Öffentliches Grün: Ist eine Pflanzengesellschaft mit Trompetenbaum sinnvoll?

Durch | Dezember 10, 2024
Credits: Rasheeque Ahnaf/pexels

Ein Berliner Forscher beschreibt in seiner Dissertation eine Pflanzengemeinschaft aus Blut-Trompetenbaum (Catalpa erubescens ‚Purpurea‘) und verschiedenen Stauden als mögliche pflegeleichte und kostengünstige Alternative zu den üblichen Grünflächen in Städten und Gemeinden.

„Das Stadtgrün ist von unschätzbarem Wert als Lebensraum für Pflanzen und Tiere und ebenso wichtig für Klima, Luft und Boden“, heißt es in der „Charta für das Berliner Stadtgrün“, einer Selbstverpflichtung des Landes Berlin. Berlins Stadtgrün trage maßgeblich „zur Qualität und Attraktivität von Berlin als Lebens-, Wohn-, Arbeits-, Freizeit- und Wirtschaftsstandort sowie als Reiseziel bei“ und sei ein „schützenswertes Erbe“. Doch in der Charta bekennt Berlin auch, dass „in den zurückliegenden Jahrzehnten in der Pflege und Unterhaltung der Grünanlagen, Personal und Sachmittel eingespart“ wurden und die „Pflege nicht im notwendigen Maß durchgeführt werden“ konnte. Viele öffentliche Parkanlagen, Sport- und Spielplätze Berlins bedürften einer Grundinstandsetzung und Ertüchtigung, heißt es in der Charta.

Credits: Rasheeque Ahnaf/pexels
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Wie städtisches Grün angesichts finanzieller und personeller Notlagen der Kommunen pflegearm, artenreich und robust gestaltet werden kann, daran forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am TU-Fachgebiet Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung seit Jahren. Dominic Wachs, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet, hat in seiner Dissertation „Coppicing – Entwicklung widerstandsfähiger und langlebiger (selbsterneuernder) Pflanzengemeinschaften unter Einfluss von mittlerer Störung am Beispiel des Coppicingsystems“ untersucht, ob sich aus der Kombination von Stauden mit Gehölzen pflegearme, artenreiche und robuste Pflanzengemeinschaften bilden. Dabei werden die Gehölze mit der Coppicing-Technik, der radikalen Schnittmethode „Auf-den-Stock-Setzen“. Diese Pflanzengemeinschaften sollen dem Umstand Rechnung tragen, dass Kommunen für städtisches Grün weniger Geld zur Verfügung haben, gut ausgebildetes Fachpersonal fehlt und der Klimawandel andere Anforderungen an die Flora im urbanen Umfeld stellt.

2018 legte er auf dem Versuchsstandort der TU Berlin in Berlin-Dahlem 54 Parzellen an. Jede Parzelle hat eine Größe von neun Quadratmetern. Es gibt 18 Parzellen, die mit sechs Staudenarten und dem Gehölz Catalpa x erubescens ‘Purpurea‘ (Blut-Trompetenbaum) bepflanzt wurden. Das war das Grundmodul. Die Stauden wurden nach verschiedenen Strategie- und Funktionstypen ausgewählt. Dominic Wachs entschied sich für Stauden der Strategietypen Flächenbesetzung, moderate Stressanpassung, Flächenbedeckung, Lückenbesetzung und Stressvermeidung. Bei den Funktionstypen wählte er Gerüstbildner, Begleitstauden, Bodendecker, Füllstauden und Geophyten (Zwiebel- oder Knollenpflanzen).

Das Grundmodul wurde um sechs Staudenarten sowie um zwölf Staudenarten erweitert. Es bestehen also 18 Parzellen mit sechs Staudenarten, 18 Parzellen mit zwölf Staudenarten und 18 Parzellen mit 18 Staudenarten. Des Weiteren gibt es in den jeweils 18 Parzellen jeweils sechs Parzellen mit zwei, vier und fünf Gehölzen. Bei 27 Parzellen wurden die Gehölze jährlich stark zurückgeschnitten; in der anderen Hälfte jedes zweite Jahr.

