
Gestern kündigte ein Konsortium aus Bundesumweltministerium, Umweltbundesamt (UBA), Fraunhofer Gesellschaft und zehn weiteren Institutionen an, die Böden Deutschlands auf ihre Biodiversität im Forschungsprojekt „Basiserfassung Bodenbiodiversität“ (BioDive4Soil) untersuchen zu wollen. Ziel sei es, den „guten biologischen Bodenzustand“ zu definieren und folgenreiche Abweichungen zu erkennen. Zusammen mit der Erhebung von Daten zu Regenwürmern, Springschwänzen, Milben, Nematoden, Pilzen und Bakterien werden auch Einflussfaktoren erfasst. Denn im Gegensatz zu den umfangreichen Kenntnissen zum Beispiel über Gewässerökosysteme, fehlten Informationen zur Bewertung des biologischen Bodenzustands und seine Veränderungen über die Zeit bisher gänzlich, heißt es in einer aktuellen Mitteilung.

Tatsächlich ist die Welt der Klein- und Kleinstlebewesen im Boden größtenteils unbekannt. Gesichert ist lediglich, dass sich in den Böden der Welt 60 Prozent der gesamten Artenvielfalt der Erde tummeln, und dass in einer Handvoll gesundem Boden deutlich mehr Organismen leben als Menschen auf der Erde – also derzeit über acht Milliarden. Es sind diese Organismen, die dafür sorgen, dass überhaupt Pflanzen wachsen und Nährstoffkreisläufe funktionieren können. Ganz gleich, ob es um Bodenfruchtbarkeit, um die Regenwasser- oder Kohlenstoffspeicherkapazität des Bodens oder um seine essentielle Funktion als Kinderstube für Insekten geht: Fakt ist, dass der Boden bislang auf beschämende Weise malträtiert und ausgebeutet wurde, dass er vielen als quasi unerschöpfliche, ewige Ressource gilt. Es wird also höchste Zeit, dem Thema Boden deutlich mehr Forschung, mehr Aufmerksamkeit – und mehr Respekt – entgegen zu bringen.
Die wichtigste Ursache zunehmender Bodendegeneration ist die konventionelle Landwirtschaft mit ihren Pestiziden, synthetischen Düngemitteln, den Monokulturen, der intensiven Bodenbearbeitung und der Bodenverdichtung, dem Vernichten von Säumen, Feldgehölzen, Hecken und Streuobstwiesen. Aber auch die ungebremste Versiegelung und der Klimawandel setzen ihm zu.
Hier einige wissenschaftliche Studien über den Zusammenhang zwischen Bodenbewirtschaftung und Bodenlebewesen:
- Eine systematische Übersicht in npj Biodiversity (2024) verglich 35 alternative Praktiken (z. B. pfluglos (No-Till), Schutzpflanzendecke (Cover-Crops), organische Düngung) mit konventionellen Methoden und fand, dass alternative Praktiken die Biodiversität insgesamt fördern. Regenwürmer beispielsweise profitierten hiervon konsistent, da diese Praktiken die Bodenstruktur erhalten. Gleichzeitig zeigten Bodenbakterien positive Reaktionen auf eine organische Düngung. Eine intensive Bodenbearbeitung verringerte dagegen sowohl die Anzahl größerer Bodenlebewesen wie Regenwürmern wie auch von kleineren wie Springschwänze. Die Forscher nehmen an, dass die Zerstörung der Pilzbiomasse durch die Bearbeitung eine entscheidende Rolle dabei spielen.
- Eine umfassende Meta-Analyse von 54 Studien belegt, dass Pestizide die Artenvielfalt und Anzahl von Bodentieren wie Regenwürmern, Milben, Springschwänzen und Insekten signifikant verringern. Besonders starke Effekte zeigen sich bei Einsatz mehrerer Wirkstoffe und von Insektiziden, selbst bei empfohlener Dosierung.
- Eine im Januar 2025 veröffentlichte Studie zeigt, dass eine hohe Vielfalt eingesetzter Pestizide die Zusammensetzung und Funktion von Bodenmikroben massiv verändert. Es kommt zu einer Dominanz von Spezialisten, während Generalisten und die Komplexität mikrobieller Netzwerke abnehmen – mit Folgen für den Nährstoffkreislauf und die Bodenfruchtbarkeit.
- Der Einsatz von synthetischen Düngemitteln reduziert die Vielfalt und Aktivität wichtiger Bodenorganismen wie Mykorrhizapilze, Springschwänze (Collembolen) und Milben. Organische Düngung hingegen fördert die Artenvielfalt und Aktivität der Bodenfauna. In einer Langzeitstudie in China zeigte sich zudem, dass organische Düngung die Gesamtzahl und Vielfalt von Bodentieren (z. B. Hornmilben (Oribatiden), Collembolen, Grünalgen (Mesostigmata) erhöht, während mineralische Düngung in älteren Beständen kaum noch positive Effekte hat.
- Monokulturen führen zu einer Verarmung der mikrobiellen Gemeinschaften im Boden. Es dominieren spezialisierte Mikroorganismen, während die Vielfalt und damit die Widerstandsfähigkeit des Bodens gegen Krankheiten und Stress abnimmt. Die kontinuierliche Nutzung derselben Kulturpflanze erschöpft bestimmte Nährstoffe, fördert spezifische Krankheitserreger und schwächt das Gleichgewicht im Bodenökosystem.
- Studien zeigen, dass vielfältige Fruchtfolgen die mikrobielle Biomasse und Aktivität im Boden um bis zu 112?% (Kohlenstoff) und 58?% (Stickstoff) gegenüber Monokulturen erhöhen können. Auch die Fähigkeit des Bodens, Nährstoffe umzusetzen, steigt deutlich an.
- Bodenversiegelung durch Materialien wie Asphalt oder Beton, hat ebenfalls signifikante negative Auswirkungen auf Bodenlebewesen, wiesen Forscher in einer weiteren Studie nach. In Böden, die nicht versiegelt sind, leben deutlich mehr und aktivere Mikroorganismen. Wenn der Boden versiegelt ist (z.?B. durch Straßen oder Gebäude), nimmt die Menge an organisch gebundenem Kohlenstoff und Stickstoff stark ab – Lebensgrundlage für Bakterien und Pilze. Gleichzeitig arbeiten die Mikroorganismen in versiegelten Böden weniger effizient. Ihre Enzyme sind weniger aktiv, was bedeutet, dass wichtige Bodenprozesse langsamer ablaufen oder sogar zum Erliegen kommen können. Entscheidend ist auch der deutlich geringere Wassergehalt in versiegelten Böden. Die Trockenheit schadet den Bodenlebewesen zusätzlich.
Quellen
Biodiversity: Pesticides have widespread, harmful effects on soil fauna
Effects of Conventional and Organic Agricultural Techniques on Soil Ecology – JournalQuest
How do monocultures impact soil health and biodiversity? | TutorChase
How Does Monoculture Negatively Impact Life in Soil? – The Environmental Literacy Council

