédicas) umfasste mehr als 20.000 Mädchen im Alter von 12–16 Jahren in Costa Rica (Rekrutierung 2017–2020). Die Teilnehmerinnen wurden randomisiert in drei Gruppen:
- Eine Dosis bivalent (Cervarix)
- Eine Dosis nonavalent (Gardasil 9)
- Zwei Dosen des jeweiligen Impfstoffs (Kontrollgruppe)
Nach sechs Monaten erhielt die Hälfte der Ein-Dosis-Gruppe eine Placebo-Impfung (Tdap gegen Tetanus/Diphtherie/Pertussis). Alle Teilnehmerinnen wurden über fünf Jahre regelmäßig auf neue persistierende HPV-Infektionen untersucht (definiert als Infektion über ≥6 Monate oder zwei konsekutive positive Tests).
Zusätzlich wurde eine Querschnittsbefragung bei über 3.000 ungeimpften Frauen und Mädchen durchgeführt, um die natürliche HPV-Prävalenz zu bestimmen.
Wichtigste Ergebnisse
- Beide Impfstoffe (bivalent und nonavalent) zeigten mit einer einzigen Dosis eine Schutzwirkung gegen persistierende Infektionen mit HPV16/18, die statistisch nicht schlechter war als bei zwei Dosen.
- Die Schutzwirkung lag in allen Analysen bei ≥97 % gegen persistierende HPV16/18-Infektionen.
- Auch gegen weitere onkogene Typen (z. B. 31/33/45/52/58) war der Schutz mit einer Dosis hoch und nicht signifikant schlechter als bei zwei Dosen.
- Die Nicht-Unterlegenheit (non-inferiority) der Ein-Dosis-Regelung wurde für alle relevanten Endpunkte nachgewiesen.
Die Autoren schließen:
„Die Ergebnisse legen nahe, dass eine einzige Dosis eines HPV-Impfstoffs einen ausreichenden Schutz gegen HPV-Infektionen und nachfolgende Zervixkarzinome bietet – vergleichbar mit zwei Dosen.“
Globale Tragweite und nächste Schritte
Die Implikationen sind enorm:
- In Ländern mit schwacher Gesundheitsinfrastruktur könnte eine Ein-Dosis-Strategie die Impfabdeckung verdoppeln oder verdreifachen.
- Die Kosten pro geschütztem Leben würden massiv sinken – entscheidend für Programme in Subsahara-Afrika, Südostasien und Lateinamerika.
- Die Logistik würde einfacher: Nur ein Termin statt zwei, weniger Kühlkettenprobleme, höhere Akzeptanz bei Eltern und Jugendlichen.
- Der globale Krebspräventions-Effekt könnte früher und stärker eintreten – besonders bei Zervixkarzinom, das in ressourcenarmen Ländern oft erst in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert wird.
Die Studie ist nicht perfekt – sie wurde in Costa Rica durchgeführt (mittleres Einkommensland), Langzeitdaten (>10 Jahre) stehen noch aus, und die Nicht-Unterlegenheit bezieht sich auf persistierende Infektionen, nicht direkt auf Krebsprävention (was ethisch und logistisch kaum machbar wäre). Dennoch gelten persistierende Hochrisiko-HPV-Infektionen als notwendige Vorstufe für die allermeisten HPV-assoziierten Karzinome.
Fazit: Ein potenzieller Game-Changer in der Krebsprävention
Die Costa-Rica-Studie liefert den bisher stärksten Beweis dafür, dass eine einzige Dosis HPV-Impfstoff bei Jugendlichen einen Schutz bietet, der dem Zwei-Dosis-Schema statistisch ebenbürtig ist. Wenn diese Ergebnisse in weiteren Kohorten und Langzeitbeobachtungen bestätigt werden, könnte die WHO-Empfehlung zur Ein-Dosis-Regelung zur globalen Standardempfehlung werden.
Für Millionen Mädchen und junge Frauen – besonders in Ländern, in denen der Zugang zu zwei Dosen illusorisch bleibt – wäre das ein entscheidender Schritt hin zu einer Welt, in der Zervixkarzinom und andere HPV-bedingte Krebsarten weitgehend vermeidbar werden. Die Studie unterstreicht einmal mehr: Manchmal ist weniger mehr – wenn die Wissenschaft dahinter stimmt.
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