Dadurch, dass Dominic Wachs unterschiedliche Stauden-Strategietypen miteinander mischte, entstand eine starke Schichtung der Pflanzen, denn Pflanzen wachsen nicht nebeneinander, sondern übereinander. Diese Schichtung bewirkt, dass der Boden dauerhaft bedeckt ist, Feuchtigkeit speichert und Unkräuter es schwer haben, sich anzusiedeln, was den Pflegeaufwand reduziert. Das ist ein wichtiges Ergebnis. Ein zweites wichtiges Ergebnis ist, dass trotz Pflanzung einer dominanten Art wie des Gehölzes Catalpa x erubescens ‘Purpurea‘ eine höhere Artenvielfalt erzielt wird, wenn die Gehölze alle zwei Jahre geschnitten werden. Bisher erweisen sich die Parzellen mit einer geringeren Gehölzdichte und dem jährlichen Schnitt als pflegeärmer. Kurzlebige, sich durch Aussaat erhaltende Arten verschwanden in diesen Parzellen dafür fast gänzlich. Dagegen blieb die Artenanzahl in den Parzellen mit einem zweijährigen Schnittrhythmus erhöht und die Pflege war im Durchschnitt etwas aufwändiger. Insgesamt jedoch ist der Pflegeaufwand in beiden Varianten als gering einzustufen.

„Schwankende Umweltbedingungen habe ich zudem sowohl durch den jährlichen als auch den zweijährigen bodentiefen Rückschnitt der Gehölze erzeugt. Die Gehölze wachsen auf und erzeugen Schatten. Dann wiederum entstehen durch den Rückschnitt sonnigere Flächen. Der Rückschnitt der Gehölze verhindert, dass diese in den Parzellen zu dominant werden und die Stauden sich nicht entwickeln können. Auch stellt er eine Störung in diesem kleinen Ökosystem dar. Durch diese Störung übernimmt keine Pflanzenart die Herrschaft. Es bildet sich ein pflanzliches Habitat der ‚friedlichen Koexistenz‘, in dem sich viele Arten entwickeln können. Die höhere Biodiversität macht Pflanzengemeinschaften resilienter gegen Schwankungen wie Trockenheit, Hitze oder Starkregen. Denn ich habe Staudenarten gewählt, die mit diesen unterschiedlichen Umweltbedingungen unterschiedlich gut zurechtkommen. Wenn zum Beispiel in einem sehr trockenen Jahr der Oxford-Storchschnabel (Geranium x oxonianum) ausfällt, weil er an Trockenheit nicht gut angepasst ist, dann kann die Gold-Wolfsmilch (Euphorbia polychroma) diesen Ausfall ausgleichen, da ihr Trockenheit weniger ausmacht“, erläutert Dominic Wachs.

Das Prinzip der Störung einer Pflanzengemeinschaft ist der Natur abgeschaut. Die in der Prärie zuweilen ausbrechenden Feuer drängen Gehölze zurück. So haben auch andere Pflanzenarten eine Chance. „In unserer Forschung am Fachgebiet lassen wir uns von der Frage leiten, wie die Prinzipien der Natur auf ein gärtnerisches System übertragen werden können“, so der Landschaftsarchitekt und Garten-Landschaftsbauer.

Sein 2018 gestartetes Forschungsprojekt, Stauden und Gehölze miteinander zu kombinieren, beruht auf der Idee des Coppicing des britischen Wissenschaftlers Nigel Dunnett. „Coppice bedeutet Niederwaldwirtschaft. Nachdem in Europa im Hochmittelalter die Wälder abgeholzt waren, die Menschen aber weiterhin Brenn- und Baumaterial brauchten, nutzten sie Baumarten wie zum Beispiel Ahorn, Linde und Hainbuche, die, wenn man sie beschnitt, wieder austrieben. Dunnet begann in den 1990er-Jahren, Gehölze der Niederwälder mit Stauden zu mischen. Auch sein Motiv war es, pflegearme Pflanzengemeinschaften zusammenzustellen, die sich für städtische Grünflächen eignen“, sagt Dominic Wachs.

