
IKEA, der schwedische Möbelriese, hat mit dem Tiny House ein Produkt auf den Markt gebracht, das als Inbegriff nachhaltigen Wohnens vermarktet wird. Dieses kompakte, modulare Wohneinheit aus Holz, Solarpaneelen und energieeffizienten Materialien soll Verbrauchern eine umweltfreundliche Alternative zu konventionellen Häusern bieten – ideal für minimalistische Lebensstile in Zeiten des Klimawandels. Mit einem Preis ab rund 40.000 Euro positioniert IKEA das Tiny House als bezahlbare, platzsparende Lösung, die CO?-Emissionen minimiert und Ressourcen schont. Die Werbekampagne betont Kreislaufwirtschaft: Das Haus sei aus zertifiziertem Holz gefertigt, recycelbar und energieautark. Doch hinter diesem grünen Image lauern Zweifel. Kritiker sehen im Tiny House ein Paradebeispiel für Greenwashing – eine Strategie, bei der Unternehmen ihre Umweltschäden durch selektives Marketing kaschieren. Besonders die Abholzungen durch IKEAs Lieferketten in den rumänischen Karpaten und anderen Ländern werfen ein schiefes Licht auf solche Initiativen. Sie unterstreichen, dass IKEAs Nachhaltigkeitsversprechen oft mehr PR als Praxis sind.
Das Tiny House ist kein Einzelfall in IKEAs grüner Offensive. Seit 2015 hat der Konzern seine Nachhaltigkeitskommunikation massiv ausgebaut: Bis 2030 will IKEA 100 Prozent erneuerbare Energie nutzen, Abfall vermeiden und den Wasserverbrauch halbieren. Produkte wie das Tiny House passen perfekt in diese Narrative – sie verkörpern „grünes Wohnen“ und appellieren an umweltbewusste Konsumenten. Doch der Begriff Greenwashing beschreibt genau solche Diskrepanzen: Wenn ein Unternehmen seine Öko-Image pflegt, während seine Kernaktivitäten der Umwelt schaden. IKEA verbraucht jährlich rund 21 Millionen Kubikmeter Holz – das entspricht einem Baum pro Sekunde. Über 60 Prozent davon stammen aus Osteuropa und Russland, Regionen mit hoher Korruption in der Forstwirtschaft. Solche Zahlen machen es schwer, das Tiny House als echten Beitrag zur Nachhaltigkeit zu sehen, wenn der Großteil der verwendeten Ressourcen aus fragwürdigen Quellen kommt.

Die Vorwürfe gipfeln in den rumänischen Karpaten, Europas letzter großer Hort unberührter Wälder. Diese Gebirgskette beherbergt über die Hälfte der verbliebenen Urwälder außerhalb Skandinaviens und ist Heimat seltener Arten wie Braunbären, Luchse und Wisente. Laut Untersuchungen von Greenpeace und Agent Green beziehen IKEAs Lieferanten Holz aus diesen Hochschutzwäldern, darunter Natura-2000-Gebiete, die unter EU-Recht geschützt sein sollten. Ein Bericht von Greenpeace aus 2024, „Assemble the Truth“, deckt auf, dass sieben IKEA-Zulieferer – darunter Masifpanel und Aramis Invest – systematisch alte Wälder abholzen. Diese Firmen produzieren Bestseller wie den Ingolf-Stuhl oder das Sniglar-Babybett, die in 13 Ländern, einschließlich Deutschland, verkauft werden. IKEA ist der größte Abnehmer dieser Produkte, was eine hohe Wahrscheinlichkeit birgt, dass problematischem Holz in Möbeln landet. Die Abholzung erfolgt oft unter dem Deckmantel „sanitären Holzens“, obwohl die Bäume gesund sind – eine gängige Methode, um Schutzvorschriften zu umgehen.
In Rumänien, wo IKEA bis zu 10 Prozent seines Holzes bezieht, hat der Konzern seit 2015 riesige Waldflächen aufgekauft und ist damit der größte private Landbesitzer. Satellitenbilder und Felduntersuchungen zeigen Kahlschläge in sensiblen Zonen, die zu Bodenerosion, Hochwasserrisiken und Biodiversitätsverlust führen. Nur 2,4 Prozent der Karpatenwälder sind derzeit vor Abholzung geschützt, obwohl EU-Biodiversitätsstrategien 10 Prozent strenge Schutz fordern. Greenpeace schätzt, dass IKEAs Einkäufe jährlich 400.000 Kubikmeter Jungwald-Holz verbrauchen, was 20 Quadratkilometer alte Wälder pro Jahr auslöscht. Die FSC-Zertifizierung, die IKEA als Nachhaltigkeitsgarantie wirbt, wird hier kritisiert: Der rumänische Standard ist seit 2017 unverändert und ignoriert moderne Schutzregeln, was ihn zu einem „Marketing-Tool“ macht. Solche Praktiken widersprechen IKEAs Versprechen, nur verantwortungsvoll geholztes Holz zu nutzen. Stattdessen nährt der Konzern eine Industrie, die Europas Biodiversität bedroht – genau jene, die Produkte wie das Tiny House als „umweltfreundlich“ verkaufen sollen.
