Forscher fordern biokulturellen Ansatz zur Stärkung des Natura-2000-Netzwerks

Durch | April 1, 2026

Das Natura-2000-Netzwerk, mit rund 27.000 Schutzgebieten das weltweit größte länderübergreifende Schutzgebietsnetz, steht vor großen Herausforderungen: Viele der geschützten Arten und Lebensräume weisen keinen günstigen Erhaltungszustand auf, und in manchen Regionen fehlt es an öffentlicher Akzeptanz. Forscher der Universitäten Göttingen und Kassel plädieren nun in einer neuen Perspektivstudie für einen „biokulturellen Ansatz“, der traditionelle Praktiken, lokales Wissen, Werte und kulturelle Identität stärker in den Naturschutz einbezieht. Dies könnte das Netzwerk zukunftsfähig machen – insbesondere im Kontext des EU-Ziels, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen.

Die Studie mit dem Titel „Future-proofing Natura 2000 through a biocultural approach“ wurde am 14. März 2026 in der Fachzeitschrift Conservation Letters veröffentlicht (DOI: 10.1111/con4.70038). Lead-Autor ist Professor Tobias Plieninger von der Forschungsgruppe Sozio-Ökologische Interaktionen in Agrarsystemen an der Universität Göttingen und der Universität Kassel. Co-Autoren sind Dr. Marion Jay (Göttingen) und Professor Tibor Hartel (Klausenburg/Cluj-Napoca, Rumänien).

Viele Schutzgebiete hängen von traditioneller Nutzung ab

„Viele Lebensräume von europäischer Bedeutung, wie Streuobstwiesen oder orchideenreiche Kalkmagerrasen, sind durch jahrhundertelange landwirtschaftliche Nutzung entstanden. Sie können nur erhalten werden, wenn diese Bewirtschaftungsformen fortgeführt werden“, erklärte Plieninger. Der bioculturelle Ansatz nutzt die enge Verknüpfung von Natur und Kultur in historisch geprägten Landschaften. Natur und Kultur beeinflussen sich gegenseitig – effektiver Naturschutz gelingt daher nur in enger Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung.

Der Ansatz erfordert keine grundlegende Änderung der Naturschutzgesetzgebung (Vogelschutz- und FFH-Richtlinie), sondern ein Umdenken bei der Umsetzung. Managementpläne sollten gemeinsam mit den betroffenen Gemeinden entwickelt werden. In die Überwachung (Monitoring) könnten lokales ökologisches Wissen und die Nutzung von Tier- und Pflanzenarten einfließen. Förderprogramme sollten stärker kollaborative und ergebnisorientierte Maßnahmen unterstützen.

„Wenn Menschen sich als Teil der Landschaft sehen und Verantwortung übernehmen, stärkt das den Naturschutz langfristig“, betonte Plieninger.

Fünf Handlungsfelder für einen bioculturellen Ansatz

Die Autoren skizzieren fünf zentrale Dimensionen:

  1. Rolle der lokalen Bevölkerung — Einbeziehung von Traditionen, Werten und Wissen; gemeinsame Erarbeitung von Managementplänen; Förderung von Stewardship (Verantwortungsübernahme).
  2. Gestaltung des Schutzgebietsnetzwerks — Berücksichtigung natürlicher und kultureller Landschaften als Einheit.
  3. Monitoring — Integration biocultureller Aspekte, z. B. lokales Artenwissen.
  4. Finanzielle Unterstützung — Bessere Förderung kollaborativer, ergebnisorientierter Naturschutzmaßnahmen.
  5. Forschung — Vertiefung des Verständnisses sozio-ökologischer Wechselwirkungen.

Fallbeispiele aus Deutschland, Rumänien und Spanien

Die Studie verweist auf konkrete Beispiele:

  • In Deutschland zeigen coppiced (auf den Stock gesetzte) Wälder, wie traditionelle Nutzung Licht auf den Waldboden bringt und licht- und wärmeliebende Arten fördert.
  • In Rumänien (Zentralrumänien, z. B. sächsische Region/Tarnava Mare) haben jahrhundertealte traditionelle Landwirtschaft und gemeinschaftliche Bewirtschaftung eine einzigartige Kulturlandschaft geschaffen. Hier leben geschützte Arten wie die Gelbbauchunke (Bombina variegata), der Braunbär (Ursus arctos) sowie zahlreiche Pflanzen, Schmetterlinge, Käfer und Vögel, die andernorts stark zurückgegangen sind. Extensive Weide- und Mahdwirtschaft in High-Nature-Value-Landschaften (HNV) erhält Artenreichtum und bietet zugleich Lebensgrundlage für die Bevölkerung.
  • In Spanien (z. B. Dehesas) demonstrieren ähnliche agroforstliche Systeme die Synergien zwischen traditioneller Nutzung und Biodiversität.

Diese Beispiele zeigen: Viele Arten der Anhänge der FFH-Richtlinie sind auf niedrigintensive, traditionelle Bewirtschaftung angewiesen. Aufgabe oder Intensivierung führt oft zum Verlust dieser Lebensräume.

EU-Kontext und aktuelle Entwicklungen

Natura 2000 umfasst derzeit etwa 27.000 Gebiete und deckt rund 18,6 % der Landfläche sowie über 10 % der Meeresfläche der EU ab. Dennoch ist der Erhaltungszustand vieler Arten und Habitate unzureichend (nach früheren Berichten nur etwa 27 % der Arten in gutem Zustand). Die EU-Kommission hat kürzlich Leitlinien zur Anpassung des Netzwerks an den Klimawandel veröffentlicht.

Ein Waldgebiet in einem Naturschutzgebiet im Landkreis Göttingen wird als Niederwald bewirtschaftet d h regelmäßig bis zum Boden zurückgeschnitten um das Wachstum anzuregen Dieses Gebiet ist Teil des Natura 2000 Netzwerks Durch die Niederwaldwirtschaft gelangt viel Licht bis zum Waldboden So werden geschützte Pflanzen und Tierarten gefördert die Licht und Wärme benötigen Ein biokultureller Ansatz unterstützt traditionelle Bewirtschaftungsmethoden die dieses Natur und Kulturerbe ganzheitlich erhalten oder wiederbeleben

Der biokulturelle Ansatz könnte helfen, Akzeptanzprobleme zu lösen und Konflikte zwischen Naturschutz und lokaler Wirtschaft zu verringern – besonders in ländlichen Regionen Osteuropas wie Rumänien, wo traditionelle kleinbäuerliche Strukturen noch weit verbreitet sind.

Die Autoren sehen den Ansatz als Chance, Natura 2000 gegen politische Unsicherheiten, Klimawandel und interne regulatorische Konflikte zu „future-proofen“. Eine stärkere Einbindung der Menschen könne zu mehr Innovation, lokaler Verantwortung und langfristigem Erfolg führen.

Die Perspektivstudie ist open access verfügbar.

Original publication: Plieninger, T.; Jay, M.; Hartel, T. Future-proofing Natura 2000 through a biocultural approach. Conservation Letters (2026). DOI: 10.1111/con4.70038

(Quellen: Pressemitteilung Universität Göttingen, Originalpublikation in Conservation Letters, ergänzende EU-Daten zur Natura-2000-Berichterstattung.)

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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