Jugend und die Meere 2026: Faszination trifft auf wachsende Sorge

Durch | Januar 12, 2026

Die Ozeane sind 2026 eines der zentralen Schlachtfelder globaler Umweltpolitik. Korallenbleiche in Rekordausmaß, Mikroplastik in jedem Liter Meerwasser, Übersäuerung, Überfischung und die dramatische Erwärmung der Meere – kaum ein anderes Ökosystem steht so sehr im Brennpunkt der Klimakrise. Vor diesem Hintergrund hat der Internationale Jugendwettbewerb „jugend creativ“ im Rahmen seines 56. Wettbewerbs (Thema: „Meer entdecken“) eine repräsentative Umfrage unter 14- bis 20-Jährigen in Deutschland durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen ein klares Bild: Die emotionale Bindung ans Meer ist enorm – doch parallel dazu wächst eine tiefe, oft lähmende Sorge um seine Zukunft. Gleichzeitig klafft eine riesige Lücke zwischen Bewusstsein und konkretem Handeln.

Emotionale Ambivalenz: Sehnsuchtsort und Krisenherd zugleich

Die spontane Assoziation der Jugendlichen mit dem Meer ist nach wie vor überwiegend positiv. 39 Prozent nennen zuerst Ruhe und Erholung, 27 Prozent Spaß und Abenteuer, 22 Prozent Freiheit und Weite. Das Meer bleibt für viele der letzte große Sehnsuchtsort – Symbol für Unendlichkeit, Entgrenzung und Entspannung in einer hochverdichteten, digital durchgetakteten Lebenswelt.

Doch diese Romantik bröckelt. 41 Prozent der Befragten geben an, dass Faszination und Sorge sich die Waage halten; bei weiteren 21 Prozent überwiegt bereits die Sorge. Das bedeutet: Mehr als 60 Prozent der 14- bis 20-Jährigen verbinden das Meer heute mit einer starken negativen Komponente. Das ist ein dramatischer Wandel innerhalb weniger Jahre. Noch 2018/2019 dominierten in vergleichbaren Umfragen (z. B. Shell-Jugendstudie) fast ausschließlich positive Assoziationen.

Diese Ambivalenz spiegelt die reale Lage wider. Die Jugendlichen wachsen mit Bildern von gebleichten Korallen, Plastikstränden und sterbenden Walen auf. Gleichzeitig erleben viele den Ozean selbst – im Urlaub, beim Baden, beim Surfen – als einen der wenigen Orte, an denen sie noch echte Weite spüren. Die emotionale Zerrissenheit ist also keine Widerspruchshaltung, sondern ein realistisches Abbild der Gegenwart: Das Meer ist gleichzeitig Zuflucht und Mahnmal.

Hohes Bewusstsein – niedriges Engagement

91 Prozent der Befragten halten Meeresschutz für wichtig oder sehr wichtig. Das ist ein extrem hoher Wert, der zeigt, wie tief das Thema in der jungen Generation verankert ist. Dennoch: Nur 4 Prozent engagieren sich aktiv. 53 Prozent haben schon einmal darüber nachgedacht, sind aber nicht aktiv geworden. Diese Lücke zwischen Einstellung und Verhalten ist eines der zentralen Rätsel der Klimageneration.

Die Gründe dafür sind vielfältig und gut erforscht:

  • Gefühl der Ohnmacht („Was bringt es schon, wenn ich alleine Plastik vermeide?“)
  • Überforderung durch die Komplexität der Lösungen
  • Zeitmangel durch Schule, Ausbildung, Nebenjobs
  • Fehlen niedrigschwelliger, attraktiver Beteiligungsformate
  • Das Gefühl, dass Politik und Wirtschaft das Problem ohnehin nicht ernst nehmen

Gerade die letzte Wahrnehmung ist fatal: Wenn junge Menschen das Gefühl haben, dass ihr Engagement „nichts bringt“, weil die großen Verursacher (Industrie, Schifffahrt, Agrarchemie) weiter ungestört agieren dürfen, sinkt die Bereitschaft rapide. Die Umfrage bestätigt indirekt, was andere Studien bereits zeigten: Die Jugend ist nicht apathisch – sie ist resigniert.

Jugend und die Meere 2026 Faszination trifft auf wachsende Sorge Credits Pugnalom

Informationsquellen und die Rolle von Kreativität

Interessant ist, woher die Jugendlichen ihr Wissen beziehen: 65 Prozent nennen die Schule als Hauptquelle, 62 Prozent soziale Medien/Internet, 56 Prozent TV-Dokumentationen. Das zeigt: Die klassische Wissensvermittlung funktioniert noch, wird aber massiv ergänzt durch digitale Kanäle. TikTok, Instagram Reels und YouTube-Kanäle wie „Kurzgesagt“, „Terra X“ oder Influencer wie „Rezo“ und „MaiLab“ haben einen enormen Einfluss auf das Umweltbewusstsein der jungen Generation.

Besonders aufschlussreich ist der Wert von 42 Prozent, die kreatives Arbeiten (Malen, Zeichnen, Fotografieren) als hilfreich für den Zugang zu komplexen Umweltthemen empfinden. Das ist kein Zufall. Kreativität erlaubt es, abstrakte, oft deprimierende Sachverhalte emotional zu verarbeiten, ohne sofort in Ohnmacht zu verfallen. Das Bild eines sterbenden Korallenriffs zu malen, ist etwas anderes als es nur zu lesen. Es schafft Distanz und zugleich Nähe – genau das, was viele Jugendliche brauchen, um nicht in Klimadepression zu versinken.

Genau hier liegt die große Chance des Wettbewerbs „jugend creativ“: Er bietet einen Raum, in dem Sorge in Gestaltung umgewandelt werden kann. Kreative Auseinandersetzung ist keine Ablenkung vom Ernst der Lage, sondern ein Weg, sie zu bewältigen.

Fazit: Die Jugend ist nicht die Rettung – aber ein entscheidender Hebel

Die Umfrage zeigt eine Generation, die das Meer liebt und gleichzeitig um es trauert. Sie ist hochinformiert, emotional berührt und intellektuell alarmiert – und dennoch größtenteils handlungsunfähig. Das ist keine Schwäche der Jugendlichen. Es ist ein Versagen der Gesellschaft, ihnen keine realistischen, wirkungsvollen Beteiligungsmöglichkeiten zu bieten.

Wenn Politik und Wirtschaft ernsthaft wollen, dass die junge Generation nicht resigniert, dann müssen sie:

  • niedrigschwellige, echte Mitbestimmung schaffen (Jugendbeiräte mit Vetorecht in Umweltfragen),
  • kreative Formate massiv fördern,
  • den großen Verursachern (Plastikindustrie, Schifffahrt, Agrarchemie) endlich verbindliche Reduktionsziele aufzwingen,
  • und vor allem: aufhören, die Jugend als moralische Instanz zu instrumentalisieren, während man gleichzeitig die systemischen Ursachen unangetastet lässt.

Das Meer bleibt für die 14- bis 20-Jährigen 2026 ein Ort der Sehnsucht. Aber es wird zunehmend auch zu einem Ort der Angst. Ob daraus Hoffnung wird, hängt nicht nur von ihnen ab – sondern vor allem davon, ob die Älteren endlich handeln.


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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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