
Die Gipskarstlandschaft in Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ist das größte und bedeutendste Gipskarstgebiet Mitteleuropas und beherbergt als Biodiversitätshotspot 18 „Südharzer Zechsteingürtel, Kyffhäuser und Hainleite“ hunderte geschützte Arten. Doch der Karst ist stark bedroht: Obwohl vielfach als Naturschutzgebiete ausgewiesen, wird dem Bergbau der Vorrang für den Abbau selbst artenreichster Areale gegeben. Auf diese Weise hat die Bergbauindustrie allein im niedersächsischen Teil bereits mehr als 50 Prozent der einmaligen Landschaft zerstört – und damit auch den Lebensraum seltener Pflanzen und Tiere.

KOMMENTAR
Die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Bergbauindustrie ist eng. Bei derzeitigen millionenschweren Bauprojekten wie dem Abriss und Neubau des Osteroder Schwimmbads „ALOHA“ (ursprünglich geschätzte Kosten: 20,1 Mio Euro; derzeitige Kostenschätzung: 32,1 Mio Euro) sowie der Restaurierung der Schachtruppvilla (zusätzlich 2,7 Mio Euro) kommt tonnenweise „weißes Gold“ zum Einsatz: Gips, der aus den Gebieten des Biodiversitätshotspots stammt, wird vom Bergbauunternehmen CASEA geliefert. CASEA wiederum gehört zur REMONDIS-Gruppe, einem Global Player für Recycling, Wasser und Rohstoffe mit weltweit etwa 800 Standorten in mehr als 30 Ländern. Eigentümer der Gruppe mit Hauptsitz in Lünen, Deutschland, ist die Familie Rethmann, deren Vermögen auf 3,56 Milliarden Euro geschätzt wird.
Stellen Naturschutzverbände oder Medienvertreter Fragen nach dem Sinn der massiven Zerstörung durch die Bergbauindustrie wie CASEA, Saint Gobain (Gesamt-Umsatz ca. 28 Mrd. Euro) und Knauf (15,4 Mrd. Umsatz), tragen Lokalpolitiker und Interessenvertreter stets die gleichen Argumente vor: Die Bergbauindustrie sorge für Arbeitsplätze und zahle die dringend benötigte Gewerbesteuer in der ansonsten „strukturschwachen“ Harzregion. Konkrete Zahlen und Fakten? Fehlanzeige – und auch im Vergleich zu den millionenschweren Ausgaben für o.g. Prestigeprojekte eine Farce.
Ebenso wenig werden Alternativen diskutiert oder gar forciert. So stellt sich die Frage, warum sich nicht ein einziges Gipskarst-Projekt im LEADER-Programm der Europäischen Union findet, obwohl doch mit diesem seit 1991 „modellhaft innovative Aktionen im ländlichen Raum“ gefördert werden sollen. Stattdessen hat LEADER ein Schießkino für die Südharzer Jäger in Aschenhütte bei Herzberg finanziert.
Der Tourismus z.B. könnte rund um den Gipskarst ganze Regionen ernähren (Sachsen-Anhalt macht es vor): Ein länderübergreifendes „Biosphärenreservat Karstlandschaft“ würde zwar nicht die Multi-Milliardenkonzerne und -familien füttern, wohl aber sinnvoll und nachhaltig die Menschen in Arbeit und Lohn führen. Doch das ist politisch nicht gewollt. Ebenso wenig wie eine angemessene Förderung des Gipsrecyclings. Denn praktisch kann Gips unbegrenzt wiederverwendet werden, sofern er nicht verunreinigt ist – und es gibt kaum ein Problem, das sich technologisch nicht lösen ließe. Doch Gipsrecycling ist in Deutschland ein Stiefkind. Während in Skandinavien z.B. immerhin ein Drittel recycelt wird, sind es in Deutschland keine zehn Prozent. Bedenkt man, dass je nach Szenario pro Jahr in Deutschland zwischen 670.000 und 1,3 Mio Tonnen allein an Gipskartonplatten (Gips-Estriche und -anstriche nicht mitgerechnet) anfallen, kann man sich schwerlich ausrechnen, warum die Deponien hierzulande überquellen. Bis 2032 wird mehr als die Hälfte der derzeit betriebenen rund 1.000 Deponien das Ende ihrer Betriebsdauer erreichen.