Kommentar

Zweifellos ist es dringend notwendig, die Grünflächenpflege zu reformieren. Wer offenen Auges durch „seine“ Stadt, „sein“ Dorf geht und ökologisch interessiert ist, wird die Probleme schnell erkennen:

  1. Fernab jedes gärtnerischen oder baumpflegerischen Fachwissens werden sämtliche – auch freistehende – Sträucher kastenförmig beschnitten („Formschnitt“) und große Bäume ihrer Krone beraubt, also gekappt. Damit werden Blüten- und Fruchtbildung unterbunden (Nahrung und Unterschlupf für Vögel, Kleinsäuger und Insekten geht verloren) und viele Gehölze krankgeschnitten.
  2. Moderne Unarten der sogenannten Pflege sind Mulchmäher, Laubsauger und Laubbläser: Bodennahe Insekten werden zermalmt, deren Gelege, Nahrungsgrundlage und Überwinterungsquartier zerstört. Darüber hinaus wird bei der Mulchmahd das Mähgut auf der Fläche belassen, wo es fault und den Nährstoffeintrag befeuert. Das Ergebnis: Die ohnehin konkurrenzschwachen Wildblumen gehen zugrunde und werden von stickstoffliebenden Pflanzen wie Gräsern überwuchert.
  3. Zu häufige Mahd, zu tiefe Mahd von Grünflächen. In der Regel wird ein- bis zweimal pro Monat gemäht – viel zu häufig, als dass sich dort Wildblumen entwickeln, versamen oder halten könnten. Die geringe Schnitthöhe von wenigen Zentimetern unterbindet nicht nur den Wuchs ökologisch sinnvoller Pflanzen, sondern tötet mittels rotierender Werkzeuge sämtliche bodennah lebenden Tiere.
  4. Pestizide werden nach wie vor verwendet. Von den ca. 10.800 Gemeinden in Deutschland haben sich lediglich rund 600 entschieden, „weitgehend“ auf den Einsatz von Pestiziden zu verzichten.

Hinzu kommt der Trend zum Minimalismus: Wer einen Garten sein Eigen nennt, will ihn mit möglichst geringem Pflegeaufwand unterhalten. Beete, Sträucher, Obst- und Laubbäume sind diesem Hang längst zum Opfer gefallen – übrig geblieben sind öde Rasenflächen mit Koniferen oder vollflächig verschotterte Bereiche rund ums Haus. Gerade letzteres wird, obwohl offiziell missbilligt, stillschweigend geduldet: Indirekt untersagen die meisten Landesbauordnungen Schotterflächen, da unbebaute Flächen wasseraufnahmefähig und begrünt sein müssen. Kommunen haben also durchaus eine rechtliche Handhabe, gegen Schotterflächen vorzugehen. Allerdings müssten einige zunächst einmal vor der eigenen Haustür kehren: Vielerorts wurden große Flächen rund um Verwaltungsgebäude entgrünt und verschottert.

Übrigens ist die Gesamtfläche aller privaten Gärten vergleichbar mit der sämtlicher Naturschutzgebiete in Deutschland. Hinzu kommen die Grünflächen der Städte und Gemeinden, zu der es zwar keine genauen Zahlen gibt, aber Anhaltspunkte. So entfallen beispielsweise in Baden-Württemberg etwa drei Prozent der Siedlungs- und Verkehrsfläche auf die Nutzungsart „Grünanlage“. Laut Statistischem Bundesamt erhöhte sich die Grünfläche in den 14 bevölkerungsreichsten Städten des Landes zwischen 1996 und 2018 von durchschnittlich 18 auf 25 Quadratmeter pro Kopf. Bedenkt man, dass das Gros öffentlichen Grüns letztlich vor allem kurzgeschorene Rasenflächen sind, wird unschwer klar, welch immenses Potenzial da brach liegt…

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