Ähnliche Skandale ereignen sich in anderen Ländern. In der Ukraine, wo IKEA Holz aus den Karpaten bezieht, deckte Earthsight 2020 auf, dass Lieferanten wie VGSM illegal Bäume fällen, oft in der Schonzeit von April bis Juni, die die Biodiversität schützen soll. Dieses Holz floss in Stühle wie den Terje oder Ingolf, die weltweit verkauft wurden. Die Abholzung korreliert mit Überschwemmungen, die 2020 Dutzende Tote und Milliardenschäden verursachten – Experten nennen Deforestation als Hauptursache. In Russland, von wo IKEA 62 Prozent seines Holzwachstums bezieht, wurde 2021 enthüllt, dass Millionen Fichten aus geschützten Borealwäldern illegal geschlagen und über indonesische Zulieferanten in Kindermöbel wie die Sundvik-Serie gelangten. Diese Wälder speichern so viel Kohlenstoff wie der Amazonas und sind anfällig für Brände durch unvollständige Kahlschläge. Earthsight schätzt, dass IKEA jährlich 1.700 russische Bäume verarbeitet, viele illegal. Auch in Belarus und Polen gibt es Vorwürfe: Korrupte Forstämter erteilen falsche Lizenzen, und IKEA profitiert von billigem Holz, ohne ausreichende Kontrollen.
Diese globalen Abholzungsfälle machen das Tiny House zum Symbol für IKEAs Doppelmoral. Das Produkt wirbt mit FSC-zertifiziertem Holz und Kreislauffähigkeit, doch wenn dasselbe Zertifikat in Rumänien oder Russland illegales Logging kaschiert, entlarvt sich das als Greenwashing. IKEA verbraucht mehr Holz als je zuvor – 2024 waren es 21 Millionen Kubikmeter – und expandiert in Osteuropa, wo Korruption die Regel ist. Interne Debatten, wie CEO Jesper Brodin 2019 zugab, drehen sich um Greenwashing-Risiken, doch die Maßnahmen bleiben oberflächlich: Interne Untersuchungen fehlen an Unabhängigkeit, und FSC-Reformen stocken. Kritiker wie Greenpeace fordern IKEA auf, Lieferketten zu säubern und für strengere EU-Gesetze zu werben. Stattdessen setzt der Konzern auf PR: Das Tiny House lenkt von den wahren Kosten ab – zerstörten Ökosystemen, die Klimaziele sabotieren.
Die Implikationen reichen weit. Europas Wälder sind essenziell für CO?-Speicherung und Biodiversität; ihr Verlust verschärft den Klimawandel. In Rumänien führte Abholzung zu Überschwemmungen, in Russland zu Mega-Feuern. Verbraucher, die das Tiny House als grüne Investition sehen, finanzieren unwissentlich diese Zerstörung. IKEA könnte Vorreiter sein: Durch Transparenz, wie den Digitalen Produktpass, oder Verzicht auf Hochrisiko-Quellen. Doch solange Lieferanten alte Wälder plündern, bleibt das Tiny House ein leerer Versprechen. Es mahnt: Nachhaltigkeit muss geprüft werden, nicht nur beworben. In einer Zeit, da der Green Deal 1 Billion Euro für Umweltschutz vorsieht, muss IKEA von Marketing zu Taten übergehen – oder sein grünes Image verlieren.
Quellen:
- https://www.greenpeace.org/international/press-release/66349/ikea-furniture-destroys-some-of-europes-last-remaining-ancient-forests/
- https://news.mongabay.com/2024/04/ikea-blamed-for-romanian-forest-destruction/
- https://www.euronews.com/green/2024/06/09/ikea-in-the-spotlight-flatpack-furniture-linked-to-systematic-destruction-of-romanian-fore
- https://www.independent.co.uk/climate-change/news/greenpeace-ikea-eastern-europe-carpathian-mountains-nature-b2526381.html
- https://newrepublic.com/article/165245/ikea-romania-europe-old-growth-forest
- https://www.romania-insider.com/ikea-sourcing-wood-old-growth-romanian-forests-greenpeace-2024
- https://www.occrp.org/en/news/report-ikea-linked-to-illegal-logging-in-protected-russian-forests
- https://www.earthsight.org.uk/news/press-release/flatpacked-forests-ikea-ukraine-report
- https://news.mongabay.com/2020/06/ikea-using-illegally-sourced-wood-from-ukraine-campaigners-say/
- https://www.marleysmonsters.com/blogs/greenwashing-greenwishing-or-greenhushing/is-ikea-greenwashing

